Mercedes S63 AMG gegen AMG 560 SEL 6.0

Mercedes S63 AMG gegen AMG 560 SEL 6.0

— 16.06.2008

Chef-Sessel

Wenn der Chef dem AMG die Sporen gibt, hat der Chauffeur Pause. Gerade bei der S-Klasse von Mercedes-Benz hat die Affalterbacher Kraftkur jahrzehntelange Tradition. Ein exklusives Treffen der PS-Generationen.

Meckernde Kunden, fordernde Geschftspartner, stndiges Telefongeklingel und dabei stets Souvernitt und Ruhe ausstrahlen. Alltag in der Chefetage. Die angestrengten Nerven sehnen sich nach Stressabbau sptestens zum lang ersehnten Feierabend. Wer vorzugsweise zu Mozartklngen entspannt, ist in einer S-Klasse gut aufgehoben wer eher Heavy Metal liebt, greift zum AMG-Derivat. Ende der Sechziger und in den Siebzigern waren selbst die bffelartigen Triebwerke der Hubraumriesen Mercedes 300 SEL 6.3 und 450 SEL 6.9 vielen noch zu brav. Hans Werner Aufrecht und Erhard Melcher nahmen Leistungshungrige unter ihre Fittiche und setzten in der damals in Groaspach gelegenen Werkstatt auf Rennsport-Know-how: Vergrerte und geglttete Ein- und Auslasskanle, erhhte Verdichtung, genderte Zylinderkpfe und geschliffene Nockenwellen entlockten Leistung, die das Werk verwehrte.

Viele Motor-Details des Mercedes SEL stammen von Porsche

Darth Vader: Der Kult-AMG ist frei von Chrom. Selbst der Stern ist schwarz lackiert.

Anfang der 80er-Jahre folgt eine kleine Revolution. Immer auf der Suche nach mehr Power, entwickelt Melcher fr eine siebenstellige Summe einen Vierventil-Zylinderkopf fr den M117-Motor der W126-S-Klasse. Um diesen auf den serienmigen Block montieren zu knnen, werden die Kpfe in zwei Teilen gegossen. Zudem sind sehr enge Ventilwinkel von 30 Grad ntig, da sonst die Zylinderkopfschrauben im Wege stehen eine Lsung, die Melcher sich beim damaligen Motor von Porsches Formel-1-Renner abschaut. Auch die Federn der Einlassventile stammen aus Zuffenhausen. Weitere Besonderheit: Die serienmige Steuerkette treibt nun die beiden Einlassnockenwellen an, whrend eine zweite die Auslassnockenwellen bewegt. Alle vier Wellen sind von AMG selbst entwickelt.

Damit der V8 ins Auto passt, muss der Motorraum umgebaut werden

Kraftprotz: Im modernen S63-V8 toben 525 Vollblter.

Eine optimierte Leichtmetall-Ansaugbrcke, Fcherkrmmer sowie AMG-Vorkatalysatoren, -Mittel- und -Endschalldmpfer sorgen fr einen verbesserten Durchsatz des verfeinerten V8, ein vergrertes lvolumen und lkhler bringen angenehm Betriebstemperaturen. Die Leistung des 500 SE steigt so auf 340 PS, mit Erhhung der Bohrung von 96,5 auf 100,0 Millimeter tritt das Topmodell 560 SEL mit nunmehr 6,0 Liter Hubraum und bis zu 385 PS an. Erst mit Verbreiterung der Karosserietrger passt der Vierventil-V8 unter die Haube. Auch in Japan sind die erstarkten Luxuslimousinen sehr begehrt. Von dort stammt dieser aufgeliterte Muster-560er: Knapp 99 000 Kilometer auf dem Tacho und ein dicker Ordner voller Werkstattrechnungen in filigranen japanischen Schriftzeichen sowie Lack und Leder im Neuzustand zeugen von bester Pflege.

Wummern wie ein Motorboot

Der Vorbesitzer rkelte sich am liebsten auf der elektrisch einstell- und beheizbaren Bank und zhlte sein Geld auf ausklappbaren Holztischchen. Zu beneiden ist aber auch der Chauffeur. Wie ein Motorboot wummert das M117-Triebwerk, treibt die Tachonadel in Windeseile ber die wei hinterlegten Instrumente und Freudentrnen in die Augen. 520 Newtonmeter walzen jede Steigung platt und schieben den Oldie mchtig voran, ab 3500 bis 4000 Umdrehungen gesellt sich eine ungeahnte Drehfreude hinzu. Optional steigert eine krzere Hinterachsbersetzung (2,47 statt 2,24) das Temperament weiter. Neben strkeren Bremsen und Torsen-Gleason-Differenzialsperre mit variabler Wirkung von 10 bis 90 Prozent hlt AMG fr Fahrdynamiker sogar eine elektronisch geregelte Dmpfereinstellung mit acht verschiedenen Hrtestufen parat.

Der moderne V8 im S63 AMG bringt es auf 525 PS

Willkommen im Club: Der erste Besitzer des 560 SEL liebte dunkles Leder und edle Hlzer.

Der inklusive Stern komplett in Schwarz gehllte W126 pflegt den Darth-Vader-Auftritt mit damals umstrittenen, heute Kult gewordenen Anbauteilen. Die wuchtig-bse Optik macht sogar den etwas hlzernen Abrollkomfort und die schwammige Lenkung vergessen. 2006 macht AMG wieder mit einem Vierventil-V8 von sich reden. Der 6,2-Liter-Hochdrehzahl-Bulle ist der erste von AMG selbst entwickelte und gebaute Komplettmotor und befeuert im 525-PS-Trimm auch den aktuellen S 63 AMG. Begleitet vom dumpfen Bass aus vier verchromten Endrohren grollt der S 63 die Drehzahlleiter brachial bis 7200 Touren empor. Umgeben von der alubetonten Moderne des 21. Jahrhunderts, eingebettet in riesige Sitze, lst der Fahrer per Schaltpaddel am Lenkrad taktstockgleich schnelle Schaltvorgnge aus und whnt sich auf einem monstrsen Schwebeteppich. Die leichtgngige, aber erfreulich przise Lenkung und riesige Verbundbremsen mit Doppelfauststteln machen auch Landstraen zur mglichen Spielwiese. Dann ist er aus, der Traum: Das Handy klingelt der Alltag hat uns wieder. Wir gehen nicht ran. Noch blubbern Sie, die seelenverwandten V8.

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Autor: Frank Wiesmann

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