Mini-Vergleich

Mini-Vergleich

— 09.02.2006

Zwerg und Tal

Von der Schnapsidee zum Kultauto: Ein Mini von heute trifft in den bayerischen Bergen seinen 38 Jahre alten Opa.

Vor dem Fahrspa steht ein Crashkurs

Stellen Sie sich vor, Sie lernen in Ihrer Stammkneipe einen lteren Herren kennen, der einen Kleinwagen auf seine Serviette zeichnet, und treffen genau dieses Auto nur zwei Jahre spter auf der Strae wieder. Zugegeben, eine verrckte Vorstellung. Aber durchaus realistisch. Zumindest dann, wenn Sie 1957 fter in den Pubs rund um das englische Birmingham unterwegs waren. Dort trafen sich zu dieser Zeit nmlich regelmig einige Ingenieure rund um den umtriebigen Alexander Arnold Constantine Issigonis (spter Sir Alec Issigonis), um automobile Ideen auszutauschen.

Mit einer dieser Ideen bin ich gerade auf den Pastraen rund um den bayerischen Spitzingsee unterwegs. Wenige Stunden zuvor habe ich den Morris Mini-Minor, Baujahr 1967, zusammen mit einem Mini Cooper S Works, Baujahr 2005, bei BMW in Mnchen in Empfang genommen. Seit die Bayern die Fden bei Mini in den Hnden halten, kmmern sich die hauseigenen Historiker der "Mobilen Tradition" auch um in die Jahre gekommene Minis. Mein gut 38 Jahre alter Begleiter fr einen Tag wurde von Grund auf restauriert und gehrt seit 2001 zur BMW-Flotte.

So ganz ohne Vorsichtsmanahmen darf ein rstiger Mini aber nicht in fremde Hnde. Neben einer ausfhrlichen Einweisung gehrt auch ein "Aufpasser" samt Begleitfahrzeug zum Oldtimer-Paket. Der kurze Mini-Crashkurs tut not, denn erstens ist der Winzling ein Rechtslenker, zweitens ist sein Viergang-Getriebe nur teilsynchronisiert, und drittens ist keiner der Schalter im Cockpit beschriftet. Kein Problem, protzt mein Autotester-Ego. "Das sagen sie alle", grinst der BMW-Mann und drckt mir den Schlssel in die Hand.

Maximaler Platz bei minimaler Grundflche

Betont lssig lasse ich mich in die herrlich weiche Sitzbank fallen. Rotes Kunstleder, groer Zentral-Tacho. Einfach grandios. Der vom Rckenmark gesteuerte Griff zum Gurt fhrt ins Leere. Kein Lebensretter 1967. Eine Nachrstung ist zwar technisch mglich, aber sehr aufwendig und obendrein unntig: Sollte ich den Mini mit Schwung gegen eine Mauer setzen, knnte mir auch kein Gurt mehr helfen. Sir Alec hatte 1958 bei der Entwicklung des Mini andere Prioritten. Platz zum Beispiel.

Leonard Lord, Chef der British Motor Corporation (BMC), wollte ein Auto mit vernnftigen Fahrleistungen bei geringem Benzinverbrauch und einem Maximum an Platz auf einem Minimum an Raum. Eine Aufgabe, wie geschaffen fr den eigensinnigen Issigonis. Frontantrieb sollte sein Kleinwagen haben, um keinen Platz fr einen Getriebetunnel zu verschwenden. Auerdem einen mglichst groen Radstand und winzige Rder. Das Konzept funktionierte. Als 1959 Austin Mini und Morris Mini-Minor auf den Markt kamen, boten sie Platz fr vier Erwachsene oder eine dreikpfige Familie samt Gepck. Das Raumangebot kann sich auch heute noch sehen lassen. Hinter dem fingerdnnen Lenkrad ist ausreichend Platz, die Sitze sind bequem. Das filigrane Gesthl ist zwar etwas weich, aber durchaus robust.

Inzwischen habe ich den winzigen Schlssel ins Zndschlo gefummelt und die 34 Pferdchen vor mir auf die Koppel gescheucht. So weit zum einfachen Teil der bung. Natrlich habe ich lngst vergessen, was mir der nette BMW-Mechaniker vor einigen Minuten zum Thema Getriebe erklrt hat. Also drauf auf die Kupplung und mit der linken Hand lssig den Rckwrtsgang eingelegt. Zumindest theoretisch.

34 Pferdchen treten gegen 210 PS an

In der Praxis komme ich nicht weit. Der lange Schaltstock weigert sich beharrlich, den fr ihn vorgesehenen Platz einzunehmen. Kurz bevor ich soweit bin, mit einem krftigen Futritt nachzuhelfen, ffnet sich die Beifahrertr und Mr. BMW zeigt durchaus amsiert auf das Gaspedal. Mist. Unsynchronisiert. Ein kurzer Gassto, schon flutscht der Hebel in seine Gasse. Eigentlich ganz einfach. So wie der Rest des Autos.

