EU krempelt Kfz-Handel um

Mehr Wettbewerb nach Monti-Reform

Mehr Wettbewerb nach EU-Reform

— 18.07.2002

Im Autohandel wird es schwerer

Mehr Anbieter, größere Auswahl. Die EU krempelt den Kfz-Handel um. Gewinner sind die Verbraucher, Verlierer die Händler.

Deutsche Preise sind am höchsten

Der Verbraucher hat künftig die Wahl: Mega-Autozentren in Großstädten mit Wagen verschiedenster Hersteller, Supermärkte, die mit Neuwagenschnäppchen werben, Sonderangebote aus dem Internet: Nachdem die EU-Kommission gestern mit der Reform des Autoverkaufs, die im Oktober in Kraft tritt, eine der letzten kartellrechtlich geschützten Bastionen Europas gefällt hat, steht die Branche vor dramatischen Umwälzungen. Mit der Neuordnung der Branche sollen Neuwagen und Autoreparaturen preisgünstiger werden. Vor allem die Deutschen sollen profitieren, weil, so kritisiert EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti, hierzulande die Neuwagenpreise im europäischen Vergleich besonders hoch seien.

Bislang durften die Autohändler nur Fahrzeuge ihres Vertragsherstellers verkaufen. Künftig können sie unter einem Dach vom Skoda bis zum Porsche alle Modelle anbieten. Folge der Liberalisierung ist eine zusätzliche Konkurrenz in der Branche, die wiederum auf die Preise drücken könnte. "Sieben Prozent Ermäßigung bei Neuwagen sind in den kommenden Jahren realistisch", sagte Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des Center Automotive Research der Fachhochschule Gelsenkirchen, dem Abendblatt, während der ADAC vor Euphorie warnt. Die Hersteller schätzen, dass die Preise hierzulande nicht fallen. Statt Senkungen in Deutschland könne der EU-Vorstoß eher zu Erhöhungen in den Ländern führen, in denen Autos bislang günstiger waren.

Verschärft werden soll der Wettbewerb noch, wenn 2005 auch ausländische Autohändler den deutschen Kollegen das Leben schwer machen. Von diesem Jahr an darf jeder Händler in der EU in jedem Land der Gemeinschaft eine Filiale eröffnen. Da Autohäuser künftig ihre Fahrzeuge an Weiterverkäufer wie Supermärkte oder Internetshops abgeben dürfen, dürfte auch von dieser Seite der Druck auf die Preise zunehmen.

Kleine Autohändler unter Druck

Sparen könnten die Autofahrer auch bei den Reparaturen: Nach den EU-Regeln geht der Garantieschutz für den Wagen nicht verloren, wenn er statt beim Markenhändler zu günstigeren Preisen in einer freien Werkstatt repariert wird. Während sich die Verbraucher über sinkende Preise freuen dürfen, steht der Verlierer der EU-Verordnung schon fest: Im meist mittelständischen Autohandel wird es eine Bereinigung geben. Denn die Branche muss die radikale Neuordnung des Vertriebs in einer Zeit verkraften, die ohnehin schon schwer genug ist.

Der Absatz bei Pkw, klagen Hamburger Autohäuser gegenüber dem Abendblatt, sei in den vergangenen Monaten im Schnitt um 20 Prozent gesunken, um rund 30 Prozent ist der Verkauf von Nutzfahrzeugen zurückgegangen. Eine Besserung sei nicht in Sicht, zudem tendierten die Gewinnmargen der Betriebe gegen null. "Schwächere Autohäuser werden es jetzt noch schwerer haben", sagt der Hamburger Autohändler Alexander Tiedtke. Kollegen mit wenig Geldreserven, mit einer schlecht laufenden Marke, an einem ungünstigen Standort, sie alle dürften mit großer Sorge auf die gestern von der EU beschlossene Reform blicken. "Dem verschärften Wettbewerbsdruck werden einige nicht mehr standhalten", sagte Tiedtke, Geschäftsführender Gesellschafter des VW-Handels Willy Tiedtke.

Vor diesem Hintergrund befürchten Kritiker einen massiven Arbeitsplatzabbau in der Branche, wenn sie durch die EU-Reform jetzt noch stärker unter Druck gerät. Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte sich gegen die neuen Regeln stark gemacht und argumentiert, dadurch seien Tausende von Stellen bei den Händlern bedroht.





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