Fahrbericht G 500 4x4 hoch zwei

Mercedes G 500 4x4 hoch zwei: Fahrbericht

— 09.06.2016

Mein Tag als Monster

Ja, spinnt denn der? AUTO BILD-Autor Georg Kacher düst mit einer Blechburg durch die City. Der Mercedes G 500 4x4 hoch zwei in Berlin.

Einen LKW-Führerschein brauche ich nicht. Aber die Muskelkraft und Gelenkigkeit eines Brummi-Piloten wären schon hilfreich. Denn einsteigen in den "G 500 4x4 hoch zwei" heißt hochklettern: linken Fuß auf das Edelstahl-Trittbrett, rechte Hand ans Lenkrad und dann per Hüftaufschwung auf den Hochsitz. Für Trucker sind 2235 mm Höhe und 2190 mm Breite über Spiegel ein Klacks. Wer aber von der Mercedes C-Klasse in diese aufgeblasene G-Klasse umsteigt, braucht auf den ersten Kilometern viel Gefühl oder eine mit Kameras bestückte Navidrohne. Vor allem Einparken will gelernt sein, trotz der fetten 22-Zoll-Gummis im Format 325/55, für die Bordsteine Kinderkram sind.

Eine Fahrt durch Berlin gleicht im hohen G einer Mutprobe

Soziale Akzeptanz ist ein Problem: Wer im G 500 4x4 hoch zwei unterwegs ist, braucht ein dickes Fell.

Zur Einordnung: Den Monster-G gibt es auch mit drei Achsen. Er heißt G 63 AMG 6x6, ist ein noch extremeres Endzeitmobil als unser 230.170 Euro teurer "hoch zwei" und war im Nu ausverkauft. Auch das kürzere, aber ansonsten ähnlich dimensionierte 4x4-Modell lebt primär von seiner extrovertierten "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?"-Optik. Von der Funktion her bringen die mächtigen Portalachsen vor allem dann keinen Mehrwert, wenn sie das maximale Drehmoment von 610 Nm über Straßenreifen in Vortrieb umsetzen. Karin Sacher aus Berlin-Mitte stellt die Sinnfrage erst gar nicht. Die rüstige Rentnerin, die vor der Wende mit ihrem Wartburg zwischen Zweiraumwohnung und Datsche hin- und herpendelte, findet unseren G auf Stelzen einfach nur toll. "Wenn ich noch mal jung sein dürfte und richtig Geld hätte, dann wäre das mein Auto. Allein der Blick von da oben ..." Das sieht erwartungsgemäß so mancher Berliner ganz anders. Am Ende des ersten Tages haben wir die A-Wörter und Stinkefinger im Kopf addiert. Ergebnis: Niemand, wirklich niemand kommt beim Fußvolk noch schlechter an.
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Die Anwesenheit des riesigen Mercedes provoziert

Ansaugbollern und Auspuffgrölen: Der höhergelegte Benz macht sich auch akustisch stark bemerkbar.

Vor allem Radler erschrecken sich oft doppelt. Von hinten kommend, vermitteln lautes Ansaug-Bollern und Auspuff-Grölen ein Angstbild, das sich im Sog der metallicblauen G-Pyramide dann prompt selbst übertrifft. Eine kleine Auswahl der gehörten Parolen gefällig? "Höher geht’s wohl nicht!", "Ist doch echt krank, Mann!", "Geschmack kann man nicht kaufen." Der Rest ist nicht jugendfrei. Klar, auch Begeisterung ist mit im Spiel, wobei 13- bis 15-jährige Energy-Drinker, Selfie-Fans und Protagonisten der bis zum Funkenflug tiefergelegten Krasse-Karren-Fraktion im Vorderfeld rangieren. Ali will es an der Ampel wissen. Beifahrerfenster runter, Blick nach oben. "Ey, Alter, was geht? Machma Rennen oder was?" Keine gute Idee. Zum einen sitzt Ali in einem mattweiß folierten S 63 AMG, zum anderen gilt in der Innenstadt fast durchgängig Tempo 30. Bei Grün fahren wir daher gaanz langsam an, der weiße Benz setzt sich vor den blauen, und dann leisten fünfFotohandys Schwerstarbeit. Bei Nacht wären die Bilder nichts geworden, denn das Xenonlicht des hochgesetzten G 500 taucht das Cockpit des Vordermanns in bläuliches Flutlicht. Beim nächsten Rotlicht spannen viele Hände einen blauweißen Schal mit der Aufschrift "Türkiyemspor Berlin".

Autos machen Leute. Das gilt auch für den G 500 4x4 hoch zwei. Nicht nur der offensiv zur Schau getragene Reichtum geht vielen Betrachtern gegen den Strich, auch die 17 Liter Praxisverbrauch sind im Reich der Jogger, Radfahrer und Fußgänger Grund genug für die kollektive Rote Karte. Dabei will der "Big bad Benz" doch nur spielen, im großen Gang die Karl-Marx-Allee entlangbrabbeln, mit seinen verchromten Sidepipes den Staub von den Mauerresten blasen, Stolperschweller mit zwei Federbeinen pro Rad und 3021 Kilo Lebendgewicht dem Erdboden gleichmachen.

