Mercedes SL gegen Mercedes SLK

Mercedes SL vs. Mercedes SLK: Ein Duell unter Brüdern Mercedes SL vs. Mercedes SLK: Ein Duell unter Brüdern

Mercedes SL gegen Mercedes SLK

— 22.09.2010

Vergleich unter Brüdern

Eine gemeinsame Familie garantiert noch lange keinen Frieden. AUTO BILD hat Mercedes SL und Mercedes SLK verglichen. Wie nahe stehen sich die beiden Brüder wirklich?

Unter Brüdern herrscht nur im Märchen oder im Heimatfilm jene Harmonie, die Eltern sich einmal erträumt haben – meist vor der Geburt. Viel häufiger regiert eine mehr oder weniger offene Rivalität, die letztlich den Bruderkämpfen ihren Namen gab. Gedanken, die in der Luft liegen bei unserer Ausfahrt mit den Mercedes-Brüdern SLK und SL 350. Elegante Zweisitzer, heftig motorisiert, sodass man sich erstens fragt, weshalb noch potentere Triebwerke in der Preisliste stehen, und zweitens: Warum leistet sich Daimler zwei Modelle, die ungefähr das Gleiche bieten, aber durchaus unterschiedlich viel kosten?

Überblick: News und Tests zum Mercedes SLK

Mercedes verwöhnt mit Airscarf, einer Heizung in der Kopfstütze. Wenn die nicht hilft, ziehen die Roadster ihre Mütze auf.

Es gibt bestimmt Schlimmeres, als diese schnellen Brüder zu bewegen, die auf den ersten Blick Gemeinsamkeiten betonen. Das feste Hardtop etwa. Wenn Mercedes nicht wäre, hätten wir von circa Oktober bis Mai Cabrio-Pause. Mit den beiden Roadstern schufen die Stuttgarter jedoch kluge Offenautos zur Vermeidung von Katarrh. Nie wurde Zugluft sinnreicher zubereitet. Die wärmenden Waffen zur Luftabwehr sind: kraftvolle Heizung, Windschott, Sitzheizung, Airscarf (eine Art Föhn aus der Kopfstütze), schließlich Blechdach, in dieser Reihenfolge. Das verlängert die Öffnungszeiten bis tief in die deprimierenden Wetterphasen. Doch das ist nicht das Neue an SL und SLK, es verblüfft nur wieder, wie effizient Mercedes die thermische Gänsehaut wegkonstruiert.

Überblick: News und Tests zum Mercedes SL

Sonstige Gänsehäute wandern jedoch ordnungsgemäß den Korpus auf und ab, in Gang gesetzt von Sound, g-Kräften, Speed und sogar, wenn man die Wagen bloß anguckt. Die Sport-Geschwister sind neulich noch einmal intensiv gesichtsgepflegt worden, woraufhin zwar keine neuen Autos entstanden, aber doch zugespitztere Typen. Insbesondere der SL, der nun eine pfeilförmige Nase mit hakenförmigen Scheinwerfern in den Wind steckt, dazu noch ein bisschen Showeffekt mit Powerdomes auf der Motorhaube und seitlichen Kiemen, die ebenfalls nur Attrappen sind. Beim kleinen Bruder sieht die Bugschürze nun nach AMG aus. Dazu gibt es äußerlich ein paar Minimaländerungen, die kaum der Rede wert sind.

Gänsehaut in Bewegung

Außerdem hat Mercedes bei beiden das Interieur aufgewertet. Wichtiger sind die technischen Modifikationen. Die Brüder werden mit einem neuen "Sportmotor" offeriert, ja, so heißt er. Der gleiche 3,5-Liter-V6 leistet im "Großen" 316, im "Kleinen" 305 PS. Grund für die Differenz ist der bauraumbedingt höhere Abgasgegendruck des SLK, schließlich steht das K für kurz. Wegen der fehlenden elf PS muss er sich aber nicht genieren, da er 340 Kilo leichter ist. Mit "Sportmotor" meint Mercedes hohe Umdrehungen pro Minute. Erstaunliche 7200 dreht die Maschine. Es gibt jedoch keine Not, so hochzujubeln, denn das Aggregat ist elastisch und hat leichtes Spiel mit den Zweisitzern – egal, Drehzahl ist angesagt, schließlich soll ja die Gänsehaut in Bewegung gehalten werden, zunächst akustisch.

Akustische Treibjagd

Der Ausflug steht unter keinem guten Stern? Von wegen: Sobald die beiden Sportmotoren säuseln, wird einem warm ums Herz.

Bei Drehzahlen bis 4000 singt das V6-Triebwerk noch völlig unverdächtig, aber darüber, holla! Aus dem Singen wird ein Kreischen und ab 6000 ein Bellen, sodass der Hase nervös die Lauscher aufstellt, weil er denkt: "Oh je, schon wieder Treibjagd." Der SLK trompetet dabei noch ein bisschen grooviger als der SL. Insbesondere beim Gaswegnehmen röchelt der Kleine mittels vorsätzlich vom Sounddesigner geplanter gruppenweiser Zylinderabschaltungen dumpf wie ein schlecht gelaunter Bär, was aber die Laune des Fahrers durchaus hebt. Bei Vollgas verbinden sich nun akustische und kraftgefühlte Gänsehaut zu einem Duett, denn der Fahrer sitzt nicht nur inmitten eines wild gewordenen Orchesters, sondern zusätzlich im Katapult.

