Mercedes-Benz 400 SEL — AUTO BILD KLASSIK 2/2009 — 09.07.2009

Der Dicke und ich

autobild.de-Redakteur Nikolaus Eickmann wagte das Abenteuer und stieg vom neuen Mini in eine Mercedes S-Klasse von 1992 um. Fazit nach einem halben Jahr in dem Dickschiff: Es gibt kein zurück mehr in die Neuwagenwelt.
Mercedes-Benz 400 SEL W 140
Ein Schiff wird kommen: autobild.de-Redakteur Nikolaus Eickmann ist vom störungsanfälligen Leasing-Mini auf einen Mercedes 400 SEL umgestiegen. Im Gegensatz zum labilen Plastik-Mini ist die Mercedes-intern W 140 genannte S-Klasse noch aus dem Vollen geschnitzt.

Weitere Galerien werden geladen ...

ANZEIGE
Von Nikolaus Eickmann Manche Tage beginnen gut. Frühstück mit Blick auf die Elbe, danach per S-Klasse in den Verlag. Zuvor noch schnell dem jungen Blondschopf einen Kuss auf die Wange gedrückt, schon rollt die Lebensfrau im Mini Cooper Richtung Steuerberatungsbude. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin nicht reich. Der Mercedes ist Baujahr 1992 Jahre alt und kostete 5800 Euro. Mein defektfreudiger Mini aus dem Baujahr 2007 fristet seinem Leasingende als Frauenauto entgegen, weil ich die rollende Ruine nicht mehr sehen will. Sie merken, es wird kompliziert. 20.000 km fuhr ich mit abnehmender Freude den Cooper und lernte viele Leute kennen, die meisten arbeiten bei der BMW-Niederlassung. Nach der letzten Reparatur war klar: Es geht nicht mehr. Mit vergleichbaren Gefühlen legen andere dem Chef die Kündigung auf den Tisch oder tragen den Umzugskarton an der Frau vorbei.
92er Neupreis des 400 SEL: über 160.000 D-Mark
Komfortabler als im Fond eines W 140 mit Einzelsitzanlage ist es auch in einem neuen Maybach nicht.
Komfortabler als im Fond eines W 140 mit Einzelsitzanlage ist es auch in einem neuen Maybach nicht.
Ich suchte nach einem gebrauchten Mercedes, einem unkaputtbaren Alltagsbewältiger. Bei diesen Vorgaben und zehntausend Euro auf der Kante landet man beim , der vergessenen S-Klasse aus der Kohl-Ära. Meine Lieblingsmenschen reagierten unterschiedlich: Jubel beim Blondschopf, hat ihr Vater doch die S-Klasse seit Jahrzehnten im Abo und verhalf so seiner Tochter schon in deren Teenie-Zeit zu einem Geschmack der Sonder-Klasse. Ralf, Vater meiner Patentochter, hoffte auf ein Ende dieses Spleens. Meine Mutter wundert grundsätzlich nichts mehr, weshalb sie zu allen Mobilitätsfragen kategorisch schweigt.
Technische Daten Mercedes-Benz 400 SEL ( W 140)
Motor V8, vorn längs
Ventile/Nockenwellen 4 je Zylinder/4
Nockenwellenantrieb Steuerkette
Hubraum 4196 ccm
kW (PS) bei U/min 210 kW (286) bei 5700
Nm bei U/min 400 bei 3900
Antrieb Hinterradantrieb
Getriebe Vierstufen-Wandlerautomatik
Vorderachse Doppelquerlenkerachse
Hinterachse Raumlenkerachse
Länge/Breite/Höhe in mm 5213/1886/1486
Leergewicht 2000 kg
Reifengröße 235/60 ZR 16
0 auf 100 km/h 8,3 s
Höchstgeschwindigkeit 245 km/h
Fond mit Einzelsitzanlage und Gardinen
Und dann: 400 SEL, blauer Velours, dunkelblau gelackt. Erstbesitzer: die Bertelsmann AG. Der Wagen diente der Eigentümerin Liz Mohn als Dienstwagen. Erstes Kennzeichen: GT-LM 400. Die Nummer passte zur S-Klasse wie die dunkelblauen Gardinen im Fond und die zusätzlichen Leselampen in der C-Säule. Hier studierte Frau Mohn die "Bunte" oder die "Financial Times", der Mercedes rollte bestimmt oft zum Haubenkoch, und es roch im Fond stets nach dem Leder neuer Schuhe. Heute? Riecht es nach Hausrenovierung, da zwischen elektrisch verstellbarem Einzelsitz und Fahrersitz perfekt ein Eimer Farbe passt. Der 400 SEL bewegt sich im Dreieck Baumarkt, Verlag und Wien, meiner zweiten Heimat. Silvester 2009 wird der Tacho wohl ein Jahresplus von 40.000 Kilometern ausweisen.

