Modellautos

Ganze Generationen haben mit den kleinen Modellautos gespielt. Ex-Werksleiter Klaus Hinkelmann vor der alten Fabrikantenvilla in Berlin-Reinickendorf, heute ein Aldi-Supermarkt.

Modellautos

— 08.01.2009

Berlin weint um Wiking

Nach 78 Jahren verlässt die bekanntest deutsche Modellbaufirma ihre Heimat in der Hauptstadt. Ein Teil der Produktion wandert ins Ausland, der Standort Berlin wird dicht gemacht. Wikings Wiege gibt es nicht mehr.

Wikings Wiege ist vor Weihnachten voller Wäsche. Auf Wühltischen türmen sich Unterhosen, T-Shirts und Filzpantoffeln. Wo Wiking war, ist heute Aldi, die Backsteinvilla wurde zum Schnäppchenparadies. Vor 22 Jahren verließ das Modellautowerk sein Steglitzer Stammhaus und bezog ein tristes Werksgelände in Tempelhof. Doch auch hier ist jetzt Schluss. Wiking zieht um, nach Zlotoryja in Polen und ins westfälische Lüdenscheid. Nur die Konstruktionsabteilung und die Lackiererei bleiben noch bis März in der Hauptstadt. Kurz vor Weihnachten liefen die letzten Modelle vom Band. Wie immer wurde 270 Grad heißer Kunststoff in Stahlformen gepresst, anschließend bedruckt.

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Wiking-Villa: Der frühere Werksleiter Klaus Hinkelmann vor dem Stammhaus in Steglitz.

Doch jetzt ruhen die Maschinen, fast alle 35 Angestellten landen in einer Auffanggesellschaft. Danach droht vielen die Arbeitslosigkeit, es gibt nicht viele Jobs für Miniaturautobauer, da ist es nicht anders als bei Herstellern echter Autos. Und auch nicht neu: Als die Firma 1995 den ersten Schritt nach Polen machte, verloren rund 40 Heimarbeiter ihre Aufgabe. Jetzt will nur ein Beschäftigter von Berlin nach Lüdenscheid umziehen. Am letzten Arbeitstag war ein gemeinsames Frühstück der letzten Wikinger geplant, doch Werksleiter Michel Courouble hat es abgesagt. "Zu viel Stress", sagt der Belgier. Gemeint ist angeblich Umzugsstress.

Falsche Modell(auto)politik?

Die letzte Berliner Produktionsstätte von Wiking im Bezirk Tempelhof.

Den großen Schock mussten er und seine Kollegen schon im September verkraften – als die Lüdenscheider Zentrale die Nachricht vom Ende übermittelte. "Es war nicht einfach, meine Leute in dieser schweren Zeit zu motivieren", sagt Courouble, der ebenfalls noch keinen neuen Job hat. Bei den Produktionszahlen habe es nach der Nachricht sogar eine "kleine Delle nach unten" gegeben. Couroubles Vorgänger Klaus Hinkelmann findet deutlichere Abschiedsworte. Die Rede ist von einer falschen Modellpolitik: "Wiking ist ein Teil Berliner und deutscher Geschichte", sagt der 70-Jährige.

Nach Konkurrenz geschielt

Der Ingenieur war 40 Jahre bei Wiking, 1958 steckte er als Student in Heimarbeit Modelle zusammen. Er findet, dass sein früherer Arbeitgeber sich zu sehr den detailverliebten Konkurrenten Herpa, Brekina und Busch angepasst – und dabei seine abstrakte Formensprache verloren hat. "Viele sammeln alles – aber nur bis zum Jahr der Übernahme durch die Sieper-Gruppe 1984", sagt er, "man hätte die Modelle mehr nach den Vorstellungen der Sammler gestalten müssen." Die früheren Firmenkataloge seien noch "Aussagen gewesen, die neuen sind Selbstdarstellung".

Herr über 12.000 Modelle

Legende im Maßstab 1:87: Generationen haben schon mit Wiking-Autos gespielt.

Sammler Robert Fischer aus Frankfurt am Main erwirbt zwar weiterhin regelmäßig neue Wiking-Miniaturen. Aber: "Ich frage mich jedes Jahr, ob ich nachkaufen soll", sagt der Herr über rund 12.000 Modelle. Und er fügt hinzu: "Die Sammlerszene wird den Umzug verschmerzen." Sein Sammlerkollege Werner Gottschalk aus Gelsenkirchen gibt jeden Monat zwischen 500 und 1000 Euro für Wiking-Autos aus den Jahren 1948 bis 1950 aus, viele ersteigert er im Kölner Auktionshaus Saure – in der Wiking-Welt fast gleichbedeutend mit Sotheby's, dem berühmten britischen Versteigerer. Viermal pro Jahr versteigern die Kölner jeweils rund 10 000 Autos – und erzielen dabei Höchstpreise. Die Top-Gebote erfolgen oft diskret per Telefon oder schriftlich. Zwischen den Auktionstagen gibt es ein Sammlertreffen.

Über 75 Jahre Modellbau

Der berühmte Prägestempel garantiert die Authentizität jedes Modells.

Unternehmer Gottschalk jedenfalls glaubt, dass mit dem Firmengründer Friedrich Karl Peltzer im Jahr 1981 auch die frühere Philosophie gestorben ist. "Es ging immer darum, das Wesentliche zu zeigen – und eben nicht jedes Detail", sagt der Unternehmer. Die Modelle der ersten Jahrzehnte seien dieser Formensprache noch gefolgt. Nach sieben Jahren im Miniaturschiffbau hatten die Berliner auf der Leipziger Herbstmesse 1938 ihre ersten kleinen Autos präsentiert: Metallgussmodelle im Maßstab 1:200. Erst von 1959 an haben alle Modelle durchsichtige Scheiben, 1966 bekommen Wiking-Autos die ersten Innenausstattungen.

Präzise Kopie des Vorbilds

Umzug: So wie hier im Kleinen schafft Wiking seine Maschinen von Berlin nach Polen und Lüdenscheid.

Als letztes Geschenk an Berlin gilt ein Themenset zum ebenfalls gerade geschlossenen Flughafen Tempelhof. An ein offizielles Abschiedsmodell von der Hauptstadt hat die Firmenleitung aber nicht gedacht. Wiking bringt heute 50 Neuheiten pro Jahr heraus. Alle neuen Autos sind präzise Nachbauten ihrer großen Vorbilder. Man kann jede Lampe, jede Stoßstange, sogar jeden Spiegel wiederfinden, wenn man nur nah genug rangeht. Vielen Sammlern sind diese Modelle allerdings heute ferner denn je.

Autor: Claudius Maintz

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