Mika Häkkinen im AB MOTORSPORT-Interview

Mika Häkkinen im Interview Mika Häkkinen im Interview

Mika Häkkinen im AB MOTORSPORT-Interview

— 18.08.2005

"Die Zeit der Pannen ist vorbei"

Der Ex-Weltmeister ist eher bekannt für leise Töne. Doch hier zeigt sich Mika Häkkinen als Mann klarer Worte. Er bricht eine Lanze für McLaren-Mercedes.

"Kimi wird sich weiter antreiben"

AUTO BILD MOTORSPORT: Herr Häkkinen, Sie sind zweimal mit McLaren-Mercedes Weltmeister der Formel 1 geworden. Wie Kimi Räikkönen, der aktuelle WM-Favorit des Teams, hatten auch Sie im Titelkampf mit technischen Defekten zu kämpfen. Wie kann Räikkönen nun den Frust über seine vielen Pannen und die Angst vor neuen in den Griff kriegen? Mika Häkkinen: Du mußt es einfach in den Griff kriegen. Du mußt Druck und Ausfälle aushalten, wenn du Rennfahrer bist. Andernfalls bist du kein Spitzenpilot. Was Kimi unter diesen schwierigen Bedingungen sicher hilft: Er hat ja noch nicht so viele Formel-1-Rennen und noch nie den WM-Titel gewonnen. Aber er will unbedingt Champion werden, egal was passiert. Er wird sich also weiter antreiben. So lange, bis er zum ersten Mal Weltmeister ist. Das ist ein ganz natürliches inneres Gefühl. In seiner Lage muß er sich nicht besonders zum Durchhalten und Weiterkämpfen zwingen.

Welchen Beitrag kann Räikkönen selber leisten, um sein Auto zuverlässiger zu machen? Kann er das als Fahrer überhaupt? Das ist eine sehr schwierige Frage. Denn ich muß dabei anstelle von Kimi antworten. Ich kann nicht sagen, was er zu machen hat. Das ist nicht einfach, und ich fühle mich, ehrlich gesagt, ein bißchen unwohl dabei.

Dann verzichten wir auf Ihre Antwort und versuchen es anders. Wie war das damals bei Ihnen im Endkampf um den Titel: Haben Sie Ihren Fahrstil in den letzten Rennen verändert? Ja, und du kannst nichts dagegen tun, du bist am Limit. Du bist vorsichtiger und gehst weniger Risiken ein als zu Beginn der Saison. Wenn du merkst, daß deine Punktesituation kritisch ist und nur noch wenige Rennen zu fahren sind, dann jagst du nicht mehr permanent in jeder Runde der letzten möglichen Zehntelsekunde hinterher. Das gilt übrigens genauso für deinen Rivalen, mit dem du im Titelduell bist. Die anderen Fahrer, die nicht mehr um die WM kämpfen, rücken dir so natürlich näher als üblich. Und das macht das Leben nicht einfacher.

"Rennfahrer sind sensible Geschöpfe"

Wie haben Sie im Titelendspurt Ihre Vorbereitung auf die Rennen verändert? Ich nahm mir eine komplette Woche Freizeit. Wo ich tun und lassen konnte, was ich wollte. Lange schlafen war sehr wichtig. Und: keine Promotion-Termine! Alles war darauf konzentriert, die Batterien so gut wie möglich wieder aufzuladen. Am Rennwochenende selber zählt dann nur eines: Du mußt deine Mission kennen. Du mußt bei all den Tausenden von Einflußmöglichkeiten wissen, auf welche es gerade ankommt. Sich zu sagen, ich will unbedingt dieses Rennen gewinnen, reicht nicht. Dann hast du schon verloren. Sich am Auto und auf der Piste auf die Schlüsselpunkte zu konzentrieren, darauf kommt es an.

Wie wichtig war für Sie die Unterstützung Ihres Teams, Ihrer Ingenieure, Fitneßtrainer und der anderen Helfer? Die Unterstützung des Teams ist vor allem am Anfang der Saison bei den ersten Tests sehr wichtig. Denn der Start ist wichtig fürs Finish. Wenn die anderen von Anfang an hinter dir sind, das spielt schon eine wichtige Rolle. Aber je mehr Extrabehandlung du gegen Saisonende bekommst, um so besser ist das natürlich. Manchmal ist das schon echt kniffelig. Denn ein Rennfahrer ist ein sehr sensibles Geschöpf. Er braucht ständig das Gefühl, daß alle hinter ihm stehen. Und da muß manch einer seiner Crew in Momenten, wo diese Person gerade nicht hinter ihrem Fahrer steht, schon mal lügen.

