Mercedes-AMG GT R im Test

Mercedes-AMG GT R im Test

Mercedes-AMG GT R: Test

— 30.03.2017

Der schnellste Stern im Contidrom

Auf unserer Hausstrecke geht es neben der Ehre natürlich vor allem um die Bestzeit. Ganz neu am Start: der Mercedes-AMG GT R.

So ein Schwein! Nein, nicht das Auto. Wir haben Glück. Endlich stimmen alle Bedingungen. Der Asphalt entspannt unter fahrtüchtigen 14 Grad Oberflächentemperatur, der fiese März-Regen hat ausnahmsweise mal Pause, die Reifen stehen unter perfektem Druck, die satellitengestützte Datenaufzeichnung läuft, und in der Anzeige an der Einfahrt zum Handlingkurs blinkt nur für uns die "Null". Heißt: kein anderes Auto im Weg. Testfahrer Dierk Möller justiert den elektronisch geregelten Hinterradschlupf, stellt die passenden Stoßdämpfer- und Stabilitätsprogramme ein und lässt den Boliden sachte auf die Schranke zurollen.

Der AMG GT R greift den Porsche 911 GT3 RS an

Auf der Jagd nach der Bestzeit: 1:27,53 Minuten muss der AMG GT R auf dem Contidrom unterbieten.

Theatralische Stille wäre jetzt schön. Schließlich erahnen wir hier eine dramatische Rekordfahrt. Stattdessen grunzt und grummelt der Mercedes eher unbeteiligt, nüchtern schnaufen Kühlgebläse, von den warmen Reifen emporgewirbelte Steinchen prasseln ordinär klimpernd ins Radhaus – großes Kino hat wohl gerade Pause. Dabei hat die ganze Aktion hier eine filmreife Vorgeschichte. Bislang hält Porsche den Rekord. Oscarverdächtig stürmisch hat ein 911 GT3 RS (Typ 991) die 3,8 Kilometer lange Strecke umrundet – schneller als jeder andere Supersportler zuvor. Den Porsche hatten wir im Herbst 2015 um den Kurs gescheucht – in 1:27,53 Minuten. Audi? Lahm dagegen. BMW? Chancenlos. Corvette und Co? Ab auf die rechte Spur. Nun hat AMG den Handschuh auf den Teer geknallt. Mit dem GT R steht nämlich ab sofort ein Bolide bereit, der zumindest von den Anlagen her das Zeug hat, Porsche wie ein flatterndes Hühnchen vor sich her zu treiben.
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Die Abstimmung weist eindeutig Richtung Rennsport

585 PS, ultrasteife Abstimmung, Keramik-Bremsen und Cup-Reifen machen den GT R zum Sportgerät.

585 PS aus einem 4.0-V8-Biturbo, Fahrhilfen aus dem Motorsport, Hinterradlenkung, aktive Aerodynamiktricks, Cup-Reifen, belastbare Keramikbremsen, ultrasteife Abstimmung von Fahrwerk und Karosserie – so geht Motorsport mit Nummernschild. Allerdings: Das volle Potenzial und die allerletzten Zehntelsekunden presst nicht einfach nur ein durchgedrückter rechter Fuß aus dem Auto. Die Diva will nämlich in Stimmung gebracht werden. Nur mit Super plus im Tank gibt's den vollen Druck der 700 Newtonmeter Drehmoment. Allein bei gänzlich durchgewärmten Gummis lässt sich der Luftdruck auf den optimalen Rennstreckenwert bringen. Erst nach einigen "Probierrunden" findet Dierk Möller die optimale Tastenkombination für Radschlupf, Stabilitätskontrolle, Dämpferkennlinie und Antriebsabstimmung. Sogar der Heckflügel kennt mehrere Positionen.

