Mercedes-Benz SL 350 gegen SL 600

Mercedes-Benz-Vergleich: SL 350 gegen SL 600 Mercedes-Benz-Vergleich: SL 350 gegen SL 600

Mercedes-Benz SL 350 gegen SL 600

— 05.05.2003

Wie viel SL muss sein?

Eine Frage, die eigentlich nur Millionäre bewegt. Und natürlich alle Auto-Abhängigen, die sich einen SL nicht kaufen, wohl aber davon träumen können.

SL-Einstiegsdroge für satte 76.734 Euro

Vor 46 Jahren war die Welt noch in Ordnung. Ein SL war ein SL war ein SL – ohne Wenn und Aber. Unter der Haube immer ein 3,0-Liter-Reihensechser mit 215 PS, als SL 300 Roadster 32.500 (Coupé 29.000) Mark teuer und in jeder Hinsicht unverwechselbar. Wem das nicht passte, der passte einfach nicht zu Mercedes-Benz.

Heute stellt sich die Sache deutlich komplizierter dar, offerieren die Stuttgarter ihren Rasse-Roadster in der Bandbreite von lecker bis lechz. Wobei uns hier und jetzt nur die Extreme interessieren: Sechs oder zwölf Zylinder, 245 oder 500 PS, SL 350 oder SL 600? Zugegeben, diese Fragen gehören sicher nicht zu den wichtigen und schon gar nicht zu denen, die uns beschäftigen. Doch der Gedanke macht neugierig.

Wie viel Luxus und Leidenschaft bietet die Einstiegs-Droge, der SL 350 mit seinem 3,7-Liter-V6 für 76.734 Euro? Und was kann der fette 5,5-Liter-V12 im 128.180 Euro teuren SL 600 da noch drauflegen? Immerhin liegen zwischen dem größten und dem kleinsten SL nicht nur satte 51.446 Euro (also ein 231 PS starkes C 30 CDI AMG T-Modell), sondern ganze Weltanschauungen. Die rein optisch aber nur der Kenner auseinander hält.

Der 350er klotzt kräftig und beißt beherzt

So trägt der 600er exklusive 18-Zoll-Alus, während der 350er die Kiesauffahrt unter Sieben-Arm-Felgen in 17 Zoll nimmt. Außerdem zieren den Royal-Roadster hier und da auch noch feine V12-Orden: auf den Velours-Fußmatten, als Prägung in den Kopfstützen und – besonders wirkungsvoll platziert – in den seitlichen Kiemen. Also, liebe V12-Verehrer: Bitte recht langsam durch die Stadt cruisen – sonst erkennt ja niemand, was da hinterm Vorderrad in der Sonne blitzt. Und wer tatsächlich die Schriftzüge vom Heckdeckel entfernt, muss schon mal mit Verwechslungen rechnen – was wohl, je nach Standpunkt, als Angabe oder Understatement durchgeht.

Doch was soll's! Sprechen wir nicht über Prestige oder Neid, sondern lieber über Pferdestärken und Newtonmeter. Beides finden wir schon im SL mit dem schüchtern schummelnden Namenszusatz 350 (der V6 misst 3,7 Liter) zur Genüge. In 7,3 Sekunden schieben die 245 PS den knapp 1,8 Tonnen schweren Roadster (7,2 Kilo/PS) auf 100 km/h, 350 Nm Drehmoment und die hellwache Fünfstufenautomatik (1009 Euro Aufpreis) machen Überholvorgänge zur Sekundensache.

Erst bei 250 km/h greift das elektronische Tempolimit ein. Dann dreht der Sechser wegen der kürzeren Achsübersetzung akustisch allerdings am Begrenzer und mit 5600 Umdrehungen immerhin 1000 Touren höher als der SL 600. Auf die finale Autobahn-Attacke verzichten wir also lieber. Was nicht weiter schwer fällt. Gerade in unteren und mittleren Drehzahlen klotzt der Kleine kräftig, beißt beherzt und grummelt gefährlich. Das alles in Kombination mit dem genialen Falt-Festkörper über unseren Köpfen, der das SL-Wetter innerhalb einer Rotphase von Coupé auf Cabrio stellt. Frischluft-Freak, was willst du mehr?

SL 600 – Anmache, Abenteuer, Adrenalin

Die Antwort gibt der SL 600: Anmache, Abenteuer, Adrenalin. Der 350er besitzt – abgesehen von ziemlich gierigen 13,3 Litern auf 100 Kilometer – zwar alles, um unseren Verstand zu überzeugen, unser Herz gehört aber trotzdem dem V12. Er bietet, wovon wir alle träumen, aber nicht wagen, es zu sagen: Leidenschaft in der Anstaltspackung – spätere Abhängigkeit erwünscht.

Wenn der 5,5-Liter-Biturbo zum Leben erwacht, verrät ein sanftes Säuseln die hochherrschaftliche Zylinderzahl von zwölf. Alles bereit fürs königliche Cruisen auf den Boulevards und Chausseen dieser Welt. Immer wissend, dass ein Zucken im rechten Fuß reicht, um den Asphalt aufzurollen und den Roadster in einen Rennwagen zu verwandeln.

Wusch – nach 4,6 Sekunden liegt Tempo 100 an. Noch mal wusch – keine zehn Sekunden später und doppelt so schnell wie im SL 350 steht die Tachonadel bei 200. Wu ... – nicht ganz. Bevor es wieder wusch machen kann, rennt der SL 600 mit infernalischer Inbrunst in das elektronische Geschwindigkeits-Gewissen, das alle Mercedes-Benz bei 250 km/h einbremst.

Fahrverhalten, Preise und Ausstattungen

Trotzdem beeindruckend, mit welcher Leichtigkeit die 500 PS den zwei Tonnen schweren SL (4,0 Kilo/PS) in die Umlaufbahn schießen. Noch viel unglaublicher allerdings, mit welcher Gewalt die 800 Nm Drehmoment über die hinteren Gummiwalzen im Format 285/35 ZR 18 herfallen. Trotz ESP sucht das Heck beim Kickdown wild wackelnd nach einem seitlichen Ausweg, findet ihn aber nur ansatzweise.

Gleiches gilt für die Ideallinie in Kurven. Mit dem V12 und insgesamt 1040 Kilo auf der Vorderachse (52 Prozent) wedelt der SL 600 nicht ganz so behände durch Kurven wie der SL 350, dessen vordere Achslast bei 860 Kilo liegt (49 Prozent). Ein Mini-Manko, das die Faszination des SL 600 aber in keiner Weise mindert. Das übernimmt der Preis, der selbst ausstattungsbereinigt noch 36.523 Euro über dem des SL 350 liegt. Wofür wir vor 46 Jahren locker zwei wunderbare 300 SL bekommen hätten.

Fazit und Technische Daten

Fazit Ein SL ist immer ein Erlebnis der besonderen Art – egal ob hinten 350 oder 600 draufsteht. Doch auch wenn die Vernunft ganz klar zum kleinen Sechszylinder rät, erliege ich dem Zauber des Zwölfzylinders. Unglaublich, wie dieser Ausnahme- Athlet von adelig bis animalisch alles draufhat. Wenn nur der Preis nicht wär – aber leisten kann ich mir beide sowieso nicht.

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