Mercedes-Sportchef Norbert Haug scheint bei der Fahrerbetreuung ein ganz besonders gutes Händchen zu haben. Norbert gab und gibt mir immer sehr viel Unterstützung. Er ist mein Freund. Er hat mir immer geholfen und mir nie den Rücken zugekehrt. Sicher, wenn du Fehler machst, dann sagt er dir seine Meinung dazu. Aber speziell in hektischen und stressigen Situationen unterstützt er dich sehr.

Totales Vertrauen zu David Couthard

Und McLaren-Chef Ron Dennis? Der ist genauso. Er ist ein sehr cooler Typ, der seine Emotionen nicht allzu sehr zeigt. Das ist extrem wichtig. Denn als Fahrer wirst du von den Reaktionen der Leute um dich herum sehr beeinflußt in deiner Leistung. Wenn du mitkriegst, daß die Leute nervös werden und nicht mehr konzentriert sind, wirst du auch nervöser und unkonzentrierter. Und gerade in solchen Hochdrucksituationen sind Ron und Norbert sehr gute und große Ruhepole.

Wie wichtig waren Ihr langjähriger Manager Didier Coton und Ihre Frau Erja im WM-Streß? Jeder hat seine Position in der Operation. Und jeder hat seinen Job stets sehr, sehr gut gemacht.

Und wie lief das damals mit Ihrem Teamkollegen David Coulthard? Beide Male im Finale von Suzuka in Japan lief es sehr gut. Es ist schon eine ideale Situation, wenn ein Fahrer realisiert und auch umsetzt: Ich habe keine Titelchance mehr, also unterstütze ich jetzt meinen Teamkollegen. David war da 1998 und 1999 sehr hilfreich, obwohl ich in beiden Rennen seine Hilfe nicht wirklich brauchte. Aber was mir sehr half: Du mußtest David nicht sagen, daß er nicht versuchen sollte, mich in der ersten Kurve zu überholen.

Haben Sie ihm total vertraut? Ja.

Haben Sie bei McLaren-Mercedes offen darüber gesprochen, wie er sich in kritischen Rennsituationen zu Ihrem Vorteil verhalten soll? Darüber brauchten wir nicht zu reden. Sicher haben wir die Lage diskutiert, aber es gab vom Team nie klipp und klare Fahrerbefehle oder sogenannte Teamorders. Es war immer eine logische Diskussion. Zum Beispiel: Wenn ihr Seite an Seite in die erste Kurve geht, dann sollt ihr auf jeden Fall beide heil wieder herauskommen.

"Am Ende wird McLaren besser sein"

Im diesjährigen Titelkampf haben wir neben Kimi Räikkönen natürlich Tabellenführer Fernando Alonso und vielleicht auch noch einmal Michael Schumacher. Wie beurteilen Sie die Stärken und Schwächen der drei im Endkampf? Nun, ich habe – wie wir alle – bisher weder Kimi noch Alonso in absoluten Hochdruckphasen zum Saisonende gesehen. Deshalb kann ich das schwer beurteilen. Aber ich habe keinen Zweifel, daß Kimi bis zum Schluß cool und beherrscht bleibt, egal was auch passiert. Er hat einfach sehr gute Nerven. Bei Alonso weiß ich das nicht. Und über Michael brauchen wir nicht zu reden. Der ist einfach einmalig.

Gab es zwischen Ihnen und Michael Schumacher oder zwischen Ihnen und Eddie Irvine im finalen Titelfight psychologische Spielchen, über die Sie erst heute reden können? Häkkinen schaut dem Interviewer tief in die Augen. Sie wissen, was ich meine? Ich weiß, was Sie meinen (schweigt). Schwer zu sagen, schwer zu sagen. (Sucht augenrollend nach Worten und grinst dann.) Nein, das ist schwer zu sagen.