Die Straßen werden kurz

Der SLK beschleunigt in frisurzerstörenden 5,4 Sekunden auf Tempo 100, der SL in 6,2 Sekunden. Die Straßen werden plötzlich schmal und auch sehr kurz, denn die nächste Kurve hat es ganz eilig, sich vorzustellen. Die gut 300 PS stupsen die nicht wirklich leichten und zierlichen Zweisitzer wie Spielzeuge vorwärts, da freut man sich, dass die Direktlenkung als Option angekreuzt worden ist. Die kam auch mit der letzten Modellpflege. Lenkungen waren bislang nicht gerade die Stärke von Mercedes. Ein wenig zu leichtgängig, kein Muster an Präzision und Rückmeldung. Die Direktlenkung ist dagegen definitiv ein Fortschritt.

Siebenstufenautomatik mit Schaltwippen

Im Cockpit gilt: Anfassen statt angreifen – auch wenn die Schaltwippen zum sportlichen Fahren einladen.

In der Mittellage lang übersetzt, so kommt ein schöner Geradeauslauf dabei raus. Dazu präzises Einlenken in leichte Biegungen und eine sehr direkte Reaktion beim Rangieren, auf dass sich keiner die Arme verknote. Das Ganze mit einem Tastsinn, der bis runter zur Straße reicht. Fein ist auch die Siebenstufenautomatik (Serie im SL), in unseren Testwagen mit Schaltwippen am Lenkrad verheiratet. Sie sollte obligatorisch bestellen, wer auch nur ein klein wenig Ambitionen beim Fahren hat. Schaltwippen bedeuten: Die Gänge einfach eintupfen, so wie man beim Schreiben eines Briefes an einen guten Freund Punkt und Komma setzt.

Gewaltiger Preisunterschied

Und beim Runterschalten wird jetzt auch noch melodramatisch automatisch Zwischengas gegeben. Stark. So gondeln wir also offen und fröhlich durchs Weserbergland und fragen uns, welcher ist denn nun tatsächlich der Bessere der beiden? Der schlanke SLK 350 für 50.890 Euro Grundpreis oder der dicke SL 350 für 88.417? Dazwischen, aufgepasst, liegt immerhin fast eine E-Klasse. Noch doller wird's beim individuellen Testwagen-Vergleich inklusive der Extras: 62.159 Euro kostet der SLK, 116.590 der SL. Differenz nun: 54.431 Euro. Das ergibt einen E 350 CGI in Elegance-Version, mit 292 PS und Siebenstufenautomatik.

Den SL braucht man nicht – man will ihn

Sie merken: Der SL ist teuer. Aber lohnt sich die Mehrausgabe? Hmmh, nur beim Mitzählen aller Dinge, die nicht der reinen Vernunft zugänglich sind, wie seine Bedeutungsschwere und die allgemeine Stattlichkeit des SL. Die Hardware-Goodies rechtfertigen den enormen Aufpreis jedenfalls nicht. Serienmäßig hat er Folgendes, was dem SLK in der Basis fehlt: Siebenstufenautomatik, Comand-Naviradio, Lederlenkrad, Reifendruck-Kontrolle, elektrisch verstellbares Gestühl oder Bi-Xenon. Das im Kofferraum geparkte Dach lässt sich natürlich elektrisch liften, und der Kofferraumdeckel geht elektrisch zu. All das ist nicht gerade lebenswichtig.

Hier droht kein Familienkrach

Das SL-Heck ist etwas schärfer geschliffen als das rundere Heck seines kleinen Bruders, des Mercedes SLK.

Und da schon die SLK-350-Grundversion mit manuellem Sechsganggetriebe wirklich alles hat, was ein scharfes Sportcabrio braucht, sind sich die beiden durchaus ähnlich. Allerdings: Mit dem Kleineren der beiden fegt man übers Parkett, wendig, Haken schlagend, bleiben wir ruhig beim Hasen von vorhin. Dem schweren SL ist so viel Sportgeist fremd. Hektik ginge zwar auch, er hat schließlich alle technischen Voraussetzungen dafür, aber es passt einfach nicht zu seinem Habitus. Der Mercedes SL (allein schon dieser Name!) strahlt jene bremsende Noblesse aus, die im Grunde jeden Vergleich verbietet. Er ist und bleibt eine Führungskraft, schöpft die Kraft aus der Ruhe. Damit ist er der weise Große, der sein hibbeliges Brüderchen milde gewähren lässt. So kommt es nur selten zum Zwist.

Technische Daten

Mercedes SL 350 SportmotorV6, vorn längs • 4 Ventile pro Zylinder • Hubraum 3498 cm³ • Leistung 232 kW (316 PS) bei 6500/ min • max. Drehmoment 360 Nm bei 4900/min • Hinterradantrieb • Siebenstufenautomatik • Reifen 255/ 45 R 17 v./h. • Kofferraum339l• L/B/H4562/1820/1317 mm • 0–100 km/h 6,2 s • Spitze 250 km/h • Verbrauch (EU-Mix) 9,7 l S • CO2 226 g/km • Preis: ab 88.417 Euro

Mercedes SLK 350 • V6, vorn längs • 4 Ventile pro Zylinder • Hubraum 3498 cm³ • Leistung 224 kW (305 PS) bei 6500/ min • max. Drehmoment 360 Nm bei 4900/min • Hinterradantrieb • Siebenstufenautomatik• Reifen 225/45 R 17 v.- 245/40 R 17 h. • Kofferraum 300 l • L/B/H 4103/ 1777/1296 mm • 0–100 km/h 5,4 s • Spitze 250 km/h • Verbrauch (EU-Mix) 9,0 l S • CO2 209 g/km • Preis: ab 50.890 Euro
Autor:

Bernhard Schmidt

Fazit

Die Kurven im Weserbergland zeigen die überlegene Gelenkigkeit des SLK. Er spielt den Turnschuh im Mercedes-Programm, der SL den italienischen Slipper. Welcher passt besser? In diesen bewegten Zeiten: der SLK.

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