Test MG XPower SV-R

MG XPower SV-R MG XPower SV-R

MG XPower SV-R

— 12.05.2005

Mehr geht nicht

Noch nie war ein MG so stark, so luxuriös, so teuer: Der XPower SV-R ist ein Supersportwagen – und das modernste Fossil aller Zeiten.

Geflügelter schwarzer Autobahnschreck

Ein Rennwagen für die Straße – schon seine Avisierung löst mal wieder wohlige Schauer aus. Und nun ist er – nach vielen Ankündigungen – endlich zum ersten vollständigen Test da: der MG XPower SV-R. Die Schmetterlinge im Bauch sind vollbeschäftigt. Spürbar vibriert der geflügelte schwarze Autobahnschreck nach dem Anlassen. Und das bleibt auch beim Fahren so – nachdrücklich, kraftstrotzend, gewaltig. Wie auf einer Fähre – wenn man den Körper an den Stahl lehnt und tief unten im Rumpf die dicken Diesel wummern. Dazu kommt dieser spezielle Sound. Ein ganz tiefes Dröhnen, das den Fahrer einhüllt. Ständig präsent. Nicht unangenehm, nur ungewohnt.

Fünfter Gang, 160 km/h: 84 Dezibel – mehr als doppelt so laut wie in einem normalen 5er-BMW. Selbst Boliden mit anerkannt kräftiger Stimme wie Mercedes SLR oder Porsche GT kommen mit 78 und 80 dB (A) bei weitem nicht an diesen Wert heran. Ignoranten würden es Lärm nennen. Für uns ist es Musik. Heavy Metal. MG nennt es Sound Engineering, eine zielgerichtete Pilotenbeschallung. Dafür hat Werkstuner MG Sports & Racing eine akustische Karte des Innenraums erstellt und die Meßwerte von 30 Signalwandlern digital aufgezeichnet. So wurde die Quelle jeder einzelnen Frequenz sowie deren Übertragungs- und Schallweg erfaßt, kanalisiert, je nach Wunsch unterdrückt oder verstärkt. Das Ergebnis ist "strange". Frei übersetzt heißt das "eigenartig" oder "seltsam".

Es wäre nicht fair, den MG XPower SV-R, den Supersportwagen der ausgepowerten MG Rover Group, mit den üblichen Verdächtigen vom europäischen Festland zu vergleichen. Mercedes-Benz oder Porsche standen schon immer andere finanzielle Mittel zur Verfügung. Aber allein der Versuch, der renommierten alten britischen Marke MG mit einem echten Hammer wieder Leben einzuhauchen, ist aller Ehren wert.

Staus sind die Feinde der Kupplungswade

320 PS leistet der XPower SV, die von uns getestete schärfste Version SV-R 385 PS. Zwar steckt unter der Carbon-Karosserie ein gut zehn Jahre altes Konzept. Aber immerhin – das Auto hat Stil. Britischen Stil. Es ist "auffällig, muskulös, selbstbewußt, sogar draufgängerisch", wie es Designer Peter Stevens definiert. Geschaffen, um allein durch seine Präsenz Brot-und-Butter-Autos von der Straße zu putzen. Der MG-Pilot kann die geräumte Überholspur in luxuriösem Umfeld genießen: Alcantara-bezogenes Armaturenbrett, Aluminium-Mittelkonsole, Edelstahl-Einstiegsleisten, alles (bis auf einige Gummidichtleisten) überraschend sauber eingepaßt.

Und gute Ledersitze, allerdings mit erstaunlich hoher Sitzposition. Stevens Begründung dafür: In Rennschalen "bleibt das Potential vieler Supersportwagen oft ungenutzt, weil die Wagen ihre Besitzer einschüchtern. Das wollte ich nicht." Auch das bekannte Sicherheitssystem mit Airbag und Dreipunktgurt wollte er nicht. Im SV-R rollen sich Gurte aus der Rückwand heraus, die als Hosenträger enden. Eine Elektronik sperrt die Arretierung bei ungewöhnlichen Fahrzeugbewegungen, der Fahrer kann sie aber auch per Knopfdruck feststellen. Airbags gibt es nicht. Warum? "Erstens kann das Gewicht des Airbags das Gefühl für die Lenkung beeinträchtigen. Zweitens denken wir an einen multiplen Aufprall: Einmal ausgelöst, kann der Airbag beim zweiten Aufprall nicht mehr schützen." Diese Argumentation ist wirklich strange ...