Mit seinem V8 lässt der Geländegänger die Muskeln spielen

Kraftpaket: Der V8 liefert 610 Nm und 422 PS und sorgt damit bisweilen sogar für Fahrfreude im großen G.

Klingt nach fliegendem Teppich, ist aber eher eine mit Leder und Alcantara bezogene Folterbank für Masochisten. Fahrkomfort? Zum Vergessen. Die Abstimmung stammt von der Firma Quälix & Co, die abgesehen von den pneumatischen Multikontursitzen offenbar voll und ganz auf die Eigenfederung des verlängerten Rückgrats vertraut. Wie jedes G-Modell hat auch unser Muskel-Macho so seine Eigenheiten. Man sitzt ungewöhnlich dicht an den Türen, der Luftraum über den Passagieren wäre groß genug für ein Fledermaus-Testfluggelände, der satte Klang der ins Schloss knallenden Türen ist ebenso unverwechselbar wie das Klack-Klack der lautesten Zentralverriegelung der Welt. Anders als die Allerwelts-G-Klassen hat unsere Breitspur-Straßenwalze ernste Probleme, die Spur zu halten, dem Lenkeinschlag zu folgen und auf schlechten Straßen Haltung zu bewahren, vom 14,3 Meter großen Wendekreis ganz zu schweigen. Im Prinzip gibt es nur einen einzigen Weg, sich fahrdynamisch mit dem barocken Hochkant zu arrangieren: Start-Stopp ausschalten, das Getriebe in Sport fixieren und die ESP-Taste drücken. Jetzt kommt endlich Spaß auf, die 422 PS entfachen immer wieder kleine Feuer im Heck, und der Vierliter-Motor dreht willig bis 6000 Touren. Die Bremse ist übrigens keine schwammige Absichtserklärung, sondern ein Musterbeispiel für prompte Energievernichtung.

Bis zu 210 km/h sind im G 500 4x4 hoch zwei drin

Ziemlich deplaziert: Richtig Spaß macht der Benz in der City nicht – ihm fehlen Wendigkeit und Sympathie.

Apropos. Der in den 70er-Jahren der Sage nach von einem steirischen Holzschnitzer entworfene und damals dezidiert unsportliche Geländewagen schleppt heute noch den Cw-Wert des alten Reichstags mit sich herum. Der Effizienz ebenfalls abträglich sind der dauerdurstige V8, der vom Fluch der inneren Reibung befallene Antriebsstrang und der rekordverdächtig hohe Rollwiderstand der Bereifung. Einmal achtlos lupfen genügt, um mehr Tempo abzubauen als so manches E-Fahrzeug bei voller Rekuperation. Wer länger Vollgas gibt – die Spitze beträgt 210 km/h –, kann dabei zusehen, wie die Tanknadel abstürzt. Neben dem unangenehmen Hochgeschwindigkeitsstuckern stört das ab 150 km/h sehr hohe Geräuschniveau. Und Ohropax wird dem Bordwerkzeug leider nicht beigelegt. Weil das 14-äugige Urvieh in keine herkömmliche Tiefgarage passt, haben wir ihm vorm Hotel ein Nachtlager unter freiem Himmel bereitet. Am nächsten Morgen geht das Personal samt Riesenschnauzer auf Tuchfühlung mit dem wenig sozialverträglichen Schwabenschrank.

Und siehe da: Der Juniorchef wirft sich für die Fotos begeistert in Pose, die Küchenhilfe knipst sich am Handy die Finger wund, und die Servicekraft will wissen, "wat denn ’ne Dorfrunde so kosten würde". Kein Neid, kein abschätziger Kommentar. Doch schon auf der engen Allee zur Autobahn ist wieder alles wie gehabt. Obwohl das Playmobil bereitwillig Platz macht, zeigt uns der Busfahrer den Vogel. Nummer 16 oder 17, auch diesmal quittiert mit einem freundlichen Lächeln.

Technische Daten Mercedes G 500 4x4 hoch zwei • Motor: V8, Biturbo, vorn längs • Hubraum: 3982 cm³ • Leistung: 310 kW (422 PS) bei 5250/min • max. Drehmoment: 610 Nm bei 2000/min • Vmax: 210 km/h • 0–100 km/h: 7,4 s • Antrieb: Allradantrieb, Siebenstufenautomatik • Tankinhalt: 96 l • L/B/H: 4500/2100–2190/2235 mm • Kofferraum: 487 l • Leergewicht: 3021 kg • EU-Mix: 13,8 l Super/100 km • Abgas: CO2: 323 g/km • Preis 230.170 Euro.
Georg Kacher

Georg Kacher

Fazit

Mehr G geht kaum! Aber der G 500 4x4 hoch zwei ist für die Stadt zu breit und nicht wendig genug. Als Spezialist im Eindruckschinden muss der King-Kong-Benz dagegen kaum einen Gegner fürchten. Dem macht jeder Platz, ob er will oder nicht.

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