Millionenbetrug mit der Mehrwertsteuer

Millionenbetrug mit der Mehrwertsteuer Millionenbetrug mit der Mehrwertsteuer

Millionenbetrug mit der Mehrwertsteuer

— 17.04.2003

Alles Schiebung

Mit EU-Autoimporten macht die organisierte Kriminalität ein Vermögen. Auf Kosten der Steuerzahler.

Milliardenbetrug mit Auto-Geschäften

Mailand. Irgendein Hinterzimmer in einem großen Hotel. Wir sammeln Beweise. Belege dafür, dass mit dubiosen Auto-Geschäften die EU um Millionen, wenn nicht Milliarden betrogen wird. Es geht um Steuerhinterziehung und Geldwäsche. Anwesend sind Innocente Budini* (41), einer der größten Gebrauchtwagenhändler Italiens, und Emilio Buzza* (34), Geschäftsführer eines Audi-Zentrums im Piemont.

Beide haben Angst, möchten ihre Namen nicht veröffentlicht sehen. Aber sie wollen reden. Der Gebrauchtwagenhändler, weil er womöglich selbst Dreck am Stecken hat und sich vor dem italienischen Finanzamt reinwaschen will; der Audi-Mann, weil er keinen einzigen A4 mehr verkaufen kann. Und das hat seinen Grund: Über ganz Italien verstreut parken nagelneue A4 TDI Avant, 130 PS, mit Top-Ausstattung, in Silber oder Schwarz. Sie stehen selbst beim hinterletzten Hinterhof-Höker. Angeboten für bis zu 30 Prozent unter Listenpreis.

Ein sagenhafter Kurs. Die beiden Männer legen uns Kaufverträge aus Deutschland vor. Da wird ein A4 TDI von einem mitteldeutschen Audi-Zentrum an einen Zwischenhändler in München verkauft. Listenpreis ohne Steuer: 22.210 Euro inklusive Transport. Genau dieses Auto wird wenig später in Italien zum Weiterverkauf angeboten. Zu einem Nettopreis, der plötzlich niedriger ist. Mit Kilometerstand null und ohne Briefeintrag.

Das Geschäft der Stroh- und Hintermänner

Kann ein Auto auf dem Weg quer durch Europa billiger werden? Es kann. Vorausgesetzt, es wandert durch die Hände der Auto-Mafia. Und das geht so: In Italien setzen die Mafia-Paten mittellose Strohmänner als Geschäftsführer von diversen Scheinfirmen ein.

Zum Beispiel einen Herrn Mohammed* und einen Herrn Simsa* als Chefs einer S.R.L (bei uns GmbH) – nennen wir sie Firma X. Nun kaufen die beiden Herren in Deutschland neue VW Golf oder Audi A4 ein. Lastzugweise. Und zum Nettopreis. In Italien verkauft diese Scheinfirma X die Autos weiter an eine zweite, saubere Firma Y. Gegenüber den Behörden behauptet Firma X nun, sie hätte den Bruttopreis bezahlt – und lässt sich die italienische Mehrwertsteuer (IVA) von 20 Prozent erstatten.

Firma X macht nach etwa drei Monaten dicht – bevor die Steuerfahnder einschreiten können. Die Strohmänner bekommen für 250 Lastzüge à acht Autos 10.000 Euro Provision, und das Spiel beginnt von vorn. Mit neuen Firmen, mit anderen Geschäftsführern. Nur die Hintermänner bleiben dieselben. Manche Neuwagen werden von Deutschland nach Italien, von dort zurück nach Deutschland und dann erneut nach Italien verschoben. Manche gehen weiter in andere EU-Länder.

Rabatte von der Mehrwertsteuer-Mafia

Und bei jedem Verkauf lassen sich die Gangster die Mehrwertsteuer erstatten. Dabei werden die Autos nicht bewegt. Sie parken bei italienischen Händlern. Nur die Fahrzeugbriefe treten die Europareise an. Bis sie zum Schluss beim EU-Importeur landen.

Mehrfach hat Innocente Budini Audi-Zentren in Deutschland auf die Scheingeschäfte hingewiesen. Ohne Erfolg. "Einem Vertragshändler, der 300 Autos auf einen Schlag absetzt, ist es ziemlich egal, wohin die Ware geht", sagt er. Eine italienische Firma soll auf diese Weise 8000 Autos pro Jahr verschieben. Macht bei einem angenommenen Steuerbetrug von 5000 Euro pro Fahrzeug 40 Millionen Euro Gewinn.

Branchenkenner schätzen, dass etwa 60 Organisationen in Italien nach dieser Masche verfahren. Ein Steuerfahnder aus Norddeutschland, der anonym bleiben will, spricht das Unfassbare aus: "Wir glauben, dass die Mehrwertsteuer-Mafia bei einem Großteil der EU- und Reimporte die Finger im Spiel hat. Anders sind hoch rabattierte Angebote mit 25 bis 30 Prozent Nachlass nicht zu erklären." Das italienische Anzeigenblatt "AutoSuperMarket", eine 764 Seiten starke Branchenbibel, ist voll solcher Angebote.

Die EU-Steuerfahndung ist zu langsam

Brandneue, heiß begehrte und bei uns kaum verhandelbare Modelle gibt es dort mit "sconto da listino" – Rabatt vom Listenpreis: Porsche Cayenne Turbo und Cayenne S 3,5 Prozent, VW Touareg V10 TDI fünf Prozent, BMW X5 3.0d zehn Prozent, Mercedes-Benz SL 500 zehn Prozent. Kias Offroader Sorento, auf den Käufer bei uns fast ein Jahr warten müssen, gibt es beim Importeur in Italien sofort und mit 15 bis 20 Prozent Rabatt.

Und natürlich taucht in "AutoSuperMarket" auf fast jeder Seite besagter Audi A4 TDI Avant auf. In Silber oder Schwarz. Wir suchen weiter nach Indizien. Bei Genua werden wir fündig. Bauunternehmer Enzo Raffo* hat bei einem Fiat-Vertragshändler im September 2002 einen Nissan Navara 2.5 TD bestellt, als EU-Import und 30 Prozent unter Neupreis. Das Auto ist bezahlt und wurde geliefert. Aber Raffo kann den Pick-up nicht anmelden, weil die Papiere fehlen. Der Fahrzeugbrief sei irgendwo in Europa unterwegs, heißt es.

Geradezu genial nutzt die organisierte Kriminalität Lücken im System. Wo Europa erst zusammenwachsen muss, ist die Mafia längst da. Die Zeche zahlt mal wieder der Steuerzahler. Noch immer kommunizieren die Finanzbehörden in den EU-Staaten unzureichend miteinander. Selbst im eigenen Land sind die Steuerfahnder zu langsam. Wird irgendwo eine Scheinfirma ausgehoben, macht anderswo eine neue auf. Und wer den Ermittlern helfen könnte, hält besser den Mund. Wie sagte Audi-Vertragshändler Buzza zum Abschied?: "Wir haben uns nie gesehen." *

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