Vertrauteres zeigt der erste Ritt mit dem jüngsten Sproß der Morris Garages. Schon der Versuch, das Kupplungspedal durchzutreten, beweist: typisch knochiger Brite. Staus sind die erklärten Feinde der Kupplungswade, die Schaltung ist ebenfalls schwergängig, dazu leider auch noch ziemlich hakelig.

Fahrleistungen, Verbrauch und Preis

Aber zum Glück läßt sich der SV-R extrem schaltfaul fahren, der überarbeitete Fünfliter-V8 ist elastisch, aber kein Ausbund an Drehfreude. Auch wenn das 385 PS starke Auto durchaus imposant losstürmt – die vom Werk angegebenen 5,1 Sekunden von null auf 100 verfehlt er um 0,8 Sekunden. Auch subjektiv geht der SV-R nicht so, wie es die Fahrzeugdaten versprechen. Und auf der Autobahn schafft er es nicht, einen 245 km/h fahrenden 5er-BMW zu überholen – trotz der Werksangabe von 271 km/h. Der Wagen ist mehr ein moderat abgestimmter, sportlicher Tourer als ein Supersportwagen, wie ihn die Engländer sehen.

Umso erstaunlicher, daß der SV-R auf der Rennstrecke in Oschersleben eine ausgezeichnete Figur macht. Die schnellen Runden können komplett im dritten Gang gefahren werden. Die Gewichtsverteilung des Front-Mittelmotor-Wagens (54 Prozent vorn, 46 Prozent hinten) läßt ihn gutmütig reagieren. Mit einer guten Portion Federweg läßt es sich trefflich über die Curbs räubern; zudem ist der SV-R sehr steif. Bei ausgeschalteter Traktionshilfe übersteuert das "Ultra Car" (wie MG das Auto gern nennt), wenn der Fahrer dies nachdrücklich wünscht. Bleibt sie eingeschaltet, ist sie bei heftigen Lastwechseln überfordert. Die Lenkung vermittelt kaum Gefühl in der Mittellage – Stevens hätte also ruhig die Airbags an Ort und Stelle lassen können. Bissig und gut zu dosieren dagegen die Brembo-Bremsanlage.

Hatten wir anfangs noch über den gefüllten Fünfliter-Reservekanister im grotesk verbauten Gepäckabteil gelacht, mußten wir ihn schließlich fast benutzen – und zwar, um es von der Rennstrecke noch bis zur Tankstelle zu schaffen. Erstens faßt der SV-R-Tank nur mickrige 56 Liter, zweitens säuft er auf der Rennstrecke wie ein Loch, und drittens macht das Auto dort so viel Spaß, daß man den Sprit bis zum vorletzten Tropfen auskosten will.

Fazit und technische Daten

Mindestens 129.920 Euro verlangt MG Rover für den kräftigsten MG aller Zeiten, der Testwagen kostet sogar 136.831 Euro. Das ist viel Geld, ein renommierter Mercedes SL 55 AMG kostet nur rund 2000, ein Ferrari F430 rund 10.000 Euro mehr. Ein erlesenes Umfeld. Doch so exklusiv wie im SV-R fährt es sich in keinem anderen Auto.

Fazit Der MG XPower SV-R ist alles andere als perfekt – aber zweifellos ein Hingucker, den jeder dritte Autofahrer an der nächsten Ampel per Fotohandy für die Ewigkeit festhält. Sein Überholprestige ist nahezu unschlagbar – der grimmige Auftritt scheucht selbst die stursten Linksfahrer aus dem Weg. Er ist das ideale Auto für betuchte, anglophil veranlagte Outlaws. Hoffentlich können einige von ihnen diese letzte Ikone englischer Automobilindustrie für die Nachwelt bewahren ...

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