ANZEIGE
Beschaulicher Youngtimeralltag mit viel Poliermittel, warmer Garage und einer Rallye pro Jahr? Also bitte, wir sprechen von einem Fahrzeug, keiner Immobilie. Ähnlichkeit zu Gebäuden gibt es trotzdem, der Innenraum spendet mehr Platz als mein verdrecktes WG-Zimmer vor zehn Jahren. Händchenhalten? Vermutlich dachten die Entwickler in Stuttgart nicht an verliebte Paare, sondern an Herren mit getrennten Schlafzimmern, welche die Entfernung zur Beifahrerin schätzen. Bestimmt auch die Ruhe im Innenraum, die doppelten Seitenscheiben garantieren Kathedralen-Atmosphäre. Glauben Sie ja nicht, dass die ersten 10.000 Kilometer frei von technischen Sorgen waren, die Hälfte des Kaufpreises wanderte bereits in die Mechanikertasche. Es gibt keine billige S-Klasse. Kostet der Wagen in der Anschaffung wenig, fließt das Geld eben später in die Werkstatt – die Rechnung kommt immer.
Dank ausbleibendem Wertverlust wirtschaftlich
Der W 140 fährt sich viel handlicher, als die üppigen Abmessungen vermuten lassen.
Der W 140 fährt sich viel handlicher, als die üppigen Abmessungen vermuten lassen.
Andere mögen sich einen neuen Opel Corsa kaufen – ich sehe die Reparaturen meiner S-Klasse als persönlichen Beitrag zur Rettung der heimischen Wirtschaft. Aus dem Logbuch: Motorkabelbaum defekt, Verteilerkappen vergammelt, Batterie altersschwach, Reifen abgefahren, Ölverlust. Macht in Summe 2700 Euro. Kraftstoffverbrauch: circa 15 Liter. Manche nennen mich geizig, nur weil ich mich beim Zahlen nicht immer vordränge und auf Kleingeld achte. Doch wenn selbst der Diplomkaufmann in mir keine finanziellen Bedenken gegen den 400 SEL hat, ist das ein Zeichen. Glauben Sie mir: Mein Mini ist dank Wertverlust wesentlich teurer.
Die üppige S-Klasse macht einfach glücklich
Enge Tiefgaragen sind nicht das bevorzugte Areal eines W 140. Besser aufgehoben ist er auf der Autobahn.
Enge Tiefgaragen sind nicht das bevorzugte Areal eines W 140. Besser aufgehoben ist er auf der Autobahn.
Nachteilig im Alltag ist die Breite der S-Klasse. Oje: Mein Auto passt nicht in meine Garage, ein Bauwerk der 70er-Jahre. An den W 140 dachte zur Zeit der Ölkrise keiner. Wer kann schon sicher in die Autozukunft blicken? Irgendwann kommt der Tag, an dem die S-Klasse ein politisch korrektes Auto ohne CO2-Emission ist, dessen Power per Katzenfellreibung erzeugt wird. Bis dahin erfreue ich mich hoffentlich noch viele Jahre am fetten V8-Sound, der weichen schaltenden Automatik und dem Sänftenfahrwerk. Denn nichts ist schöner, als wenn ein Arbeitstag in einer Fahrt entlang der Elbe endet und der letzte Sonnenstrahl warm über die glänzenden Holzeinlagen streicht. Vor der Garage.

Kommentare zum Artikel (10)

Das sehen Sie auch so? Oder anders? Diskutieren Sie mit!
Erstellt
Text
Funktion
Spydrow,
03.07.2009 16:49Uhr
schöner beitrag, genauso fühle ich mich auch in meinem 94er A8 4.2 :)
urgesteine aus einer anderen zeit die einfach glücklich machen!
Eintrag melden
JRAV,
03.07.2009 23:19Uhr
Frustrierend ist es, wenn man einen längeren Kommentar dazu schreiben möchte aber immer ans 600 Zeichen Limit gerät :-( Eintrag melden
Hartmut,
04.07.2009 21:19Uhr
Seit 1969 fahre ich S-Klasse. Immer Gebrauchtwagen. Erst ein 300 SEL W108, dann ein 450 SEL W116, gefolgt vom 500 SEL W126. danach diverse 380 SE. Immer war ich der Spinner für Verwandte und Bekannte. Aber alles (Anschaffung, Reparaturen und Verkaufserlöse aufgerechnet) kostete in den letzten 40 Jahren im Mittel keine 2.000,- Euro/Jahr - und ich hatte immer die passive Sicherheit der S-Klasse, fuhr entspannt - auch bei Höchstgeschwindigkeit. Kfz- und Spritsteuer sind Schuld, dass es nun ein 200D W124 wurde. Mein freie Wahl wäre natürlich ein W126 560 SEL (auch ein W140 600 SEL) Eintrag melden
Peter,
05.07.2009 04:33Uhr
Ein sehr schoehner beitrag.
Ich habe viele S Klassen gefahren und wenn ein Mercedes der beste ist, dann ist es immer die S Klasse. Wenn man eine S klasse faehrt ist alles draussen wie ein film. Innen drinn ist ruhe und selbst laengste touren sind voller spass und mann kommt an um den rest des tages zu geniessen. Die neue S Klasse ist mit einer der allerbesten. Voll mit qualitaet und geschmack. Eine nacht fahrt ist ein erlebniss.
Vielen Dank fuer beitraege wie diesen.
Eintrag melden
Morphius,
09.07.2009 22:03Uhr
Manche Menschen haben einfach einen guten Geschmack!
Das Auto ist fantastisch. Ein Traum für jeden Mann.
Selber fahre ich die neue C-Klasse, vielleicht hab auch ich
irgendwann das Glück eine schöne gebrauchte "S" zu besitzen...
Super Beitrag auserdem!
Eintrag melden
Seite 1 2 nächste Seite >

Kommentar verfassen

Fügen Sie Ihre Meinung der aktuellen Artikeldiskussion hinzu.

Hinweis: Die mit einem Stern * versehenen Felder sind Pflichtfelder.

Die Inhalte werden geladen.
Sollten in Kürze keine Inhalte angezeigt werden, überprüfen Sie bitte, ob JavaScript aktiviert ist.
Artikel bewerten