Landaulet: Geniale Staatskarosse im Eigenbau

Landaulet: Geniale Staatskarosse im Eigenbau

Mercedes Landaulet selber bauen Mercedes Landaulet selber bauen Mercedes Landaulet selber bauen

Schrauber-Projekt: Mercedes Landaulet

— 30.11.2017

Geniale Staatskarosse im Eigenbau

Mercedes 600 Landaulet, ein Auto für Könige und Diktatoren. Extrem selten und utopisch teuer. AUTO BILD wollte trotzdem einen Landaulet – und hat ihn sich selbst gebaut!

Im Mercedes 600 Landaulet saßen einst nur die wichtigen Personen. Im MB 100 Landaulet tut es der Redakteur.

Kaiser, Könige, Diktatoren und Papst Paul VI. fuhren einst in einem ganz besonderen Mercedes umher. Der war zur Präsentation 1963 das höchste der Komfortgefühle, ein rollender Technik-Meilenstein, keiner auf der Welt konnte es exklusiver. Klar: Es geht um den Mercedes 600 (W 100). Die besonders hoheitliche Variante davon war das Landaulet, 3,90 Meter langer Radstand, vier Türen und sechs Seitenfenster, ein Staatskreuzer mit Oberdeck. Der Chauffeur unter Stahldach, die Promi-Passagiere ganz hinten auf der dachfreien Rückbank, darüber ein Verdeck.

Bilder: Mercedes 600 Pullman W 100 (1964 - 1981)

Klassiker-Gigant: Mercedes 600 Pullman

AUTO BILD träumt vom Mercedes-Landaulet

Genau so wollte sich AUTO BILD auch fühlen. Problem: Eins der nur 59 gebauten "Halbcabriolets" kostet – sofern überhaupt mal im Angebot – mindestens siebenstellig. Einen MB 100 dagegen gibt es fast geschenkt. Schrottreif sind diese zwischen 1988 und 1995 verkauften Transporter eh fast alle – da tut eine ruppige Behandlung nicht so weh. Wir trimmen den Kasten auf Landaulet-Optik! Müssen wir auch, denn an der Technik ist nichts zu machen. Das Landaulet-Vorbild hat ein feines V8-Herz mit 6,3 Litern Hubraum und 250 PS unter der Haube, während im MB 100 ein derber Vorkammer-Diesel mit 75 PS ackert. Bürgerliche Benz-Benutzer kennen ihn aus dem 240D/8. Der Transporter bietet leider nur eine scheppernde Schiebetür und knarzende Kurbeln statt Hydraulik für alles. Eine Starrachse an Blattfedern übernimmt die Aufgabe, die im W 100 eine vierfache Luftfederung inklusive verstellbarer Stoßdämpfer leistet. Ganz klar: Wir sollten uns mit einer gewissen optischen Nähe zum Original zufrieden geben!

Gebrauchtwagensuche: Mercedes 600

Operation mit Flex und Farbe

Dank der Flex wurde aus einem runtergerockten MB 100 in ein paar Stunden ein Traumgefährt.

Die Operation geht in großen Schritten voran. Das Dach ist ab, sechs Schnitte durch Seitenteile und Hecktüren mit der dünnen Trennscheibe reichen. Dann tiefes Mattschwarz auf den Wagen, und "Chrom" von der Küchenrolle für Stoßfänger, Radläufe, Schweller und sogar für den seitlichen Lufteinlass. Ein Super-Ergebnis! Sogenannte Abziehfarbe auf den Reifen ersetzt die Weißwand des Originals. Noch besser im Innenraum: Brauner Theaterstoff imitiert feinstes Mercedes-Leder, statt des aufgeklappten Verdecks thront hinten eine Attrappe aus Holzlatten, einem alten Schlafsack und quadratmeterweise schwarzem Vorhang. Den herrschaftlichen Fondsitz des Mercedes 600 – auch er hydraulisch verstellbar – ersetzt eine per Handkreissäge zurechtgestutzte Zweiercouch aus dem Secondhand- Möbelladen. Muss reichen!

Mercedes MB 100 im Gebrauchtwagen-Test

Gebrauchtwagentest: Mercedes MB 100 als Reisemobil

Die Optik des Mercedes-Transporters stimmt

Schwarz, stattlich, elegant, vorne geschlossen und hinten offen – die kosmetische Operation des MB 100 ist durchaus gelungen, finden wir! Standarten (Dithmarschen, die Heimat des Autors) flattern, ein Stern ziert die Front und eine 100 prangt im Logo – wer kann da noch Original und Imitat auseinanderhalten? Das Fahrerlebnis? Okay, die Fuhre knarzt, bockt und scheppert durchs Gewerbegebiet. Vom vollendeten Gleiten des 600ers hat der qualmende 250.000-Kilometer-Diesel nichts. Schlimmer aber: Niemand ist in der Nähe, dem hoheitlich zugewinkt werden kann.

Landaulet fahren im Hamburger Wetter

Auch die Kulisse ein Traum: Der offene MB 100 Landaulet in der Hamburger Speicherstadt.

Das Abnehmen der Parade macht im nächtlichen Hamburg keinen Spaß. Außerdem betrübt die Sorge, dass eine Polizeistreife nach dem Sinn des Treibens fragen könnte – so ganz astrein im Sinne einer TÜV-Abnahme ist der Umbau nämlich zumindest auf den ersten Metern (noch) nicht. Und: Eine kalte November-Brise wirbelt durch den Innenraum. Da muss der Staatsmann im Fond schon ein echter Kerl sein!

Landaulet: Geniale Staatskarosse im Eigenbau

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Technische Daten: Mercedes MB 100 (Bj. 1991) Mercedes 600 Landaulet (Bj. 1972)
Motor Vierzylinder-Reihenmotor, Vorkammer-Diesel, eine obenliegende Nockenwelle, Kettenantrieb V8 (90 Grad), mechanische Saugrohr-Benzineinspritzung, eine oben liegende Nockenwelle pro Bank, Kettenantrieb
Hubraum 2399 ccm 6330 ccm
Leistung 55 kW (75 PS) bei 4400/min 184 kW (250 PS) bei 4000/min
max. Drehmoment 137 Nm bei 2400/min 500 Nm bei 2800/min
Antrieb Fünfgang-Schaltgetriebe, Vorderradantrieb, Einscheiben-Trockenkupplung Vierstufen-Automatikgetriebe, Hinterradantrieb
Fahrwerk Drehstabfederung vorn, Starrachse an Blattfedern hinten, Telekopstoßdämpfer rundum Doppelquerlenker vorn, Pendelachse hinten, Luftfederung rundum, Stoßdämpfer verstellbar
Abmessungen Radstand 2450 mm, L/B/H 4652/1845/2055 mm Radstand 3900 mm, L/B/H 6240/1950/1500 mm
Leergewicht 1750 kg 2770 kg
Höchstgeschwindigkeit 125 km/h 200 km/h
Verbrauch ca. 10,0 l D/100 km 17,8 l/100 km
Neupreis 18.197 Mark (1991) 113.500 Mark (1973)

Autor: Jan Horn

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