Test Mercedes Concept Ocean Drive

Mercedes Concept Ocean Drive/300d Cabrio D

— 22.05.2007

Traumschiff Mercedes

Ein Cabrio mit vier Sitzen und vier Tren hat Mercedes seit fast 50 Jahren nicht gebaut. Noch ist die offene S-Klasse eine Studie AUTO BILD war zusammen mit ihrem Vorbild auf Kreuzfahrt.

Er sagt, er sei Filmproduzent. "Wir machen nur Topstars wie Beyonc und Madonna, okay?" Ein Filmproduzent mit richtig Muskeln. Auf seiner Brust baumelt ein riesiges Goldamulett. Mit seinen Ringen knnte er den Concept Ocean Drive vermutlich hier und sofort bezahlen. "Gib mir das Auto", ruft er, "fr meinen nchsten Videoclip!" An diesem lauen Abend fhrt Mercedes seine Luxus-Studie erstmals in Miami Beach auf die Strandpromenade, die ihr den Namen gab: Ocean Drive. Ein ffentlicher Publikumstest mit klarem Ergebnis. Trauben von Zuschauern kleben an dem eleganten Traumschiff, die Angebote flattern nur so ins offene Auto hinein. Sind das nun alles Filmproduzenten oder potenzielle Kufer?

Ein hohes Ziel: das komfortabelste Cabrio unserer Zeit

Der Ocean Drive hat ein glänzendes Vorbild: das 300d Cabrio D von 1957.

Mercedes greift wieder nach den Sternen. "Das komfortabelste und eleganteste Cabrio der Welt" soll der Ocean Drive sein und ein Signal, das die traditionellen Werte in Blech kleidet: "Qualitt, Stil und Klasse, dazu ein Spritzer modischer Aufbruchstimmung", sagt Steffen Koehl, "Wir wollen mehr Leidenschaft und Frische wagen, wie beim CLS." Der Leiter des Pkw-Prototypen-Design bei Mercedes erzhlt, dass er sein Team zum Ideensammeln ins Firmenmuseum geschickt hat. Der Grill, mit einem gepfeilten Mittelknick, ragt wieder hoch und kantig wie ein Schiffsbug. Den zweifarbigen Lack oben in Champagne Pearl, darunter in Alubeam Champagne haben die Designer aus den 50ern entliehen. Ebenso die beiden schwungvollen Linien, die aus den Radhusern nach hinten schwingen wie am glnzenden Vorbild, dem 300d Cabrio D. Dieser offene Viersitzer war seit 1957 das deutsche Rolls-Royce-Gegenstck das Auto der Prsidenten, Ppste und Promis. Nur 65 Exemplare hat Mercedes bis 1962 gebaut. Der dunkelblaue 300er, der uns in Miami Beach begleitet, strotzt vor unantastbarer Wrde.

Streng genommen rangiert die Studie Ocean Drive eine halbe Stufe tiefer, denn Fahrwerk und Antrieb mit dem Zwlfzylinder stammen nicht etwa vom Maybach, der heute die Spitze im deutschen Luxusbau markiert, sondern von der S-Klasse. Deren Tacho und Schalter sind in ein komplett neues Interieur eingefgt. Dunkler Vogelaugenahorn, helle Stoffe in Netzoptik, braune Lederteppiche unter den Fen. Im Fond fhrt auf Knopfdruck ein Champagner-Khler aus der Mittelkonsole heraus. Alles edel, alles hochwertig, aber steht hier das "luxuriseste Cabrio der Welt"? Ein Rolls-Royce Phantom Drophead bertrifft den Concept Ocean Drive sicher in der gefhlten Pracht- und Prestige-Wertung.

Der Zwlfzylinder rauscht wie eine ferne Meeresbrandung

Seinen Reiz entfaltet der 5,29 Meter lange Kreuzer, wenn er sich mit erhabener Ruhe in Bewegung setzt. Der Zwlfzylinder rauscht wie eine ferne Meeresbrandung und muss lssig immer nur einen Teil seiner 512 PS abrufen, wenn der Ocean Drive in seiner bevorzugten Gangart dahingleitet: dem Cruisen. Das lange Heck rckt den Fahrer optisch weit nach vorn, seelisch in eine komplett andere Welt. Das ist kein Auto frs exaltierte Show-Gewerbe, sondern frs entspannte Genieen. Dem Filmregisseur wrde ich dringend abraten. Ganz zum Schluss, mit einer exklusiven Finesse, erhebt sich der Ocean Drive doch elegant ber einen Rolls-Royce oder Bentley. Dieses Cabrio besitzt hinten Tren. Was so berflssig klingt, entpuppt sich als sinnliche Entdeckung. Statt mich wie beim Zweitrer mit einem Hft-Twist um die B-Sule zu winden, betrete ich den Fond erhaben und wrdig.

