Mercedes-Benz Viano gegen VW T5 Multivan — 27.11.2003
Wer baut den besseren Bus?
Der VW Bus T4 bewegt das halbe Volk, die V-Klasse kommt nicht an. Stellen die Nachfolger T5 und Viano nun den Fahrplan auf den Kopf?
Ab Tempo 130 zirpt's nervig im Viano
VW Bus, Bulli, Multivan schreiben seit Jahrzehnten eine glänzende Erfolgsstory. Mercedes-Benz V-Klasse und Vito stehen für eine wenig berühmte Kurzgeschichte. Zur Erinnerung: Eine lausige Verarbeitung zieht sich wie ein roter Faden durch die bisherige Auto-Biografie.Nun aber ist der Viano da. Der Name steht für neues Vertrauen – und das wird gleich auf die Probe gestellt: Ab Tempo 130 zirpt es nervig in der Armaturentafel. Das Furnierholz der Ambiente-Ausstattung schaut einen teilweise schief an. Die luft-gefederte Hinterachse (1740 Euro Aufpreis für Trend) poltert fast so laut wie Händler und Kunden, denn der Viano steht im Lieferstau: Im Werk Vitoria (Spanien) wird sporadisch gestreikt, das führt zu Produktionsausfällen und Anlaufproblemen.
Kein Anlass zur Schadenfreude bei den VW-Managern im hannoverschen Transporterwerk. Auch der im Frühjahr vorgestellte Bulli T5 steckt noch in den Flegeljahren. Unser Testwagen zeigte sich im Fahrverhalten sowie Komfort eine leichte Spur schlechter, der Bremsweg fiel über zwei Meter länger aus als beim ersten Testexemplar. Nur an den montierten 16-Zoll-Dunlop-SP-Sport (damals 17-Zoll-Conti-Vanco-Contact) kann es eigentlich nicht liegen. Etwa an Serienstreuungen?
Stühlerücken wird zur Schwerstarbeit
Nicht ganz ausgereift wirken auch die Sitzlandschaften im Fond. Beide Wagen haben Schienen im Boden, auf denen Stühle und Tische herumgeschoben werden können. Theoretisch klasse, in der Praxis eine Katastrophe.Im Viano etwa lassen sich die mittleren Sitze nicht wie im VW gegen die Fahrtrichtung drehen. Sie müssen heraus und um 180 Grad gewendet wieder rein. Dabei verrutschen gern die Gleitschienen. Um den Sitz (29 Kilo) nicht schief anzusetzen, muss zur Korrektur ein Gleitstück verschoben werden. Das geht nur mit sehr viel Kraft.
Beim VW muss der Möbelpacker sogar 42 Kilo stemmen, wenn er einen der drehbaren Mittelsitze ausbauen will. Vorher sind unzählige Plättchen und Distanzstücke aus dem Boden zu pulen, die gern schnell irgendwo verschwinden. So wie uns beim Testwagen auch gleich zwei der sechs Rädchen der verschiebbaren Heckbank entgegenkullerten. Dass deren Bedienhebel nicht klar erkennbar sind und sich die Sitzbank vom Heck her überhaupt nicht verschieben lässt (das Viano-Gestühl auch nicht), ist schlichtweg unmöglich.
Fahrverhalten und Komfort
Doch am liebsten sitzen wir ja vorn. Da verwöhnen beide Konkurrenten mit guter Übersicht und leichter Bedienbarkeit. Nur die Thermotronic (Aufpreis) des Viano funktioniert nach dem Prinzip: Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Die Luftverteilung regelt ein Rädchen, erst ein darüber liegendes Display zeigt, wohin geblasen wird. Diese Symbole waren bei Mercedes-Benz früher einfach schon auf dem Drehrad angebracht. Übrigens: Wer in der 506 (!) Seiten langen Betriebsanleitung naiv nach dem Stichwort "Heizung" sucht, der wird auch bei "Klimaanlage" nicht fündig, sondern muss sich das grausliche Kürzel "Tempmatik" einbläuen.Genug gemeckert. Die beiden Turbodiesel sorgen für Pkw-Temperament. In der Stadt brummeln sie elastisch, bei Tacho 130 liegen Nerven schonende 2400 Touren (Multivan) oder 2900 (Viano) an. Bei voller Fahrt kriegt man im Viano mehr auf die Ohren. Er ist nicht so aufwändig geräuschgedämpft wie der VW, klingt deutlich dieselig. Beim Verbrauch ist der Viano kein Vorbild, auch weil er mit der etwas durstigeren Vollautomatik zum Test antrat. Der auch auf die Wedelpiste führte.
Der recht agile Viano wird voll gepackt etwas unhandlicher, meistert aber den Ausweichtest souverän. Zumal die Stabilitätskontrolle ESP angenehm früh und sanft einsetzt. Der VW ist im Komfort insgesamt besser, beim Ausweichen (mit starker Seitenneigung) aber will er hinten auskeilen, ESP fängt ihn dann etwas ruppig und sehr spät ein.
Kosten und Ausstattungen
Insgesamt fährt hier Autotechnik auf hohem Niveau: Innenausstattungen wie bei der gehobenen Mittelklasse, Lichtleisten und viele Lüftungsdüsen sorgen für Business-Class-Anmutung. In der Langversion (plus 20 Zentimeter) passt der Viano besser zum VW Bus, was ihm jedoch keinen Vorsprung beim Raumangebot verschafft. Denn das ist ohnehin völlig ausreichend und somit gut für volle Punkte.Die Zielgruppe Großfamilie muss fürs Fünf-Meter-Schiff mit noblem Stern am Grill mindestens 34.278 Euro hinblättern. Und spätestens jetzt kehren sich alle bisher gepflegten Vorurteile um: Der vermeintliche Volks-Wagen erleichtert in dieser Testwagen-Ausstattung das Konto um horrende 41.348 Euro. Ob seine Erfolgs-Story bei diesem Honorar in den Bestseller-Listen bleibt?
| Betriebskosten/Garantien | Mercedes-Benz | VW |
| Abgasnorm/Steuerbefreiung | Euro 3/keine | Euro 3/keine |
| Steuer pro Jahr effektiv* | 337 € | 399 € |
| Typklassen HPF/VK/TK | 18/23/24 | 20/24/26 |
| Werkstattintervalle | 30.000 km | 30.000 km |
| Kosten Ölwechsel/Inspektion | 250 €/500 € | 350 €/450 € |
| Garantie Technik | 2 Jahre**/ohne km | 2 Jahre**/ohne km |
| Garantie Durchrostung | 12 Jahre | 12 Jahre** |
| Mobilitätsgarantie | 2 Jahre | unbegrenzt |
| * Berücksichtigt die Steuererhöhung 2004, auf Antrag 172 €; **nur Gewährleistung | ||

































