Mercedes 300 SL trifft SLR McLaren

Mercedes-Benz 300 SL – SLR McLaren Mercedes-Benz 300 SL – SLR McLaren

Mercedes 300 SL trifft SLR McLaren

— 09.10.2006

Sesam, öffne dich

Zwei automobile Schätze hatten exklusiv für AUTO BILD SPORTSCARS Tag der offenen Tür: Mercedes 300 SL und SLR McLaren.

Das Erscheinen der dreizehn Flügeltürer kündigt sich schon von Weitem an. Es ist eine Symphonie aus dem Gebrüll einer Horde Bestien, dem Sound gestopfter Trompeten und dem rabiaten Röhren widerwillig gezähmter Rennmaschinen. Anders formuliert: Der Krach ist grandios! Nur einer tanzt aus der Reihe und versucht, mit seinem modernen 626 PS starken V8-Kompressor im Stil eines Offshore-Powerboats gegen die zahlenmäßige Übermacht anzukämpfen. Vergeblich.

Wir sind am Starnberger See, einer Region mit phantastischer Landschaft und sagenhaften Immobilienpreisen – genau die richtige Umgebung also, um zwei automobile Superlative gegenüberzustellen: Mercedes 300 SL und McLaren SLR.

Viel zu schade für die Garage: Ein 300 SL muss einfach gefahren werden.

Da passt es gut, dass gleich ums Eck Hans Kleissl mit seiner Firma HK-Engineering sitzt, schließlich gilt der 54-Jährige in der 300-SL-Szene als der Guru unter den Restauratoren. Jedes Jahr im Sommer veranstalten Kleissl und seine bezaubernde Freundin Vanessa eine dreitägige Seen-Rallye mit Kunden und Freunden, die alle ein Motto teilen: Ich will Spaß, ich geb Gas! Denn die von Kleissl wiederaufbereiteten 50er-Jahre-Supersportler sollen sich nicht in Sammlergaragen langweilen: "Der Flügel ist ein Auto, das gefahren werden will", sagt Kleissl. "Er hat ja nicht umsonst die Gene eines Rennwagens. Unsere Autos sind jedenfalls alle vollgasfest." Sagt’s, klappt die Tür zu und prescht im schwarzen 300er derart davon, dass unser mitgebrachter SLR in einer riesigen Staubwolke verschwindet.

Rund 215 PS (bei den Versionen mit scharfer Nockenwelle, sonst 200 PS) bringt der Sechszylinder-Reihenmotor mit Benzin-Direkteinspritzung (!), siebenfach gelagerter Kurbelwelle und Trockensumpfschmierung an die Hinterachse. Das reicht dank der damals fabelhaften Aerodynamik (cw-Wert 0,36) und je nach Hinterachsübersetzung für 220 bis 260 km/h Spitze. Klar, dass der erstmals auf der "International Motor Show" in New York 1954 gezeigte Flügeltürer der schnellste Straßensportwagen seiner Zeit war – und auch der teuerste mit 29.000 Mark. Die Geschichte des intern W198 und von den Amis liebevoll "Gullwing" (Möwenflügel) getauften Coupés ist rasch erzählt: Zwei Jahre zuvor hatte Mercedes als Vorläufer einen neuen Sportwagen-Prototyp präsentiert. Dieser sogenannte W194 räumte noch im selben Jahr bei allen großen Rennen wie Mille Miglia, Le Mans, Nürburgring und Carrera Panamericana die Siegertrophäen ab.

Bei Promis war der 300 SL ein absolutes Must-Have

Vor allem der Doppelsieg vor Ferrari bei der legendären Panamericana 1952 brachte dem SL in Amerika viel Ruhm. So viel, dass der damalige Mercedes-Generalimporteur in den USA, Max Hoffmann, dem Vorstand zu einer Serienproduktion riet. Ein guter Rat: Von 1954 bis 57 (Roadster 57–63) wurden insgesamt 1400 Exemplare verkauft, an betuchte und prominente Kundschaft wie Argentiniens Präsident Juan Peron, Schauspieler Tony Curtis, Dirigent Herbert von Karajan oder den Schah von Persien. Andy Warhol verewigte den Wagen auf einem seiner berühmten Siebdrucke. Sogar im Tim-und-Struppi-Comic kam der 300 SL zu Ehren, wenn auch "nur" als Roadster. Fehlt letztlich ein Titel: 1999 wurde der Flügeltürer zum "Sportwagen des Jahrhunderts" erkoren.

Hightech in Action: Der SLR McLaren geht in 3,8 Sekunden auf 100 km/h.

Ob der SLR McLaren diesen Titel auch erobern kann, bleibt abzuwarten. Für Aufsehen sorgt er gleichermaßen. Wo immer der silberne Torpedo seinen Auftritt inszeniert, werden Fotohandys gezückt, Gespräche unterbrochen und Pizzastücke am Mund vorbeigeschoben. Wann hat man auch die Gelegenheit, ein 334-km/h-Geschoss im Wert eines Bungalows vorbeifahren zu sehen?! Technisch ist der Neue seinem "Ur-Ahnen" natürlich weit voraus: 370-mm-Keramik-Bremsscheiben hier, hydraulische Trommelbremsen dort. Während der eine im manuellen Race-Modus der Fünfgangautomatik in ganzen zehn Millisekunden hochschaltet, bemüht der andere einen filigranen Metallstock durch die Viergangkulisse. Und auch das Problem 30-Grad-Sommerhitze lösen beide unterschiedlich: Beim SLR genügt ein Knopfdruck der Klimaautomatik, SL-Piloten fahren einfach offen – mit aufgeschwungener Fahrertür.

Die Lizenz zum Adrenalin-Flash besitzen trotz ihres Alters- und Leistungsunterschieds beide: 220 Sachen im Alten berauschen mindestens so wie 300 km/h im McLaren. Eine Bestmarke jedoch wird kein SLR dieser Welt jemals brechen: Die wohl meisten Kilometer hat der Flügeltürer des US-Fotografen Douglas Duncan auf dem hübschen Buckel. Jeden Tag, Winter wie Sommer saß der 40 Jahre lang am Steuer seines schwarzen 300 SL – um ihn 1996 mit unglaublichen 450.000 Kilometern auf dem Tacho an Claude Picasso zu verschenken, den Sohn seines Freundes Pablo.

Autor: Ingo Roersch

Diesen Beitrag empfehlen

Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.