Zurück an die Schranke. Möller hat auf den Einfahrrunden das Optimum gefunden und festgelegt: Reifendruck vorn 2,1 Bar, hinten 2,2; ESP aus, Fahrmodus Race, Traktionskontrolle auf die sechste von neun Stufen (1 = kein Schlupf, 9 = viel Schlupf), Dämpferstufe drei, Flügel steil – jetzt passt der AMG aufs Contidrom wie ein Kristallglasstöpsel in die Whiskykaraffe. Saugend, klemmend, absolut spielfrei – das Aroma bleibt, wo es hingehört.

Abartig hoher mechanischer Grip klebt den GT R auf die Piste

Haftung: Reifen, Fahrwerk und Aerodynamik pressen den grünen Sportler wie festgeklebt auf den Asphalt.

Wie der AMG: Quasi mit der Straße verzahnt, auf den Millimeter spurtreu stürzt sich der GT R nun endlich ins Rennen um die Top-Zeit. Drei wichtige Dinge helfen dabei. Die Brem-sen (im Testwagen 402 Millimeter gigantischer Keramik-Verbund vorn) packen so brutal wie stressresistent gegen Überhitzung zu. Der abartig hohe mechanische Grip (resultiert aus aerodynamischen Hilfen, sehr breiter Spur, klebrigen Reifen und sauberer Balance) hält den GT R wie an einem unsichtbaren Stahlseil geführt auf seiner Kreisbahn. Und: Das Einlenkverhalten ist in dieser Liga erstklassig. Kaum zuckt der Pilot am Lenkrad, paust das Auto den Kurvenwunsch ab. Die Hinterräder schlagen bis zu 1,5 Grad mit ein, sofort bauen die Reifen Seitenführung auf. Außerdem packen stocksteife Kugelgelenke (statt wie sonst schlabberiger Gummibuchsen) die hinteren Querträger – da wippt, neigt, schmiert oder schwimmt nichts. Wo stecken bloß die 1,6 Tonnen Leergewicht? Dem Vorwärtsdrang kann die Masse des GT R ebenfalls kaum etwas anhaben. Der brachiale Motor schießt den AMG in Richtung Horizont, einen Gang nach dem anderen peitscht das Getriebe mit saftigen Tritten durch.

Laut ist es, bebend, die Fuhre mag den satten Griff mit weiß gepressten Fingerkuppen. Kurz: ein dreckig-ordinärer Spaß mit viel Schweiß am Rücken. Mehr Sportwagen-Fahrgefühl inklusive Straßenverkehrszulassung gibt es derzeit wohl nicht. Mehr Tempo auch nicht. Geht die erste Runde noch aufs Konto Experimentieren nach der Kehre und Ausloten der schnellen Links, sitzen die Runden zwei und drei auf Anhieb. 1:26,46 steht auf dem Display des Datenrekorders – damit pulverisiert der AMG GT R die alte Rekordzeit. Schwein gehabt? Nee, perfekt vorbereitet!

Technische Daten Mercedes-AMG GT R: • Motor: V8, Biturbo, vorn längs • Hubraum: 3982 cm³ • Leistung: 430 kW (585 PS) bei 6250/min • max. Drehmoment: 700 Nm bei 1900/min • Vmax: 318 km/h • 0–100: 3,6 s • 0–200 km/h 10,2 s • Antrieb: Hinterradantrieb, Siebengang-Doppelkupplung • Tankinhalt: 65 l • L/B/H: 4551/1939/1287 mm • Leergewicht: 1619 kg • EU-Mix: 11,4 l Super plus/100 km • Abgas CO2:  259 g/km.
Jan Horn

Jan Horn

Fazit

Hielten wir die "Basismodelle" des AMG GT bislang für etwas zahnlos, überrascht und überwältigt uns der GT R. Der kratzt so scharf an der Grenze zu den echten Rennwagen – er ist ein absolut würdiger neuer Rekordhalter und eine unglaublich faszinierende Markenikone.

Stichworte:

Supersportwagen

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