Medikamente am Steuer

Wenn Nasenspray die Sicht vernebelt Wenn Nasenspray die Sicht vernebelt

Medikamente am Steuer

— 17.10.2002

Wenn Nasenspray die Sicht vernebelt

Im Herbst kommen sie wie das Amen in der Kirche – Husten, Schnupfen, Heiserkeit. Da helfen Spray und Tropfen. Aber Vorsicht! Medikamente können die Reaktion am Steuer beeinträchtigen.

Medikamente als Unfallursache

Eine Tablette gegen Kopfschmerzen und eine Ladung Spray für die Schniefnase – bei dieser Kombination wird kaum ein Autofahrer glauben, dass er sich besser nicht mehr hinters Steuer setzen sollte. Ein Irrtum. Denn die Medizin macht nicht nur die Nase frei und den Kopf wieder klar, sondern lähmt auch die Reaktionen des Körpers. Experten der Verkehrswacht schätzen, dass bei jedem vierten schweren Unfall (mit Toten oder Verletzten) Medikamente im Spiel sind – das sind rund 90.000 Unfälle. Und die Richter kennen in solchen Fällen kein Pardon.

Ob mit oder ohne Schnaps, ein Medikamenten-Rausch wird wie Alkohol am Steuer bestraft. Deshalb muss sich ein Autofahrer vom Arzt und Apotheker über die möglichen Auswirkungen der verschriebenen Medikamente aufklären lassen. Das gilt auch für die rezeptfreien, aber apothekenpflichtigen Mittel, die vor allem in der Grippezeit genommen werden. Welche Folgen eine unbedachte Medikamenteneinnahme für Autofahrer haben kann, erklärt Bernd Schmitz, Versicherungsexperte der ONTOS, im Interview mit autobild.de.

Warum werden Grippemittel oder Schnupfenspray von Autofahrern oft unterschätzt? Schmitz: "Rund ein Fünftel aller Medikamente, die derzeit auf dem Markt sind, haben Auswirkungen auf die Fahrtüchtigkeit. Die Crux: Nicht nur auf verschreibungspflichtige Arzneimittel kann dies zutreffen, sondern auch auf frei verkäufliche Präparate. Viele Verkehrsteilnehmer, die Medikamente einnehmen, sind sich darüber nicht bewusst, dass diese ihre Fahrtüchtigkeit beeinflussen können. Dabei spielen diese Autofahrer nicht nur mit der Sicherheit und dem Leben anderer Verkehrsteilnehmer, sondern handeln zudem grob fahrlässig und riskieren ihren Versicherungsschutz. Wer Medikamente einnimmt, sollte deshalb grundsätzlich Vorsicht walten lassen."

Vorsicht, grobe Fahrlässigkeit

Was für Folgen kann die Einnahme von Medikamenten für Autofahrer haben? Schmitz: Ob ein Medikament die Verkehrstüchtigkeit beeinflusst, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Wichtige Kriterien sind Alter, Geschlecht, Körperbau und Gewicht des Patienten. Entscheidend sind zudem die Grunderkrankung sowie die Dosierung und Einnahme weiterer Medikamente. Grundsätzlich gilt: Wer Medikamente einnimmt und nach dem Lesen des Beipackzettels nicht sicher ist, ob er noch optimal reagieren kann, sollte die Hände vom Lenkrad lassen. Denn die Rechtssprechung ist eindeutig: "Wer Medikamente einnimmt und sich danach ans Steuer setzt, ohne den Hinweis auf mögliche Beeinträchtigungen der Fahrtüchtigkeit zu beachten, handelt unverantwortlich und damit grob fahrlässig", entschied das Oberlandesgericht Köln (Az.: VersR 86,229).

Das bedeutet vor Gericht: Für die Kaskoversicherung besteht keine Leistungspflicht, wenn der Unfall durch Medikamenteneinfluss verursacht wurde. Der Fahrer muss seinen Schaden aus eigener Tasche zahlen. Schäden an anderen Fahrzeugen und Personen sind allerdings auch beim Tatbestand der groben Fahrlässigkeit durch die Kfz-Haftpflicht abgesichert.

Der unbedingte Verzicht auf Alkohol sollte unter Medikamenteneinnahme außer Frage stehen. Denn Alkohol kann auch in geringen Mengen die Wirkungen von Arzneimitteln, die die Fahrtüchtigkeit beeinflussen, erheblich verstärken. Wer mehrere Medikamente einnehmen muss, sollte bedenken, dass sich diese auch in ihrer Wirkung untereinander beeinflussen können. Wer nicht auf das Autofahren verzichten kann, sollte die Einnahme aller Medikamente in jedem Fall mit seinem Arzt oder Apotheker besprechen. Denn wenn bei einem Unfall nachzuweisen ist, dass die Einnahme von Medikamenten zum Unfall geführt hat, erlischt nicht nur der Kasko-Versicherungsschutz. Bußgeld, Fahrverbot und schlimmstenfalls sogar eine Freiheitsstrafe können die Folge sein.

Medizin – was wirkt wie?

Welche Medikamente können für Autofahrer besondere kritisch sein? Schmitz: Vorsicht walten lassen sollten in jedem Fall Patienten bei folgenden Medikamenten:

Schmerzmittel: Selbst leichte Präparate können bereits das Reaktionsvermögen im Straßenverkehr verändern, zu Benommenheit führen oder die Pupillen verengen, so dass das Sehen im Dunkeln erschwert wird. Bei starken Mitteln (Morphine) gilt absolutes Fahrverbot.

Hustenblocker: Ob ärztlich verordnetes Mittel oder Selbstmedikation aus dem freien Apothekenverkauf; Hustenblocker sind am Lenkrad besonders riskant. Denn Mittel, die den Husten unterdrücken, haben meist Einfluss auf das zentrale Nervensystem. Das gilt übrigens auch für rezeptfreie Mittel, deren Wirkung durch andere Arzneimittel und Alkohol noch verstärkt werden kann.

Bluthochdruck: Viele Medikamente haben kaum Einfluss auf das Reaktionsvermögen, einige können jedoch zu starken Nebenwirkungen führen, so dass die Fahrtüchtigkeit nicht mehr gewährleistet ist. Daher sollten Straßenverkehrsteilnehmer grundsätzlich beim Arzt oder in der Apotheke nach dem "verkehrssichersten" Medikament fragen.

Schlaf- und Beruhigungsmittel: Vor allem in der Anfangsphase sowie in Kombination mit anderen Medikamenten ist äußerste Vorsicht geboten. Zudem ist der Alkoholverzicht bei diesen Mitteln besonders ernst zu nehmen. Für Kraftfahrer sind nur wenige Präparate geeignet. Auskunft geben Arzt oder Apotheker.

Antiallergische Arzneimittel: Einige wirken beruhigend, andere haben keinen Einfluss auf die Reaktionsfähigkeit. Aber: Da bestimmte Präparate - etwa gegen Heuschnupfen - nicht rezeptpflichtig sind, sollte in jedem Fall der Rat des Apothekers zur Fahrtüchtigkeit eingeholt werden.

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