Messerundgang Detroit 2007

Chevrolet Camaro Cabrio Chevrolet Camaro Cabrio

Messerundgang Detroit 2007

— 12.01.2007

Grün oder groß?

Amerika am Scheideweg: Die Zeit der Dickschiffe ist zwar nicht vorbei, doch immer mehr Ökomobile drängen ins Rampenlicht. AUTO BILD über den Klimawandel in Detroit.

Welches Klima kommt aus Detroit?

100 Jahre Detroit Auto Show – welches Klima erwartet uns auf der ersten Automesse des Jahres? Nehmen wir die Temperaturen, die draußen vor der Cobo-Hall herrschen als Gra(d)tmesser, so kommen Frühlingsgefühle auf. Bei über zehn Grad statt Bibberkälte wird auch dem letzen Zweifler klar, dass hier etwas nicht stimmen kann. Der Klimawandel hat die USA erreicht. Den besten Beweis liefert General Motors (GM). Der amerikanischste unter den US-Autobauern stellt erstmals ein Ökomobil in den Fokus der wichtigsten PS-Messe des Landes. Mit dem Chevrolet Volt beruhigt der noch immer größte Autohersteller der Welt ebenso offensiv wie medienwirksam sein Umweltgewissen.

Ausgerechnet Bob Lutz, GM-Entwicklungschef und bekennender Vollgas-Veteran, rollt den innovativen Viertürer ins Rampenlicht der Show. Steigt aus und verkündet: "Dieses Auto ist eine unbequeme Wahrheit" – eine Anspielung auf den Umwelt-Kinohit von Al Gore, dem Ex-Vize-Präsidenten der Vereinigten Staaten. Der Volt will so etwas wie die eierlegende Wollmilchsau sein. Grundsätzlich fährt die Studie elektrisch durch die grüne Zukunft. Erzeugt wird der Strom dabei gleich aus mehreren Quellen. Der Chevy kann seinen Saft direkt aus der heimischen Steckdose saugen (Ladezeit sechs Stunden) und damit rund 60 Kilometer weit fahren. Alternativ erzeugt die Energie für den Antrieb auch ein Turbo-Dreizylinder, der die Batterie während der Fahrt auflädt. Betankt wird der Volt entweder mit Benzin oder mit umweltschonendem Ethanol E 85.

"Wir nennen den neuen Antrieb E-Flex. In einer weiteren Version ist auch ein Motor denkbar, der mit Biodiesel oder reinem Ethanol (E100) betrieben wird", so Lutz zu AUTO BILD. Auch ein Brennstoffzellen-Volt soll in Planung sein. Noch ist der Messestar eine saubere Showeinlage, doch der Opel-Mutter scheint es ernst damit zu sein. GM ist fest entschlossen, das Konzept in naher Zukunft zu erschwinglichen Preisen auf die Straße zu bringen.

In Amerika zählen Muskeln immer noch

Wir sind gespannt, denn die Gegenwart sieht anders aus. Amerika spannt mal wieder seine Muskeln. Der Sprit-Schock scheint fürs Erste überwunden. Pünktlich zur Messe ist der Benzinpreis um einen Dollar pro Gallone gefallen (jetzt circa 50 Euro-Cent pro Liter) und damit wohl auch die Bereitschaft der Amis, sich mit alternativen Antrieben zu beschäftigen. Das grüne Gewissen hat in den Staaten offensichtlich doch nur eine Halbwertzeit von wenigen Tagen. Denn Tatsache ist: Die Bestellungen von PS-schwangeren Pick-up-Trucks und SUV ziehen schon wieder an. Kein Zweifel, die Amis wollen nach wie vor Powercars und bekommen sie auch. Zum Beispiel die noch stärkere Dodge Viper für 2008 (jetzt mit rund 600 PS) oder das Chevrolet Camaro Cabrio, das hier gleich neben dem Vernunfts-Volt muskelbepackt wie ein Anabolika-Junkie als Studiengast steht und 2009 in Serie gehen soll. Der ultrascharfe Retro-Renner in 1969er Original-Orange-Lackierung steht für eine ganze Reihe von PS-Protzen, die von den Amerikanern hier traditionell am lautesten umjubelt werden.

Wer Kraft demonstriert, gehört in diesem Land zu den Siegern. An dieser Mucki-Maxime hält auch der Ford-Konzern fest, der momentan nun wahrlich nicht zu den Gewinnern der Branche zählt. 40.000 Arbeiter will der neue Ford-Chef Alan Mulally kurzfristig loswerden, dazu rund ein Dutzend Fabriken schließen. Von einem möglichen Verkauf der Nobel-Ableger Aston Martin und Jaguar ist in Detroit plötzlich nicht mehr die Rede. Ex-Lexus-Fahrer Mulally ergötzt sich lieber am Interceptor, einem viertürigen Muscle-Car in purem Retro-Look der 60er-Jahre. Das Auto sieht so stark aus, wie es ist. Der 400 PS starke Fünfliter-V8 kommt direkt aus der Ford-Rennabteilung und soll auch mit klimaschonendem Ethanol fahren können. Immerhin. Für mehr Sicherheit der Passagiere sorgen neuartige Vierpunktgurte, auf der Rückbank sogar mit integriertem Airbag.

