Als Beifahrer in Alex Zanardis DTM-Taxi

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Mit Alex Zanardi im DTM-Taxi

— 20.10.2015

Höllenritt im DTM-Taxi

AUTO BILD MOTORSPORT durfte neben Alessandro Zanardi im DTM-Taxi Platz nehmen. Wir sprachen mit ihm über seinen Unfall und seinen Weg zurück auf die Rennstrecke.

Freizeit? Das Wort kennt dieser Mann nicht. Alessandro Zanardi fuhr die 24 Stunden von Spa, nahm eine Woche später teil an den Paracycling Weltmeisterschaften, dann am Berlin Marathon und am Ironman auf Hawaii. Und jetzt sitze ich, die AUTO BILD MOTORSPORT-Reporterin, am Wochenende des DTM-Finales in Hockenheim 2015 neben ihm in einem rund 480 PS starken DTM-Auto. Alles innerhalb von zehn Wochen. 

24 Stunden Rennen mit Speziallenkrad

Allessandro Zanardi mit AUTO BILD MOTORSPORT-Reporterin Bianca Garloff vor der Fahrt über den Hockenheimring.

Zanardi kann das Rennfahren nicht lassen. Obwohl er bei einem ChampCar-Rennen am Lausitzring 2001 beide Unterschenkel verloren hat, gibt er immer noch Vollgas – mit den Händen. Das ehemalige DTM-Auto von Timo Glock pilotiert der Italiener mit seinem Speziallenkrad vom 24-Stunden-Rennen in Spa, als er und seine Teamkollegen Glock und Bruno Spengler (beide bei BMW in der DTM) eine Stunde vor Schluss wegen eines technischen Defekts aufgeben mussten. Jetzt ist er mein Chauffeur. "Ciao Bianca", sagt der Italiener, als ich mich in das enge DTM-Cockpit zwänge. "Du fährst extra als Letzte. Da sind die Reifen schon schön heiß."

Wir kennen uns von mehreren gemeinsamen Stories vor und nach seinem Doppelgold im Handbike bei den Paralympics. Den Unfall am Lausitzring habe ich live miterlebt, habe stundenlang geweint auf der Heimfahrt im Zug. Es ist wie im Kino, wenn am Ende dein Held stirbt. Denn ich dachte wirklich, er wird den Unfall nicht überleben. Ich wollte schon aufhören mit der Berichterstattung über den Motorsport – bis Zanardi mit einem Lächeln im Gesicht in seinem Krankenbett gefilmt wurde. Ab diesem Moment war er Legende für mich. Eine lebende. "Natürlich habe ich eine positive Einstellung zum Leben", sagt er heute, "und das hat mir geholfen, zurück in die Position zu gelangen, dass ich all diese Dinge tun kann. Wenn ich im Unfallkrankenhaus in Berlin geglaubt hätte, dass mein Leben jetzt vorbei sei, wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin. Meine Einstellung war eher: Wie kriege ich die ganzen Dinge, die ich tun will, denn jetzt ohne Beine hin? Ich war neugierig, nicht pessimistisch. Ich wusste, dass ich einen Weg finde."
Alles über Zanardis Comeback als Rennfahrer

Gegen Zanardi wirkt Rosberg wie ein Fahrschüler

Zurück ins DTM-Taxi. Zanardi gibt gleich Vollgas. Fast die gesamte Start-Ziel-Gerade haben wir noch vor uns. Und mein Magen fühlt sich an wie beim ersten, extra steilen Berg einer Achterbahnfahrt. Nein, für mich ist diese Taxifahrt nicht das erste Mal auf dem Beifahrersitz. Ich habe schon zwei Formel-1-Doppelsitzer hinter mir, ein DTM-Taxi mit David Coulthard und eins mit Nico Rosberg. Aber gegen Zanardi waren die beiden wie Fahrschüler bei der ersten Autobahnfahrt.

Mit Vollgas durch die Parabolica

Motorsport-Profi Zanardi gibt auf der Piste Vollgas – ohne Rücksicht auf seine Beifahrerin.

