Mittelklasse-Kombis im Vergleich

Opel Vectra Caravan – Ford Mondeo Turnier – VW Passat Variant Opel Vectra Caravan – Ford Mondeo Turnier – VW Passat Variant

Mittelklasse-Kombis im Vergleich

— 26.09.2005

Deutschland hat die Wahl

Schröder, Merkel, Westerwelle – diese drei interessieren hier nicht. AUTO BILD kürt lieber unseren Kombi-Kanzler. Für die nächste Amtszeit kandidiert der neue VW Passat. Gegenkandidaten sind der Ford Mondeo und der Opel Vectra. Wer kann die meisten Wähler für sich gewinnen?

Preise und Ausstattungen

"Besser Ankommen!" "Frisches Denken für bessere Autos!" "Aus Liebe zum Automobil!" Für mich klingen diese Sprüche wie die Wahlversprechen, mit denen unsere Straßen seit Wochen zugepflastert sind. So weit hergeholt ist das nicht. Schließlich sind das sämtlich Slogans, mit denen Ford, Opel und Volkswagen um ein Votum für ihre Kandidaten werben. Aktuell gehen drei Kombis aus der Mittelklasse auf Stimmenfang, bestückt mit starken Argumenten (Vierzylinder-Diesel) und sauberen Ideen (Euro 4).

Ford geht mit dem zum Modelljahr 2006 leicht geschminkten, 155 PS kräftigen Mondeo Turnier 2.2 TDCi in den Wahlgang Opel schickt den ebenfalls jüngst gelifteten Vectra Caravan 1.9 CDTI mit 150 PS ins Rennen, und für die VW-Partei kandidiert der brandneue Passat Variant. Als 2.0 TDI mit Zweiventil-Zylinderkopf ist der Wolfsburger 140 PS stark und kostet 27.315 Euro. Alternativ gibt es auch den moderneren 16-Ventiler mit ebenfalls 140 PS für nur 26.750 Euro – der aber besitzt keinen Rußpartikelfilter. Selbstverständlich haben wir die Version mit Filter getestet!

Sauber auch der Opel: Einen Rußfänger besitzt der 27.010 Euro teure Vectra ab Werk. So spendabel ist Opel jedoch nicht ganz freiwillig – ohne das feinmaschige Keramikelement im Auspuff würde der Caravan nicht die Abgasnorm Euro 4 erfüllen. Das soll ihm aber nicht zum Nachteil gereichen – schließlich wiegen beim Wähler Umweltgewissen und der Wiederverkaufswert schwer, und das zählt unter dem Strich. So oder so lassen die Lösungen von VW und Opel den Ford Mondeo (ab 25.925 Euro) in trübem Licht stehen.

Betriebskosten und Garantien

Denn Ford spart im aktuellen Wahlprogramm das Thema Partikelfilter einfach aus – erst 2006 wird der Hersteller mit der sauberen Technik auf Stimmenfang gehen. Das ist besonders schade, weil der Motor im Turnier ansonsten mein klarer Favorit ist. Mit Leistungs-, Drehmoment- und einem kleinen Hubraumvorteil gesegnet, steckt der Mondeo seine Konkurrenz lässig in die Tasche. Weil er sich im Gegensatz zu Passat und Vectra keinerlei Anfahrschwäche erlaubt.

Weil er in jedem Drehzahlbereich druckvoller durchzieht, weil er zügiger davonsprintet und gefühlt viel ungehemmter in höhere Drehzahlregionen stürmt. Eben einfach Laune macht. So rennt der Turnier dann auch in der Spitze am schnellsten. Besonders den Vectra hängt er ab. In der Höchstgeschwindigkeit auch deshalb, weil Opel den CDTI im sechsten Gang bei exakt 4000 Touren drosselt. Daraus folgt einerseits die für den Kunden günstigere H-Reifen-Klasse, andererseits stoisch eingebremste 210 km/h Endgeschwindigkeit – selbst bei Rückenwind oder längerer Bergabfahrt.

Allenfalls der Passat kann den Mondeo im letzten Gang auf Abstand halten. Nicht in der Spitze – aber beim Überholen. Der lang übersetzte sechste Gang des Ford beschert ihm geringfügig schlechtere Zeiten in der Elastizitätsmessung als dem Passat. Die Zahlen im Verbrauchskapitel verbessert das nicht. Der Wolfsburger verbrennt exakt soviel Sprit auf 100 Kilometer wie der zehn PS stärkere Rüsselsheimer. Und damit auch etwas mehr als der Kraftprotz aus Köln.