Und weil niemand daran denkt, etwa durch diese Tren unters Stoffdach zu kriechen, wird klar: Dieses Auto ist dafr gebaut, immer nur offen zu fahren. Der Ocean Drive steht fr ein Leben auf der Sonnenseite, dagegen verblassen alle Zweifel, ob die vier Tren heutige Crashtests bestehen. "Ja, knnten sie," sagt Steffen Koehl. Das sind Normen und Vorschriften, die dem 300d Cabrio D zu seiner Zeit so fern lagen wie die Nackenheizung Airscarf im Ocean Drive oder dessen Radarsensorik Distronic Plus. Dafr glnzt der historische Viertrer mit einer unerreichten Opulenz, was den Platz und Stil angeht. Seine hinteren Tren sind so lang wie ein Weidezaun, der Knieraum im Fond reicht garantiert fr das Gewand des Papstes (der fr seinen Fuhrpark brigens eine Sonderanfertigung aus Stuttgart erhielt). Oder fr den Haltegriff von Bundeskanzler Adenauer, der stehend hinter den Vordersitzen die Huldigungen seiner "lieben Landsleute" entgegennahm.

Mercedes 300d Cabrio D: "Made in Western Germany"



Redakteur Joachim Staat zwischen Klassik und Moderne.

Der Alte wusste, was Eindruck macht: der groe Mercedes. Der dunkelblaue Viersitzer, Baujahr 1960, lsst die damalige Zeit mit den Hnden greifbar wieder aufleben. Der Armaturentrger ist ein Kunstwerk in geformtem, geschliffenem Holz, das auch die Anzeige der Dreistufen- Automatik aufnahm. Alle Chromteile, die Fensterrahmen, Sitzkanten und Dachspriegel glnzen breit und ausladend im Cinemascope-Format. Stellt man die endlose Motorhaube auf, steht hinten auf dem Blechfalz: "Made in Western Germany". Im Motorraum drngeln sich der drei Liter groe Reihensechszylinder, der seit 1958 mit Benzineinspritzung 160 PS leistete, und der Klimakompressor. Als erster Mercedes war der 300d seit 1958 auch mit einer Klimaanlage zu haben, die stolze 3500 Mark extra kostete. Unser Exemplar von 1960 besitzt sie. Zudem hat sein Besitzer das edle Stck zum Entsetzen der begleitenden Mercedes-Techniker zuletzt krftig "verschnert": In berdimensionierten neuen Kopfsttzen stecken zwei Monitore fr die Film-Vorfhrung im Fond. Dabei empfiehlt sich Adenauer-gemes Tempo, denn die vier Trommelbremsen ziehen zunchst berall hin, bevor sie den 1,7-Tonner zum Stehen bringen. Ja, die spinnen, die Amis. Aber das drfen nur wir sagen, denn Mercedes mchte nach fast 50 Jahren demnchst wieder ein groes Cabrio bauen und ist dabei auf den zahlungskrftigen US-Markt angewiesen. Ob die offene S-Klasse dann auch vier Tren bekommt? Schn wrs ja.

Fazit von AUTO BILD-Redakteur Joachim Staat

Ein faszinierendes, exklusives Cabrio ist der Ocean Drive. Mit vier Tren setzt die Studie sich von Rolls-Royce oder Bentley ab ein Stck automobiler Hochkultur. Wenn ein Autobauer weltweit so ein teures Modell verkaufen kann, dann ist es Mercedes. Aber eine offene S-Klasse ist lngst nicht so realistisch wie der groe CL als Cabrio Ende 2008. Mit zwei statt vier Tren.

Technische Daten Mercedes 300d Cabrio D

Sechszylinder-Reihenmotor, vorn lngs (Benzineinspritzung) zwei Ventile pro Zylinder Hubraum 2996 cm3 Leistung 118 kW (160 PS) bei 5300/min max. Drehmoment 237 Nm bei 4200/min Hinterradantrieb Dreistufen-Automatik Doppelquerlenker, Schraubenfedern vorn, Eingelenk-Pendelachse, Doppel-Schraubenfedern hinten Trommelbremsen v./h. Reifen 7,60 S15 v./h. Lnge/Breite/ Hhe 5190/1860/1620 mm Radstand 3150 mm Leergewicht 2080 kg Tankinhalt 72 l Zuladung 400 kg 0100 km/h in 17 Sekunden Hchstgeschwindigkeit 170 km/h Verbrauch 15,8 l/100 km Preis: 37.000 D-Mark

Technische Daten Mercedes Conc. Ocean Drive

V12, vorn lngs eingebaut Einspritzung, zwei Turbolader, Ladeluftkhler drei Ventile pro Zylinder vier oben liegende Nockenwellen Hubraum 5514 cm3 Leistung 380 kW (517 PS) maximales Drehmoment 830 Nm bei 1900 3500/min Hinterradantrieb Siebenstufen- Automatikgetriebe Vierlenkerachse vorn, Raumlenkerachse hinten aktive Fahrwerkregelung ABC innenbelftete Scheibenbremsen vorn und hinten Reifen 275/35 ZR 21 Lnge/ Breite/Hhe 5293/1911/1497 mm Radstand 3165 mm Tankinhalt 90 l Wendekreis 12,2 Meter Hchstgeschwindigkeit 250 km/h Preis: nicht verkuflich

Autor: Joachim Staat

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