Mit dem VW Microbus durch New York

VW Microbus VW Microbus

Mit dem VW Microbus durch New York

— 22.02.2002

Schöne Neue Welt

Microbus - so hieß einst der Bully in den USA. Jetzt wurde dort die alte Idee neu auf die Räder gestellt. Bis auf die Polizei waren alle begeistert.

Bildschirm statt Rückspiegel

Blick zurück nach vorn? Was gestern gut war, kann doch heute nicht schlecht sein, oder? Steigen wir auf den Retro-Zug und schauen, wohin er fährt. Im Falle des VW Microbus schreibt erst mal ein fetter Kenworth auf dem Weg zum Liberty State Park rußige 475-PS-Abgaswolken in den Himmel. Die verchromten Schornsteine ragen blitzend in die Luft wie die beeindruckenden Wolkenkratzer am Hudson River gegenüber. Hydraulisch senkt der 18-Meter-Auflieger seine Ladewand. Das Dröhnen der Klimaanlage im Frachtraum wird plötzlich übertönt: ein Anlasser wirbelt jüi-jüi-jüi-jüi-jüi, bis das Geräusch in Blubbern übergeht, das beim Gasgeben in unübertroffen gänsehäutige Alfa-Aggressivität umschlägt.

Der Komponist heißt Microbus. Ein satter amerikanischer V8-Volltöner? Nein, Wolfsburger VR6, aufgebohrt auf 3,2 Liter. Er meldet aus seinem ovalen Endrohr, dass sich gerade alle sechs Zylinder zum 231-PS-Donnerwetter sammeln.

Dann die Enttäuschung: Im Microtempo schleicht der Microbus von der Laderampe zur Fotostelle. Die Automatik dieses Einzelstücks bleibt im ersten Gang blockiert, höheres Tempo könnte dem handgefertigten Aufbau schaden - nicht dem Fahrwerk, denn das besteht bereits aus der Plattform des Transporters T5 (kommt 2002).

So bleibt das Fahr-Erlebnis bruchstückhaft: Schaltgriff auf der Turbinenstil-Nase sanft vorgeschoben: Micro säuselt los, so bis 20 Sachen. Irgendwelche Innereien quietschen, die Spritpumpe brummt. Stock gezogen: das Ganze rückwärts. Summend fährt da, wo sonst der Rückspiegel sitzt, ein Bildschirm aus dem Dach, gibt den (Kamera-)Blick nach hinten frei.

(Wieder-)Erkennungseffekt garantiert

Die sensible Kunststoffkarosse ist ein Meisterstück deutschen Prototypenbaus. Die wichtigsten Extras funktionieren, die Spaltmaße stimmen ebenso wie die filigranen Fugen an Armaturentafel und den anderen Schaltelementen. Denn sollte der Microbus wirklich mal in Serie gehen, bekäme er alles aufgepfropft, was Bill Gates und seine Freunde in ihren Silicon-Gehirnen erdacht haben. Wobei wir beim Hauptproblem sind: Kommt er, oder kommt er nicht?

Der Microbus glänzte auf den Autosalons von Detroit und Genf. Die IAA im September 2001 soll für ihn ebenso Schaufenster sein wie die Motorshow in Tokio im Oktober. Dann irgendwann werden die Würfel fallen. Die Amis, so wissen die VW-Marktforscher, fahren voll auf den Microbus ab. Aber auch die Deutschen, die den New Beetle so kaltherzig links liegen gelassen haben?

Bleiben wir auf der Fahrbahn. Das abschreckendste Formenbeispiel für ein Nutz-Fahrzeug in dieser Klasse ist der Mercedes Vito. Vier Ecken, vier senkrecht hochgezogene Wände, Deckel drauf. Emotion? Die ging irgendwo zwischen Smart und A-Klasse verloren. Der Microbus aber kann damit wuchern. Zwar ist er mit dem Ur-Bus so wenig verwandt wie die Herren Piëch und Schrempp. Nur die Pastellfarben von Opa Bully und Microbus zeigen eine gewisse Ähnlichkeit. Dafür ist der Enkel aber das Gesicht in der Menge.

Er hat Charakter, er hat Stil. Und das Plus: Schon meilenweit kann man ihn erkennen. Das gibt es heute doch nur bei alten Käfern, Renault 4 oder Enten. Oder eben dem New Beetle. Demgegenüber der Microbus einen Vorteil hat: Sein Innenraum ist ökonomischer. Elektrische Schiebetüren schaffen Zugang zu den Einzelsitzen, die sich auf dem Boden verschieben, in der Mitte drehen lassen. Friseursessel-Füße sorgen für Beinfreiheit. Der Schalthebel lässt Platz zum Durchsteigen. Wann also kommt der Microbus? Klar, der Bedarf ist mit T4 & Co gedeckt. Der Bedarf muss also geweckt werden. Styling macht munter, Pfiffigkeit und Individualität. Von alledem hat der Microbus viel zu bieten. Er ist ein Lichtblick der Automobilgeschichte. Wie sein Urahn Bully. Doch das wird meist erst spät erkannt. Jetzt ist es noch früh genug.

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