Technische Daten und Fahrleistungen

Daß Passat-Fahrer dennoch auf die größte Reichweite setzen können, liegt zum einen am großen Tank, zum anderen an der entspannten Sitzposition. Die Vordersitze bieten besten Halt, die Polsterung ist optimal ausgefallen – ideale Voraussetzungen für eine ermüdungsfreie Legislaturperiode. Im ebenfalls gutstützenden Sitz des Ford falle ich ein bißchen zu weit in den Schaumstoff, Opel mutet mir dagegen ein wenig zu kurze Auflageflächen zu. Dafür überzeugt das Fahrverhalten des Vectra. Erfreulich unspektakulär meistert der Caravan Ausweichversuche, ein enorm wachsames Anti-Schleuderprogramm ESP hält ihn zuverlässig in der Spur, und das elektronische Stoßdämpfersystem kümmert sich vollendet um Bodenunebenheiten oder schlechte Fahrbahnoberflächen.

Kleiner Nachteil des adaptiven, aufpreispflichtigen Fahrwerks (IDS Plus ab Edition, 690 Euro): Auf eine für einen Kombi nützliche Niveauregulierung muß man dann verzichten. Passat und Mondeo federn insgesamt ebenfalls einwandfrei – der Ford mag allerdings keine Querfugen, die nimmt der Fahrer zumindest deutlich hörbar wahr. Bei Beladung verliert der Passat einiges von seiner grundsätzlich zackigen Agilität. Mit 550 Kilogramm Zuladung bepackt, neigt sich der Variant stärker, wirft sich nur verzögert in die Kurve. So habe ich das Gefühl, den VW zu Richtungsänderungen zwingen zu müssen. Und muß ich dann plötzlich abrupt vom Gas, steht der Variant fast quer.

Das ESP hat alle Mühe, die volle Fuhre auf Kurs zu halten. Das wird zwar nicht heikel, aber eine souveräne Vorstellung von Regierungsarbeit wie bei Opel ist es nicht. Auch der Ford mag Ballast nicht so gern. Er läßt sich von schweren Argumenten etwas aus der Ruhe bringen, schiebt in Kurven stärker nach außen und schwänzelt zuweilen sogar mit dem Heck. Bei beiden drängt sich der Verdacht auf, daß Fahrwerkschwächen mit dem ESP kaschiert werden. Anders beim Bremsen. Hier zeigt der Ford Charakter. Gut 37 Meter verdienen – genau wie beim Opel – Beifall.

Wertung und Fazit

Zentrales Thema im Kombi-Wahlkampf: Zuladung und Ladekapazität. Dabei führt der Raumriese Opel mit bis zu 1850 Liter Fassungsvermögen die Hochrechnungen an. Bleiben die Rücksitze aufrecht, packt der VW am meisten. Dann schluckt sein Kofferraum mehr als eine Wahlurne von Berlin-Mitte: über 600 Liter. Lob verdient Ford für das superbreite Ladeabteil. Schade bei Opel: Gegen Aufpreis gibt es für den Caravan eine elektrisch aufschwenkende Heckklappe. Aber die Vorteile dieser elegant nach oben surrenden Ladeluke verpuffen, weil der Mechanismus träger reagiert, als der Bundesrat entscheidet.

Außerdem nervt der unzuverlässige Auslöser. Ich kann jedenfalls nur empfehlen, daß Geld dafür (650 Euro) zumindest teilweise in das ungleich sinnvollere und toll funktionierende Kurven-Xenonlicht (1180 Euro) zu investieren. Vielleicht ist es ja ganz gut, daß VW diese Klappen-Technik (noch) nicht propagiert. Bis es bei denen soweit ist, sollten die Wolfsburger ohnehin etwas mehr auf den internen Untersuchungsausschuß setzen. Im Testwagen wackelten diverse Blenden am Armaturenbrett, der Rahmen um die Anzeigen löste sich, und der labile Hebel der Sitzverstellung schabte häßliche Spuren in die Konsole. So klingt "Aus Liebe zum Automobil" eher nach einem müden Wahlversprechen.

Fazit Am liebsten hätte ich die große Koalition: den Motor vom Mondeo, den Platz vom Opel und die Linie vom VW. Aber das ist Wunschdenken. Als Alleinregierender kommt so nur der Opel in Frage. Der kennt sich im Transportwesen aus, macht im Umweltressort eine gute Figur und belastet den Haushalt in Maßen. Also: Caravan for Kanzler!

Autor: Jan Horn

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