Metallindustrie

Streiks auch beim Mittelstand

Metallindustrie

— 06.05.2002

Streiks auch beim Mittelstand

Interview mit Baden-Württembergs IG-Metall-Chef Berthold Huber. Über Sinn, Strategie und Lösungswege im Arbeitskampf.

"Wir wollen keine Arbeitsplätze gefährden"

Für den diesjährigen Arbeitskampf hat die Gewerkschaft das Land Baden-Württemberg als Streikgebiet ausgewählt. Wie sieht Ihre Strategie aus? Berthold Huber: Unsere Überschrift lautet "Flexi-Streik". Das heißt: Wir werden nicht flächendeckend Betriebe über eine oder mehrere Wochen lahm legen. Stattdessen streiken wir jeweils einen Tag in bestimmten Unternehmen, danach geht die Arbeit dort weiter.

Das hört sich nach einem halbherzigen, sanften Arbeitskampf an. Der Hintergrund ist folgender: Wir wollen mit dem "Flexi-Streik" verhindern, dass die Logistikkette zwischen den Unternehmen der Branche reißt. Denn sollte es zum Beispiel wegen eines Streiks in einer Zulieferfirma in Stuttgart zu Produktionsausfällen bei einem Betrieb in Hamburg kommen, dann dürfte der Hamburger Unternehmer die Werkstore für seine Beschäftigten schließen. Diese "kalt ausgesperrten" Arbeitnehmer bekämen nach der heutigen Rechtssprechung als Ersatz für ihren Lohnausfall weder Geld vom Arbeitsamt noch aus der Streikkasse. Diese Situation wollen wir vermeiden.

Wie lange soll der Arbeitskampf dauern? Wir haben uns kein Datum gesetzt. Unser Ziel ist es, für die Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie einen akzeptablen Abschluss zu erreichen. Wir wollen keine Arbeitsplätze gefährden, der Volkswirtschaft keinen Schaden zufügen. Fest steht aber, dass wir in diesem Jahr unseren Arbeitskampf nicht nur auf große Unternehmen wie DaimlerChrysler, Porsche oder Audi konzentrieren. Auch die Mittelständler werden bestreikt. Am Mittwoch planen wir vor allem in den kleineren und mittleren Betrieben Streiks. Dann wird der Arbeitskampf auch in Unternehmen mit weniger als 50 Beschäftigten stattfinden.

Die Konjunktur befindet sich in einer Talsohle. Ist ein Streik mit möglichen negativen Auswirkungen auf die Volkswirtschaft unbedingt notwendig? Ein Streik ist nie unbedingt notwendig. Doch die Blockadehaltung der Arbeitgeber hat uns keine andere Wahl gelassen. Ich bin bei den Tarifverhandlungen bis an die äußerste Schmerzgrenze für unsere Belegschaften gegangen. Doch die Arbeitgeber haben sich nicht ausreichend auf uns zubewegt.

Immerhin haben sie 3,3 Prozent mehr Lohn geboten. Das ist weniger als der Abschluss in der Chemieindustrie. Dort haben sich die Tarifparteien auf ein Volumen von 3,6 Prozent geeinigt. Und die wirtschaftliche Situation in unserer Branche ist deutlich besser als in der Chemie. Mit diesem Hintergrund kann ich den Beschäftigten in der Metallindustrie keinen Abschluss von 3,3 Prozent verkaufen.

In den ersten beiden Monaten des laufenden Jahres war die Produktion in der Metallindustrie um acht Prozent rückläufig. Allzu rosig sieht die Lage der Branche also nicht aus. Bei diesem Wert darf man nicht vergessen, dass wir Anfang des vergangenen Jahres eine Hochkonjunktur hatten. Das heißt: Der jüngste Rückgang hat auf einem sehr hohen Produktionsniveau stattgefunden. Zudem haben sich die Beschäftigten der Metallindustrie in den vergangenen Jahren bei den Lohnerhöhungen sehr bescheiden gezeigt. Es ist Zeit für einen finanziellen Nachschlag.