Diesel-Offensive aus Deutschland

Die hat auch der Airstream, der einen Ausblick auf den Crossover von morgen gibt. Der unlackierte Tropfenwagen aus Alu erinnert an die gleichnamigen US-Caravans, die im Volksmund "Silver Bullits", also Silberkugeln genannt wurden. Auch diese glänzende Studie zeigt mit ihrer Brennstoffzellen-Technik Wege auf, wie sich Amerika irgendwann einmal die saubere Zukunft ohne fossile Brennstoffe vorstellen könnte – wird aber wohl wie so viele Showcars direkt nach der Messe wieder in einer Tiefgarage abtauchen.

Hoffentlich bleibt der deutschen Diesel-Offensive in den USA dieses Schicksal erspart. Noch liegt der Marktanteil des Diesels in der Neuen Welt bei mageren 3,5 Prozent, soll sich aber bis 2015 mehr als vervierfachen. Um dieses ehrgeizige Absatzziel zu erreichen, hat Mercedes mit VW und Audi vor wenigen Wochen eine Kooperation vereinbart. Fortan wollen die drei dem sauberen Diesel gemeinsam unter dem Namen Bluetec zum Durchbruch verhelfen. BMW hat sich aus dieser Allianz ausgeklinkt, plant aber demnächst mit einer ganz ähnlichen Technologie, dem Selbstzünder in den USA Beine zu machen.

Für frischen Wind sorgen derweil die neuen Cabrio-Modelle der Bayern. Und das gleich doppelt. Neben dem Blechdach-3er feiert hier in Detroit auch das teuerste Oben-ohne-Modell der Welt seine Weltpremiere: das Rolls-Royce Drophead Coupé. Für den 5,67 Meter langen Nobelschlitten verlangen die Briten schlanke 440.300 Euro. Deutlich bodenständiger ist da schon der neue Chrysler Grand Voyager, der ab 2008 auch zu uns kommt. Das enorme Medienecho bei der Vorstellung zeigt, welch hohen Stellenwert der Van-Pionier noch immer bei den Amerikanern genießt. Doch 23 Jahre nach dem ersten Voyager (damals noch unter dem Markennamen Plymouth verkauft) scheint dem Thema Van die Luft auszugehen. Das neue Design wirkt für europäischen Geschmack mutlos, barock und bis auf den vom 300C inspirierten Grill nicht wirklich modern. Von der Dynamik eines Ford S-Max ist da keine Spur.

Trotzdem war sich Chrysler-Chef Tom LaSorda während der Präsentation nicht zu schade, auf der Bühne zu kochen und den Voyager als sein Brot-und-Butter-Auto aufzutischen. Das einzig wirklich Schmackhafte scheint allerdings das abermals verfeinerte Sitzkonzept zu sein. Gegen Aufpreis können die hinteren Sessel wie gehabt komplett im Boden versenkt werden, zusätzlich lässt sich die zweite Reihe jetzt um 180 Grad drehen und in der Mitte ein Konferenztisch aufstellen. Freilich nicht ganz neu, diese Idee, die Chrysler "Swiveln Go" nennt, sie dürfte aber bei den Kunden gut ankommen.

Das Urteil gilt sicher uneingeschränkt auch für die Jaguar-Studie C-XF. Der Viertürer soll uns einen ersten Vorgeschmack auf den neuen S-Type für 2008 geben und läutet eine radikale Kehrtwende in der Formensprache von Jaguar ein. Wenn die britischen Katzen demnächst so rassig aussehen, dürfte einer Jaguar-Renaissance nichts im Wege stehen. Immer selbstbewusster in Auftritt und Design werden die Asiaten. Allen voran Toyota, die noch in diesem Jahr GM als weltweit größten Autohersteller überholen werden. Neben einer kompletten Range an Hybrid-Modellen stellen die Asiaten in Detroit den Nachfolger des Supra vor, einen scharfkantigen Sportler, der mit seinen 400 PS in rund vier Sekunden auf Tempo 100 spurten soll. Sein 3,5-Liter-V6 wird dabei von einem Elektromotor unterstützt. Einsatz in Deutschland: nicht vor 2009.

Deutlich früher schickt Mitsubishi seinen neuen Mittelklassestürmer Lancer zu uns, der hier Weltpremiere feiert. Ab September ist zunächst das Stufenheckmodell lieferbar, Kombi und Fließheck sollen folgen – und natürlich auch der Allrad-Brenner Lancer Evo mit rund 300 PS. Vorerst nicht für Deutschland bestimmt ist der Nissan Rogue, auffällig stimmig die Kia-Studie Kue. Der Hyundai Veracruz dagegen soll 2008 zu uns kommen – als Benziner und Diesel. Alles kreative Crossover, die zeigen, dass vor allem bei den neuen Trendmobilen aus Fernost reichlich Luft für ein Wachstum nach oben ist. Eine Klimaverschiebung, die viele Experten seit langem vorausgesagt haben.

Autoren: Jörg Maltzan, Tomas Hirschberger

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