Drei Zwölfzylinder im Vergleich

Mercedes S 600/Bentley Flying Spur/Rolls-Royce Ghost: Test

— 25.03.2015

Drei 12-Zylinder im Vergleich

Schön, dass es so was noch gibt: Wir waren mit den drei Zwölfzylindern Bentley Flying Spur, Rolls-Royce Ghost und Mercedes S 600 unterwegs.

Wir wollen jetzt nicht darüber philosophieren, dass man fürs Geld auch ein Einfamilienhaus mit Garten bekäme. Vielleicht sogar mit Pool und Sauna, zumindest aber mit Wintergarten. Wir wollen jetzt Spaß haben. Wir haben ein langes Wochenende vor uns und scheuchen drei dicke Kerle mit Zwölfzylinder quer durch die Alpen. Wir dürfen kurz vorstellen: Bentley Flying Spur W12 (Testwagenpreis: 248.299 Euro), Mercedes S 600 (184.057 Euro) und die zweite Serie des Rolls-Royce Ghost (349.980 Euro). Es sind die letzten Mohikaner, die Vertreter einer aussterbenden Art. Zwölfzylinder? In Zeiten von Downsizing völlig aus der Mode gekommen. Aber trotzdem schön.

Fahrbericht: Rolls-Royce Dawn (2016)

Understatement ist die Tugend der S-Klasse

Optisch eine ganz normale S-Klasse: Dass im Bug ein fetter V12 steckt, sieht man dem S 600 nicht an.

Die weiße S-Klasse gleitet fast inkognito durch den Winter – schließlich sieht das Topmodell selbst auf den zweiten Blick nicht viel anders aus als ein nagelnder S 350. Auch beim Flying Spur können nur Kenner den V8 vom W12 unterscheiden. Rolls-Royce erspart uns das Hierarchie-Dilemma, denn den Ghost II gibt es ausschließlich mit einem Schnurrwerk, das bis zwölf zählen kann. Auf der dreispurigen A 8 gen Süden kann man den Nadeln der Tankuhren dabei zuschauen, wie sie den freien Fall üben. Die Folge von hohem Gewicht und hohen Fahrwiderständen dürfte den OPEC-Scheichs ein Lächeln aufs Gesicht zaubern. Im Schnitt verteilen der Bentley 20,5 Liter, der Ghost 19 Liter und der S 600 16 Liter auf jeweils zwölf Brennräume. Während Sir Rolls und Herr Benz bei 250 km/h elektronisch eingebremst werden, fordert seine Lordschaft aus den Midlands mit bis zu 320 Sachen sogar das Sportwagen-Establishment. Trotz frischen Blechkleids ist der Spur das älteste Auto in diesem Trio. Der gusseiserne Brite federt mehr schlecht als recht, hat Schwächen beim Infotainment und den Assistenzsystemen, wirkt innen fast so eng wie ein Wagen der oberen Mittelklasse.
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Mit dem Ghost zeigt Rolls-Royce fahrdynamisches Talent

Der kann jetzt auch Kurven: Rolls-Royce hat dem Ghost II ein deutlich knackigeres Fahrwerk spendiert.

Dafür zelebriert das geflügelte B klassische Opulenz mit viel Chrom, Leder und Holz. Charmant? Ja. Zeitgemäß? Eher nein. Die S-Klasse kann fast alles besser: Komfort, Ausstattung, passive Sicherheit, Effizienz, Platzangebot, Preiswürdigkeit, wenn wir das bei diesen Kursen so sagen dürfen. Der S 600 ist ein wahrer Meister im Ausbügeln von Unebenheiten und wenn es darum geht, es den Passagieren bequem zu machen und dem Fahrer die Arbeit abzunehmen. Abstand halten, bei Gefahr bremsen oder ausweichen, automatisch auf-und abblenden, selbstständig einparken, nachts vor Fußgängern oder Wildwechsel warnen – hier ist Prof. Dr. Luxus am Werk. Der Ghost I war mal ein tiefenentspannter Gleiter, doch die zweite Serie hat in Verbindung mit dem optionalen Dynamic-Driving-Paket einen Schnellkurs in Sachen Fahrvergnügen absolviert. Die Lenkung ist jetzt stets bei der Sache, die Radaufhängung gibt sich erdverbundener, die Dämpfer sind straffer abgestimmt. Das macht den RR zwar noch nicht zum Kurvenräuber und Spätbremser, aber die "My car is my castle"-Behäbigkeit ist einer ansprechenden Agilität und Grundschnelligkeit gewichen.
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Sauwetter in Bayern, Sauwetter in Tirol: Schneeregen, Aquaplaning, schlechte Sicht. Trotz widriger Bedingungen geben sich die beiden Hecktriebler von Benz und Rolls kaum eine Blöße. Schwächen? Der Mercedes ist leicht kopflastig, kämpft in engen Kurven mit Traktionsproblemen, könnte eine weniger passive Lenkung vertragen und einen nachgeschärften Sportmodus. Der Rolls wird an einer allzu kurzen ESP-Leine geführt, lässt uns schon in mittelschnellen Biegungen Gewicht und Masse spüren, will ohne Nachdruck ganz lässig auf Zug gefahren werden.