Verhandlungslösungen aus eigener Kraft

Die Lohnzurückhaltung in den vergangenen zwei Jahren hat aber auch zu neuen Jobs geführt. 100.000 zusätzliche Stellen sind in der Metall- und Elektroindustrie entstanden. Die neuen Arbeitsplätze hat es nicht wegen der moderaten Lohnpolitik gegeben. Der wirtschaftliche Aufschwung hat zu diesem Mehr an Jobs geführt. Zudem haben die Arbeitgeber vor allem befristete Stellen geschaffen. Mehr als die Hälfte der 100.000 zusätzlichen Arbeitsplätze sind bereits wieder verschwunden. Die Unternehmen hätten in den vergangenen beiden Jahren viel mehr dauerhafte Vollzeitstellen anbieten können. Das ist nicht geschehen. Darüber sind wir als Gewerkschaft maßlos enttäuscht.

Die Arbeitgeber haben eine Schlichtung zur Lösung des Tarifkonflikts gefordert. Was halten Sie davon? Im Moment halte ich davon nichts. Wir haben in den Tarifverhandlungen rund 25 Modelle durchgerechnet. Ein Schlichter wird uns kaum den Stein des Weisen präsentieren können. Es ist eine der Kernaufgaben von Tarifvertragsparteien, aus eigener Kraft Verhandlungslösungen zu erreichen. Die Schlichtung ist die letzte aller Möglichkeiten.

Wann stehen Sie den Arbeitgebern für neue Verhandlungen zur Verfügung? Von mir aus können wir am heutigen Montag wieder miteinander reden. Allerdings müssen die Arbeitgeber uns signalisieren, dass sie ein besseres Angebot vorlegen wollen. Diese Offerte muss nicht unbedingt öffentlich gemacht werden. Darüber können wir auch telefonisch, informell sprechen.

Mehr als 40 regionale Tarifverhandlungen haben stattgefunden. Das Ergebnis lautet Streik. Sollte die Metallindustrie nicht endlich neue Wege der Konfliktlösung gehen? Zum einen enden unsere Verhandlungen nicht immer mit Streiks. Den letzten Arbeitskampf hatten wir vor sieben Jahren. Zum anderen haben wir es bei Tarifverhandlungen mit einer äußerst schwierigen Materie zu tun. Eine Lohnerhöhung um 0,1 Prozent entspricht 160 Millionen Euro. Über solche Summen einigt man sich nicht auf die Schnelle. Darüber bedarf es intensiver, kontroverser Diskussionen. Schließlich geht es auch heute noch um die Verteilungsfrage zwischen Beschäftigten und Unternehmern. Der Konflikt zwischen Arbeit und Kapital ist nicht aufgelöst, er lebt fort.

Tarifpolitik wird vor allem für Arbeitnehmer gemacht. Die Arbeitslosen der jeweiligen Branche bleiben dagegen in den Gesprächen außen vor. Könnte man sie nicht mit an den Verhandlungstisch holen, sich ihre Probleme und Wünsche anhören? Das halte ich für eine interessante Idee. Darüber sollte man tatsächlich ernsthaft nachdenken. Ich befürchte nur, dass die Arbeitgeber außer uns niemanden zu Tarifverhandlungen zulassen werden. Aber ein Versuch wäre es wert.

Zum Schluss eine Frage, die vor allem Autokäufer interessieren dürfte. Müssen sie wegen des Streiks länger auf ein neues Fahrzeug warten? Besonders große Verzögerungen wird es kaum geben. Durch unsere Streiktaktik wird die Lieferkette nicht gravierend beeinträchtigt. Ich will jedoch nicht ausschließen, das man zehn Tage länger auf sein Auto warten muss. Aber Vorfreude ist ja bekanntlich die schönste Freude.

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