Gebrauchtwagen-Test Mercedes C-Klasse (W 204)

Mercedes C-Klasse (W 204): Gebrauchtwagen-Test

PS: Ich liebe dich

Zuerst konnte Malte Büttner mit dem braven C 180 nichts anfangen. Dann wurde es Liebe auf den zweiten Blick. Der Gebrauchtwagen-Test zeigt: Mit dem W 204 hat Mercedes einen Wagen gebracht, der den Stern verdient.
Lieber C 180, es war im Sommer 2015, als ich spürte, dass da mehr zwischen uns ist. Du begleitetest mich auf eine Fotoproduktion. Ich setzte mich auf deinen durchgesessenen Fahrersitz, der mit schlichtem schwarzen Stoff bespannt ist, umfasste dein abgegriffenes Kunststofflenkrad und drehte den Schlüssel im Schloss ... Leise summt dein Motor vor sich hin. Ich löse wie damals beim W 124 deine Feststellbremse. Die funktioniert wunderbar mechanisch. Nicht wie heute üblich elektronisch nach Treten der Fußbremse, Ziehen oder Drücken eines Schalters, fünfsekündigem Warten und Aufsagen eines Gedichts. Gas nimmst du so an, wie es sich für einen Mercedes gehört: mit etwas Verzögerung. Das bringt Ruhe in die Fuhre. Nicht schlecht. Weil du das Basismodell bist, fällt dein Cockpit besonders sachlich und übersichtlich aus. So sachlich, dass ich auf den ersten Metern glaube, du hättest gar kein Radiodisplay. Dabei versteckt es sich dort, wo schon bei der Extrabreit-­S-­Klasse W 140 der Reiserechner verborgen war: hinter einer Klappe oben in der Mittelkonsole.
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Der W 204 passt immer und nervt nie

Entspannt cruisen oder sprinten – beides liegt dem C 180. Damit ist er ein idealer Untersatz für Langstrecken.

Während dieser ersten Tour wird mir klar: Du bist der wahre Nachfolger des W 124 mit all seinen Vorzügen. Einfach, aber edel. Groß, aber nicht aus dem Leim gegangen. Unaufdringlich, zeitlos. Ein Auto für jeden Tag, das immer passt, dabei nie nervt oder langweilt. Vor allem, weil du als eines der letzten neueren Autos noch einen echten eigenen Charakter besitzt. Du entschleunigst, möchtest am liebsten ruhig und entspannt durch die Gegend cruisen. Natürlich fährst du bei Bedarf auch schnell. Das kannst du sogar richtig gut. Du musst es aber nicht, ruhig ist's dir noch lieber. Gestern Abend nun habe ich dich nach einer Dienstreise mal wieder abgegeben. Von Hamburg an den Starnberger See, über Freiburg ins Ruhrgebiet und wieder zurück. Innerhalb von drei Tagen hast du mich 2500 Kilometer quer durch Deutschland gebracht. Anschließend habe ich dich gewaschen, getankt und wieder in der Testgarage abgestellt, wo du nun pflichtbewusst auf deinen nächsten Einsatz wartest.

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Plastikchrom und Sprühholz können verschrecken

Blick auf den Arbeitsplatz: nüchternes Ambiente mit typischer Mercedes-Anordnung, im Classic sogar ohne Softlack.

Ich kann nicht mehr verstehen, dass ich lange Zeit gar nicht scharf darauf war, dich kennenzulernen. Als langjähriger Fahrer klassischer Mercedes 123, 124, 126 und 140 hatte mich die Vieraugen­-E­-Klasse W 210 und alles, was danach aus Stuttgart kam, nachhaltig schockiert. Der einmalige Tresorklang beim Schließen der Türen gehörte plötzlich genauso der Vergangenheit an wie diese gewohnte Qualität, die für Generationen gemacht schien. Stattdessen wirkten Plastikchrom und Sprühholz so edel wie ein Diamantring aus dem Kaugummiautomaten. Darüber hinaus, sorry, waren mir C-­Klassen immer zu klein und zu piefig. Warum sollte ich einen C 180 fahren, wenn ich gebraucht für dasselbe Geld auch E- ­oder S-Klasse bekommen kann?