Wie geht die Weltmeisterschaft 2005 aus? Logischerweise sehe ich keinen Grund, warum McLaren-Mercedes und Kimi ihr tolles Auto nicht noch besser machen sollten, den Motor, das Chassis, die Aerodynamik. Und am Ende werden sie besser sein.

Wirklich? Absolut. Das ist ihre Mentalität. Die anderen (Renault und Alonso; d. Red.) machen selbstverständlich dasselbe. Doch McLaren-Mercedes hat als Team eine psychologisch dermaßen starke Kraft, die andere Teams nicht haben.

Woher kommt das? Das ist ihr Teamgeist. Jeder dort will so sehr und unbedingt gewinnen.

"Die Zeit der Pannen ist vorbei!"

Um so überraschender war es, daß ihr 2005er Auto bei all seinem Tempo so anfällig ist. Mich kann nichts überraschen. Natürlich sollte es nicht so sein. Aber das kann halt passieren. Die Leute bei McLaren-Mercedes arbeiten und kämpften so hart, da kannst du nicht hingehen und rumschreien: Hey, ihr Typen seid nutzlos. Das geht einfach nicht. Du kannst nicht auf jemanden aus der Fabrik mit dem Finger zeigen oder ihn gar feuern.

Auch dann nicht, wenn er klare und schwere Fehler gemacht hat? Nein, selbst dann nicht. Wenn einer dreimal denselben Fehler macht, das ist eine andere Geschichte. Aber ein Fehler ist zu verstehen und zu verschmerzen. Fehler passieren halt. Aber: Es spricht absolut nichts dagegen, daß beide McLaren-Mercedes beim nächsten Rennen ohne Defekt durchkommen. Ich glaube wirklich: Die Zeit der Pannen ist vorbei! Und bei den letzten neun Starts gab es bereits fünf Siege.

Hat Kimi Sie jemals um Rat gefragt? Nein, er braucht keinen Rat. Seine fahrerische Leistung ist phantastisch und seine Arbeit mit dem Team sehr gut.

Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, daß er das Zeug zum F1-Champion hat? Schwer zu sagen. Schon bei Sauber (2001; d. Red.) war er richtig gut. Im Go-Kart war das schwer zu erkennen. Es kann auch sein, daß wir uns früher schon mal bei einer Eisrallye getroffen haben, wo er mir positiv aufgefallen ist. Wenn er mich da geschlagen hätte, hätte ich natürlich schon damals gewußt, wie unglaublich gut er ist.

Zur Person Mika Häkkinen

Geboren: 28. September 1968 • Geburtsort: Helsinki • Wohnort: Monaco • Nationalität: Finne • Familienstand: verheiratet, zwei Kinder (Hugo/4 J., Aina/3 Mon.) • Erlernter Beruf: Rennfahrer • Hobbys: keine

Karriere: Vom sechsten Lebensjahr an Kartsportler, bis 1986 fünfmal finnischer Meister, 1990 Meister der Britischen F3, 1991 F1-Debüt mit Lotus, 1993 Wechsel zu McLaren-Ford und Durchbruch als Ersatz für Mike Andretti (Portugal-GP) und Teamkollege von Ayrton Senna. Ab 1994 McLaren-Teamleader, ab 1995 mit Mercedes als Motorpartner. Rückschlag durch schweren Schädelbruch beim Trainingscrash in Adelaide, aber rechtzeitige und überzeugende Rückkehr ins Cockpit zum Saisonstart 1996. Erster GP-Sieg 1997 (Jerez), Weltmeister 1998 und 1999 (nach Schumacher-Ausfall wegen Beinbruchs). F1-Rücktritt Ende 2001 nach einigen Rückschlägen und 161 GP, 20 Siegen, 26 Pole Positions mit dem Satz: "Ich gehe jetzt Rasenmähen." Sporadische Lust-Rückkehr ins Cockpit bei Artic Rallyes (drei Einsätze) und überzeugenden Vorstellungen beim finnischen Porsche Cup 2004. 2005 die begeisternde Rückkehr in den Profirennsport mit Mercedes (DTM). Erster Sieg schon im dritten Rennen (Spa). Häkkinen, DTM-Vierter, will mehr.

Autor: Leopold Wieland

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