Der Sportler im Luxus-Trio läuft bei Bentley vom Band

Wenn der feine Herr auch Sportfahrer sein will: Der Flying Spur macht keinen Hehl aus seinen Ambitionen.

Der Bentley ist spröde abgestimmt, sein Zwölftonmotor klingt fast unangemessen kernig, Schaltpaddel kosten extra, die Gewichtung von Lenkung und Bremse dürfte harmonischer sein. Dafür glänzt der Flying Spur mit seinem serienmäßigen Allradantrieb, mit aufpreispflichtigen Kohlefaser-Stoppern und mit der garantierten Bestzeit von A nach B. Liegt an den 625 PS und auch an der 800 Nm starken Drehmomentlawine, die schon bei 2000 Touren abgeht. Trotzdem ist schiere Leistung in der Königsklasse kein spielentscheidendes Kriterium. So trennt nur ein Wimpernschlag die drei Zwölfender beim Spurt von null auf 100 km/h. Spur und S 600 schaffen die Übung in 4,6 Sekunden, der Ghost braucht drei Zehntel länger. Deutlichere Unterschiede kennzeichnen die Charakteristik der Motoren. Der kernig-kehlige Sechsliter-W12 des Bentley macht auf Heavy Metal, hängt gierig am Gas und wird erst bei 6200/min vom Begrenzer gestoppt. Das deutsche Sechsliter-Aggregat ist unaufgeregt, erreicht seine Nennleistung von 530 PS schon bei 4900/min und spült bereits bei 1900 Touren 830 Nm in Richtung Antriebsachse. Der 6,6-Liter-V12 im Ghost präsentiert sich als schäfchenweicher Expressflüsterer mit viel Schubkraft (780 Nm) und noch mehr Biss (570 PS).
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In Sachen Exklusivität bleit der Ghost unschlagbar

Wer es sich leisten kann, und wahre Exklusivität schätzt, der kommt am Rolls-Royce Ghost nicht vorbei.

Luxus hat viel zu tun mit Emotion und Leidenschaft, Image und Prestige, technischer und handwerklicher Perfektion. Nur die Vernunft bleibt oft außen vor – sonst würden selbst die Superreichen zum Spur V8 oder zum S 500 4Matic greifen. Wer es sich leisten kann, die Objektivität zu relativieren, der kommt am Rolls-Royce nicht vorbei. Der Mercedes mag das komplettere Auto sein, doch der Ghost ist ein ganz besonderer Zwölfzylinder, unverhohlen extrovertiert und unverschämt auffällig, aber eben auch bis ins Detail perfekt gemacht. Die S-Klasse wirkt im direkten Vergleich zu bürgerlich, zu wenig speziell, zu sehr Kind der Großserie. Der Bentley ist ein sehr geschmackvoll eingerichtetes viertüriges Sportcoupé, traktionsstark und schnell, aber eben nicht so geschmeidig und souverän, wie man das von einer Luxuslimousine erwarten darf.

Technische Daten Bentley Flying Spur:Motor W12, Biturbo, vorn längs • Hubraum 5998 cm³ • Leistung 460 kW (625 PS) bei 6000/min • max. Drehmoment 800 Nm bei 2000/min • Spitze 320 km/h • 0–100 km/h 4,6 s • Antrieb Allrad/Achtstufenautomatik • Tankinhalt 90 l L/B/H 5295/1975/1490 mm Kofferraum 475 l • Leergewicht 2400 kg • EU-Mix 14,7 l Super/100 km • Abgas CO2 343 g/km • Preis: ab 197.302 Euro

Technische Daten Mercedes S 600: • Motor V12, Biturbo, vorn längs • Hubraum 5980 cm³ • Leistung 390 kW (530 PS) bei 4900/min • max. Drehmoment 830 Nm bei1900/min • Spitze 250 km/h 0–100 km/h 4,6 s • Antrieb Hinterrad/Siebenstufenautomatik • Tankinhalt 80 l L/B/H 5246/1899/1496 mm Kofferraum 500 l • Leergewicht 2185 kg • EU-Mix 11,3 l Super/100 km • Abgas CO2 264 g/km • Preis: ab 165.113 Euro

Technische Daten Rolls-Royce Ghost: • Motor V12, Biturbo, vorn längs • Hubraum 6592 cm³ • Leistung 420 kW (570 PS) bei 5250/min • max. Drehmoment 780 Nm bei 1500/min • Spitze 250 km/h 0–100 km/h 4,9 s • Antrieb Hinterrad/Achtstufenautomatik • Tankinhalt 83 l L/B/H 5570/1950/1550 mm Kofferraum 490 l • Leergewicht 2420 kg • EU-Mix 13,7 l Super/100 km • Abgas CO2 319 g/km • Preis: ab 313.149 Euro
Georg Kacher

Georg Kacher

Fazit

Unvernunft muss manchmal sein! Deshalb ist es schön, dass es solche Zwölfzylinder noch gibt, auch wenn sich nur die oberen Zehntausend so was leisten können. Und welchen kaufen? Der Mercedes ist das Sonderangebot in der Luxusklasse, der Bentley mit Allradantrieb der agilste Kerl. Den größten Eindruck hat der Rolls-Royce hinterlassen. Auch beim Preis: fast 350.000 Euro!

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