Mercedes E-Klasse (W 210): Gebrauchtwagen-Test
— 13.09.2012
Können diese Augen lügen?
Kaum zu glauben: Eine E-Klasse mit den markanten vier Rundscheinwerfern gibt es schon für weniger als 2000 Euro. Wir werfen einen kritischen Blick auf die stattliche Benz-Limousine W 210.
"Nur an Gewerbetreibende oder Export." Wenn ein Autohändler seinen Gebrauchtwagen so inseriert, wissen Kenner, in welchem Zustand das Auto normalerweise ist. Der Dealer-Trick: In beiden Fällen gibt es keine Gewährleistung. Das war 1995 natürlich ganz anders. Es gab Gewährleistung und Garantie für die neue
E-Klasse. Der intern W 210 genannte Benz revolutionierte das Daimler-Design: Nicht mehr Breitbandscheinwerfer, sondern vier Rundlampen leuchten fortan den Weg. Die Schwaben warben entsprechend: "Sehen Sie
Mercedes mit neuen Augen." Angeblich sollte der Neue in der Fertigung 30 Prozent billiger als sein Vorgänger W 124 sein.
Auf jeden Fall wurden viele Schalter und Bedienelemente aus der kleineren
C-Klasse (202) übernommen, immer kam der W 210 mit vier Türen und ordentlichem Platzangebot für fünf. So passte die 4,82 Meter lange, heckgetriebene Limousine perfekt ins Obere-Mittelklasse-Raster. Dazu gab es eine große Motorenpalette: Benziner gab es von zwei bis sechs Liter, Diesel zwischen 2,2 und 3,2 Liter Hubraum. Drei Ausstattungslinien (Classic, Elegance, Avantgarde) sowie die Sportmodelle von AMG waren verfügbar. 1996 folgte der Kombi, der intern traditionell S wie Station genannt wurde. Auf der Heckklappe stand jedoch ein T für Touristik. Ein Jahr später folgte die "Kleine Mopf", die Zwischen-Modellpflege. Neue Motoren (Sechszylinder jetzt V- statt Reihenmotoren), ein elektronischer Schlüssel ohne Bart, Seitenairbags in den vorderen Türen, Bremsassistent (BAS) und Antriebsschlupfregelung (ASR) waren nun Serie.
Unser Testwagen macht einen etwas traurigen Eindruck und weckt Zweifel. Nach über 16 Jahren und fünf Besitzern soll der E 200 Classic gerade mal 179.000 Kilometer gefahren sein. Im Scheckheft findet sich bei 75.000 Kilometern der letzte Stempel. Die HU ist ...
... vor Monaten abgelaufen. Viel ist im klassisch dunkelblau lackierten Benz nicht drin. Eine (defekte) Klimaanlage, ein wenig Holzdekor und ein altes CD-Radio – das war es. Unser Eindruck während der Probefahrt: So schlecht und ungepflegt, wie der W 210 aussieht, ...
... so gut fährt er sich. Der Motor dreht unbeeindruckt vom Alter, die fünf Gänge hakeln sich wie bei Mercedes gewohnt durchs Getriebe. Aber: Die hinteren E-Fenster funktionieren nicht. Und die Kardanwelle klackt beim Lastwechsel – defekte Hardyscheibe. Ansonsten ...
... ist das Exemplar noch okay, sieht nur etwas verwohnt aus. Also kaufen und bis zum Ende auffahren. Oder doch ab in den Export? Ein marokkanischer Taxifahrer würde sich freuen und mit dem Benz noch viele Touren abreißen. Unser Urteil: Preissensible Käufer, ...
... die was Großes wollen und manches selbst machen können, sollten zuschlagen. Viel billiger werden diese Big-Benze nicht werden. Geräumiges Auto, solide Technik, und das für kleines Geld. Rost am Kofferraumdeckel oder an den Türen stört den TÜV-Prüfer im Zweifel wenig.
Ende 1999 kam dann die "Große Mopf", das gründliche Facelift. Jetzt mit neuen Schürzen vorn und hinten, Seitenblinkern in den Außenspiegeln, Lenkradfernbedienung, einem großen Display im Tacho, serienmäßigem Antischleudersystem ESP sowie neuen Rückleuchten. Und unter der konturierten Motorhaube werkelten nun neue mechanische Sechsganggetriebe (wahlweise Automatik) und modernisierte Antriebe, die V6- oder V8-Benziner (ausgenommen AMG) konnten auch mit dem Allradantrieb 4MATIC geordert werden. 2002 endete die Produktion des 210, Nachfolger W 211 stand bereit, das T-Modell wurde allerdings noch bis Anfang 2003 weitergebaut. Aber auch dessen Garantie ist heute schon abgelaufen.
Auf welche Schwächen Käufer bei der E-Klasse vom Typ W 210 achten sollten, erfahren Sie oben in der Bildergalerie!
Mercedes E-Klasse im autobild.de-Gebrauchtwagenmarkt
| Technische Daten |
| Motor |
Reihenvierzylinder/vorn längs |
| Ventile/Nockenwellen |
4 pro Zylinder/2 |
| Hubraum |
1998 ccm |
| Leistung |
100 kW (136 PS) bei 5500 U/min |
| Drehmoment |
190 Nm bei 4000 U/min |
| Höchstgeschwindigkeit |
205 km/h |
| 0-100 km/h |
11,4 s |
| Getriebe/Antrieb |
Fünfgang manuell/Hinterrad |
| Tankinhalt/Kraftstoffsorte |
65 l/Super |
| Länge/Breite/Höhe |
4795/1799/1402 mm |
| Kofferrauminhalt |
520 l |
| Leergewicht/Zuladung |
1440/500 kg |
| Reparaturkosten |
| Lichtmaschine (Austauschteil) |
800 Euro |
| Anlasser (Austauschteil) |
570 Euro |
| Wasserpumpe (Austauschteil) |
460 Euro |
| Zahnriemen |
entfällt/Kette |
| Endschalldämpfer |
510 Euro |
| Kotflügel, lackiert |
670 Euro |
| Bremsscheiben und -klötze vorn |
330 Euro |
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Mercedes-Benz E 200 (Typ W210)
Veröffentlicht:
29.08.2012
Autor:
S. Diehl
Fazit
Mercedes und der Rost – an keinem Modell nagt der Gammel derart wie am W 210. Findet sich doch mal ein rostfreies Auto, sind meist Türen und Hauben neu. Nur wer eine geräumige Limousine braucht und wenig Wert auf die Optik legt, kann so einen 2000-Euro-Schlitten kaufen. Alle anderen schauen besser nach einem günstigen Audi A6 oder BMW 5er.