Technische Daten Mercedes C 180 (W 204)
Motor Vierzylinder/vorn längs
Ventile/Nockenwellen 4/2
Hubraum 1796 cm³
Leistung 115 kW (156 PS) bei 5200/min
Drehmoment 230 Nm bei 2500/min
Höchstgeschwindigkeit 223 km/h
0–100 km/h 9,5 s
Tank/Kraftstoff 66 l/Super
Getriebe/Antrieb Sechsgang manuell/Hinterrad
Länge/Breite/Höhe 4581/1770/1447 mm
Kofferraumvolumen 475 l
Leergewicht/Zuladung 1555/415 kg

Die Liebe kam im zweiten Anlauf, dann aber mit Karacho

Der Kollege behielt recht: Der W 204 ist "wieder ein waschechter Benz" und "wunderbar zeitlos".

Aber irgendwann bekam ich doch Herzklopfen, sobald ich dich sah. Verkuppelt hat uns Kollege Lars Busemann. In einem Wohnmobil trümmerten wir innerhalb von neun Tagen ans Nordkap und zurück. Ein Männer-­Gewalttrip, bei dem zwölf Stunden tägliches Fahren Minimum sind. Da ist viel Zeit zum Reden. Einen großen Teil davon nutzte Lars – Alt-­Mercedes­-Genießer genau wie ich –, um mir von der Baureihe W 204 vorzuschwärmen. "Das ist wieder ein waschechter Benz" und "wunderbar zeitlos". Ich dachte: Lars, ein netter Kerl, nur ein bisschen schade, dass er keine Ahnung hat. Hat er doch. Okay, ich verliebte mich auf den zweiten Blick in dich. Als in unserem ersten gemeinsamen Sommer eine 6000-­Kilometer-­Dienstreise durch Skandinavien anstand. Ja, du warst mein Wunschpartner. Von Fünen folgte ich deinem Stern über den Großen Belt nach Kopenhagen, wir überquerten den Öresund, später pausierten wir am Vänernsee und schmückten deine Windschutzscheibe mit Parkscheinen aus Oslo, die bei ihren Preisen auch vergoldet sein könnten. Vor allem ignorierten wir Thomas, den Fotografen, der dich "muffig" nannte. So ein Carsharer ohne Sinn für eine echte Bindung. Vergiss ihn einfach! Auch Max, meinen Nachbarn, der meint, ich würde in dir wie ein Call­center­-Betreiber wirken. Soll ich lieber wie er mit Lampengalerie und Ganzjahresdachzelt so aussehen, als käme ich gerade von der Bärenjagd? Nein, das wäre bei dir zu viel Show und Lametta.

Das Navi ist ärgerlich kreativ

Zumal Ausstattung auch sonst nicht dein Ding ist. Kleine Navigation und Gummimatten, mehr hast du nicht. Morgens sucht der Finger manchmal von allein nach einer Sitzheizung, im Sommer wäre ein Schiebedach nicht schlecht, in der Stadt würde eine Automatik entlasten. Doch das wäre falsch. Gerade der Verzicht auf das Tamtam offenbart deine wahre Größe. Abgesehen vom Navi, das mich in den Wahnsinn treibt, wenn es sich in stressigsten Metropolen an jeder Ecke eine neue Route ausdenkt und "Bitte umdrehen!" fordert, ganz egal wohin man fährt. Mittlerweile waren wir über 10.000 Kilometer als Paar unterwegs. Du erledigst deinen Part in unserer Beziehung noch immer wie ein Jahreswagen. Von den fast 400.000 Kilometern merkt man nichts. Vor ein paar Tagen, ich saß auf dem Beifahrersitz, um zu arbeiten, quälte dich ein Kollege mit über 200 Sachen auf der A7 gen Süden. Es fühlte sich an wie 120, großartig! Dass ich mich trotzdem nicht konzentrieren konnte, lag an ihm. Sein ständiges "Mann, fährt der noch gut!" nervte. Hey, war das Eifersucht, die ich spürte? Denn er hat recht. Wir sind jetzt seit zwei Jahren zusammen, und das soll auch noch eine ganze Weile so bleiben. Was bei dem AUTO BILD-Testwagen aufgefallen ist, und auf welche Mängel Käufer beim W 204 außerdem achten sollten, erfahren Sie in der Bildergalerie.

Gebrauchtwagen-Test Mercedes C-Klasse (W 204)

Malte Büttner

Fazit

Mercedes hat aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und mit dem W 204 wieder einen Wagen gebracht, der den Stern auch verdient. Das einzige Manko sind die hohen Gebrauchtpreise. Hier hilft aber inzwischen der 2014 vorgestellte Nachfolger.

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