Die Anbremszone zur ersten Kurve erlöst mich vom fast schon unerträglichen Kribbeln in meinem Magen. Erstaunlich, aber wahr: Der Körper gewöhnt sich an die Geschwindigkeit, die Beschleunigung und die G-Kräfte. Aber beim Bremsmanöver vor der zweiten Kurve knalle ich brutal nach vorne in die Gurte. Alex schaut rüber und will wissen, ob es mir gut geht. Daumen hoch! Dann beschleunigt er voll durch die Parabolica. Mit einem Ring hinter dem Lenkrad gibt er Gas, schaltet hoch mit der rechten Hand, runter mit der linken. Die rechte Bein-Prothese ist zum Bremsen da. Der Fuß steckt in einem Rennschuh und ist per Klettverschluss an einem überdimensionierten Bremspedal befestigt. Plötzlich taucht Nachwuchspilot Niki Thiim vor uns auf. Sein Audi hat keine Chance. Erst saugen wir uns in seinem Windschatten heran, kurz vor der Bremszone geht Zanardi rechts an dem Dänen vorbei. Von Tempo 260 verzögert er in der Spitzkehre auf geschätzte 70 km/h. Ich fliege wieder in die Gurte, mein Kopf knallt nach vorne. Ich wollte ja unbedingt diesen Höllenritt!

Bei jeder Gelegenheit im Rennauto

Durch das Weiße meines Auges sehe ich, wie der Italiener bremst: Er schiebt sein angewinkeltes Bein nach vorne. Aus der Hüfte erzeugt er dabei einen Bremsdruck von rund 80 Kilogramm. Das ist so ungefähr der Wert, den auch ein Profifußballer erreichen würde. Ich werde wieder in den Schalensitz gepresst. Diesmal wegen einer schnellen Rechtskurve, auf dem Weg zurück zum Motodrom. Bewegen ist nicht auf dem Beifahrersitz. Mein Kopf klemmt in der linken Ecke fest. Zu groß sind die Fliehkräfte, als dass ich mich wieder in die normale Sitzposition zurückkämpfen könnte.
Zanardi hat sichtlich Spaß bei seiner Arbeit am Limit. Das merke ich an seiner flotten Handarbeit. Routiniert zieht er am Gasring, schaltet und lenkt zugleich, steht mal quer, lenkt dann aber instinktiv gegen. Solche Fingerfertigkeit sieht man sonst nur von jungen Champs an der Playstation. "Natürlich gibt es auch normale Tage in meinem Leben," sagt ein sichtlich vergnügter Rennfahrer und Paralympics-Sieger später: "Wenn ich im Garten bin, mit meinen Hunden spiele oder meinen Sohn von der Schule abhole. Aber wann immer ich die Gelegenheit habe, ein so großartiges Rennauto zu fahren wie das DTM-Auto, tue ich das auch." Zeitsprung, wieder zurück auf die Strecke. Vor uns taucht Formel-E-Pilot Daniel Abt auf. Wir jagen ihn. Jetzt kommt auch in mir das Rennfahrer-Gen durch. Ich gebe Zeichen – wie der Beifahrer in einem Rallyeauto. Vorwärts, weiter so! Noch ein paar Kurven mehr, wir schnuppern schon an Auspuffgasen des Audi – da rettet ihn die Boxeneinfahrt. Leider.

2016 steht im Zeichen der Paralympics

Übrigens: Zanardi wäre gern noch schneller gefahren. "Ich bin viele tolle Autos in meiner Karriere gefahren", erklärt er. "Und ein DTM-Auto macht wirklich viel Freude. Der einzige Nachteil sind die Motoren. Denn vom Grip und Gewicht des Autos her könnte es bestimmt 200 PS mehr vertragen. Mit 650 PS würde es definitiv eines der besten Rennautos sein, dass man fahren kann". Fest steht: Für 200 Mehr-PS hätte ich ein vierwöchiges Ganzkörpertrainingslager gebraucht. Zurück in der Boxengasse klatscht Zanardi mich ab. Als ich ihm sage, dass er gefühlt schneller fuhr als Coulthard und Rosberg zusammen, lächelt der ehemalige Formel-1-Fahrer und ChampCar-Meister nur: "Dann bin ich wohl auch ohne Beine noch schnell genug." Typischer Zanardi-Humor. Andererseits: Er ist auch einer, der selbst bei seinen Späßchen noch die Wahrheit sagt. r2016 wird sich der Italiener überwiegend auf seine Teilnahme bei den Paralympics konzentrieren. Im Handbike will er da seine Goldmedaillen verteidigen. Sollte BMW ihm allerdings einen Gaststart im neuen M6 GT3 anbieten; er würde nicht nein sagen. "Einen Plan, den M6 GT3 zu fahren, gibt es nicht", so Zanardi. "Aber falls BMW das Auto promoten und bei einigen Events Werksfahrer in das Auto setzen will, werde ich nicht nur sagen: anwesend. Ich werde rufen: ANWESEND."

Autor: Bianca Garloff

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