Mit Ferrari-Siegen aus der Krise?

Fiats letzte Chance Fiats letzte Chance

Mit Ferrari-Siegen aus der Krise?

— 11.06.2002

Fiats letzte Chance

Die Fiat-Krise wird nun auch zur Zerreißprobe für die Familie Agnelli. Zwei alte Herren streiten um das richtige Konzept.

6,5 Milliarden Euro Schulden

Der Kampf um das Schicksal von Fiat hat in der malerischen Villa Frescot der Familie Agnelli in den Hügeln bei Turin begonnen. Giovanni Agnellis (81) Gefolgsleute ringen um die Rettung der Autoproduktion von Fiat, gegen die Mannschaft seines Bruder Umberto Agnelli (67), der aus dem hoch verlustreichen Autogeschäft aussteigen möchte. Der Käufer steht bereit: General Motors legte im März des Jahres 2000 2,4 Milliarden Dollar für den 20-Prozent-Anteil der Autoproduktion von Fiat auf den Tisch. General Motors kann ab Januar 2004 das Recht ausüben, die restlichen 80 Prozent von Fiat zu übernehmen, wenn der Preis stimmt. Doch Giovanni Agnelli will nicht kampflos gegen den jüngeren Bruder aufgeben.

Eine der reichsten Familien der Welt ist damit gerade auf bestem Weg, sich nach 130 Jahren erklecklichen Wohlstands selbst zu ruinieren. Das Geld der Agnellis steckt über den Umweg der Familien-Schatzschatulle, der Holding Ifi, im Fiat-Konzern. Doch Fiat-Aktien sind nach einer rasanten Talfahrt immer weniger wert. Die ungeheueren Verluste im Automobil-Sektor, der etwa 43 Prozent des Umsatzes der Fiat-Aktiengesellschaft ausmacht, bescheren dem Konzern Rekord-Schulden. Derzeit liegen die Brutto-Verbindlichkeiten bei 35 Milliarden Euro; die Nettoschuldenlast stieg auf fast 6,6 Milliarden Euro. Die Agnellis müssen sich die Frage stellen, ob sie weiter mit dem Bau von Automobilen ihr Geld verlieren wollen. In Italien, wo Fiat 60 Prozent seines Umsatzes erwirtschaftet, fiel der Marktanteil seit 1990 von 42 auf 32 Prozent; in Europa ging er im gleichen Zeitraum von 13 auf acht Prozent zurück.

Giovanni gegen Umberto. Ersterer, der seinen Großvater und Firmengründer Giovanni noch gut kannte, will vor allem eines – weiterhin Autos bauen. Der andere – Umberto – will das zwar auch, aber er will den Speck bei Fiat loswerden. Und der heißt vor allem Luxus. Gedacht war die Rettungsaktion bei Fiat ursprünglich so: Die Fiat-eigenen Metall-Gießereien Teksid, die Nutzfahrzeug-Hersteller Comau und die Zulieferer für die Automobil-Industrie Magneti Marelli sollten möglich Gewinn bringend verkauft werden. Magnetti Marelli besitzt Weltruf, das Unternehmen erfand den Common-Rail-Dieselmotor. Es gelang ihnen aber nicht, die Erfindung industriell umzusetzen; das Patent ging an Bosch.

Wehe, Schumi verliert

Doch bisher gibt es keine geeigneten Interessenten für alle drei Firmen. Die Gebote für Teksid und Comau sind viel zu niedrig. Das Projekt, die 6,6 Milliarden Euro Schulden abzubauen, lässt sich nicht realisieren. Fiat muss jetzt ernsthaft über die Erschließung anderer Geldquellen nachdenken. Mindestens eine Milliarde Euro Netto soll der Börsengang des größten Juwels bringen, das Fiat besitzt – Sportwagen-Hersteller Ferrari. Bereits im Jahr 1969 wandte sich der Firmengründer Enzo Ferrari an Fiat mit der Bitte um Hilfe: Der kleine, aber feine Sportwagenhersteller stand vor der Pleite. Fiat schlug im Juli zu und übernahm 90 Prozent von Ferrari. Einen zehnprozentigen Anteil behielt der einzige Sohn von Enzo Ferrari, Piero. Damit Enzo Ferrari aber das Gesicht wahren und die Fäden bei Ferrari in der Hand behalten konnte, gab Fiat an, nur 50 Prozent von Ferrari zu besitzen. Erst nach dem Tod des Patriarchen kamen die wahren Machtverhältnisse ans Licht.

Seit Jahrzehnten leistet sich Fiat mit Ferrari einen unglaublichen Luxus: Obwohl die Nachfrage nach Ferrari-Sportwagen sehr groß ist, weigert sich die Sportwagen-Schmiede, mehr als etwa 4000 Autos im Jahr zu bauen. Die Autos sollen bewusst Nischenprodukte bleiben, die Speerspitze des Fiat-Konzerns. Um das zu unterstreichen, gehört Ferrari auch nicht zur Automobil-Sparte von Fiat, sondern zur Fiat-Aktiengesellschaft. Schumis Arbeitgeber, Luca di Montezemolo (54), nimmt seine Anweisungen direkt von der Fiat-Spitze entgegen; Fiats Auto-Bosse haben ihm nichts zu sagen. Ferrari-interne Studien belegen, dass ein erschwinglicher Ferrari wegen der enormen Popularität der Marke in den USA und Europa 30.000 Käufer finden könnte, wenn der Preis des Wagens bei 50.000 Euro läge. Doch die Firmenspitze will dies Geschäft nicht machen. Die Autos sollen Träume bleiben, die bis zu 300.000 Euro kosten können.

Von der Krise bei Fiat ist die Edelschmiede ausgenommen. Sehr reiche Kunden reißen sich um die feinen Wagen von Ferrari und auch um die geringfügig billiger zu habenden Maserati. Ferrari konnte den Umsatz um 100 Millionen auf eine Milliarde Euro steigern. Und die Ferrari-Familie? Piero Ferrari geriet nur in jüngerer Vergangenheit nur einmal in die Schlagzeilen: mit dem Gerücht, er wolle Ferrari zurückkaufen. Aber die Familie besitzt nicht annähernd die finanziellen Mittel. Bei Fiat rechnen alle damit, dass der Börsengang von Ferrari ein echter Erfolg wird. Es gibt allerdings auch ein Risiko: Das Image der Marke Ferrari ist nicht unabhängig von den Rennsiegen in der Formel Eins. Was passiert, wenn Schumi nicht mehr siegt oder einfach aufhört? Ferrari ist gewarnt: Die Aktien italienischer Spitzenclubs wie Lazio Rom und AS Rom verloren mehr als die Hälfte ihres Werts, als sich abzeichnete, dass die Clubs nicht Meister werden.

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