Sind die Tcken der Schaltung erst einmal berwunden, lt sich der Mini erstaunlich unkompliziert bewegen. Auf der Autobahn hrt sich der tapfer schnaufende Vierzylinder des kleinen Englnders sogar fast an wie eine Rennmaschine auch wenn er es gerade mal auf 115 km/h schafft. Seis drum, so bleibt wenigstens Zeit, sich die Lkw-Rder ganz genau anzusehen, die man an sich vorberziehen sieht. Der Rest der Brummis bleibt aus der tiefen Mini-Perspektive unsichtbar. Runter von der Autobahn und ab in Richtung Schliersee. Die Straen werden schmaler, die Kurven enger.

Der Kollege hinter mir im 210 PS starken Mini Cooper S Works wird ungeduldig und gibt seinem Englnder die Sporen. Mit einem heiseren Schnattern aus dem mittig angebrachten Doppelrohrauspuff verschwindet er hinter der nchsten Kuppe. Neid kommt deshalb noch lange nicht auf. Das Terrain meines Ur-Zwergs liegt noch vor uns: die Berge rund um den Spitzingsee. Das Problem: die steilen Strchen wollen zunchst erklommen werden. Kein Spa bei gerade einmal 848 Kubik, vier Gngen und 34 PS. Trotzdem, fr ein Auto, das von einer Serviette abstammt, schlgt sich der kleine Morris prchtig. Mit einer gefhlten Ewigkeit Versptung erreiche ich den vereinbarten Treffpunkt unterhalb des Spitzingsattels.

Der John Cooper S Works ist ein Prachtkerl

Von nun an gehts ber enge Rttelpisten und haarstrubende Serpentinen bergab. Endlich Mini-Terrain! Von Kurve zu Kurve werde ich mutiger und natrlich schneller. Fehlende Pferdestrken sind jetzt kein Thema mehr. Wieselflink und praktisch ohne Seitenneigung lt sich der Oldie um die Ecken werfen. Die einfache aber effektive Gummifederung leistet erstaunlich gute Arbeit: leichte Ste steckt der Mini gut weg, tiefe Lcher scheint er einfach zu berspringen. Kein Wunder, da die Renn-Minis der Konkurrenz bei der Rallye Monte-Carlo um die Ohren fuhren.

Der Works-Cooper kann zwar mithalten, hat aber vor allem in Kurven wenig zuzusetzen. Der Super-Mini hat sechsmal soviel Leistung wie sein Urahn, ist dafr mit 1215 Kilogramm auch fast doppelt so schwer (615 Kilo). Selbstbewut knisternd, parke ich den rstigen Briten neben seinem im Verhltnis riesigen Enkel. Fahrzeugtausch. Schade, wir hatten uns gerade aneinander gewhnt. Nicht da ich mich nicht fr einen 210 PS starken Kleinwagen begeistern knnte. Der bei John Cooper in England aufgebaute Kraftprotz ist ein echter Prachtkerl. Riesige 18-Zoll-Rder, weie Zierstreifen, Kompressor-Aufladung, tiefe Front- und Heckschrze, Schalensitze alles bestens.

Und doch stellt ihn der kleine weie Morris Mini-Minor in den Schatten. Schlichte Eleganz schlgt protziges Imponiergehabe. Die Straenfeger-Qualitten des 25.480 Euro teuren Super-Minis sind allerdings nicht von der Hand zu weisen. Vor allem auf bergigen Landstraen kann er seine Strken ausspielen. Der Vierzylinder-Kompressor hngt gut am Gas, bei kurzen Zwischensprints legt der Giftzwerg los wie die Feuerwehr. Immer wieder gern gehrt: das Pfeifen des Kompressors.

Auch nach 38 Jahren fasziniert der Mini

So richtig gerumig ist der Neuzeit-Mini allerdings nicht. Trotz einer Lnge von 3,65 Meter (ber 60 Zentimeter mehr als sein Vorgnger) haben vor allem die Passagiere in den hinteren Sitzkuhlen wenig zu lachen. Durch die wuchtigen Schalensitze bleibt kaum Platz fr die Beine der Mitfahrer. Bei der Fahrt zurck nach Mnchen gibt wieder der Oldie das Tempo vor.

Kein Problem, trotz 210 PS und einer mglichen Spitzengeschwindigkeit von 230 km/h. Das Bummeltempo drckt den Spritverbrauch und bietet Zeit, den Tag Revue passieren zu lassen. Mit dem Mini in die Berge zu fahren, lohnt sich auf alle Flle. Glcklich, wer die Wahl hat: einen S Works fr die Fahrt zum Gipfel, einen Morris Mini-Minor fr die Talabfahrt.

Fazit von AUTOMOBIL TESTS-Redakteur Jochen Knecht: Der Ur-Mini hat bis heute nichts von seiner Faszination verloren. Der Wrfel macht Spa und ist recht gnstig zu bekommen. Aber Vorsicht, ein Mini braucht viel Pflege. Und die kann teuer werden! Das Treffen mit seinem modernen Ableger zeigt, da vor 40 Jahren ganz schn innovative Autos gebaut wurden!

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