Paul Denning und Loris Capirossi werden noch ein Jahr lang zusammenarbeiten

MotoGP 2009

— 19.10.2009

Denning: "Zur Zeit geht es rein ums Überleben"

Paul Denning im Exklusivinterview: Der Suzuki-Teamchef über hausgemachte Probleme, Testeinschränkungen und seine Hoffnung namens Alvaro Bautista

Frage: "Mr. Denning, nach all den Gerüchten in Zusammenhang mit der globalen Wirtschaftskrise würden wir als Erstes gerne wissen, ob der Werks-Einsatz für 2010 von der Suzuki Chefetage bestätigt worden ist?"
Paul Denning: "Ja! Dazu gibt es eine offizielle Bestätigung vom Werk."

Frage: "Schön dies zu hören! Mit Loris Capirossi und Alvaro Bautista wird Suzuki 2010 eine sehr unterschiedliche Fahrerpaarung haben. Auf der einen Seiten einen, wenn nicht sogar den erfahrensten Fahrer im Feld und andererseits einen Rookie. Gibt es mit beiden Piloten längerfristige Planungen?"
Denning: "Die Vereinbarung mit Bautista gilt für zwei Jahre. Ein derartiges Abkommen macht auch Sinn für einen Rookie. Dazu muss ich auch sagen, dass wir zurzeit keine besonderen Pläne mit ihm haben."

"Unsere Entscheidung ist dennoch ganz einfach zu erklären. Alvaro ist einer der talentiertesten 250er-Fahrer der Gegenwart. Er kämpft erneut um die Weltmeisterschaft und zeigt auch viel Begeisterung für den Rennsport. Die momentane Situation mit den 800ern für einen Wechsel in die MotoGP ist bestimmt nicht einfach, aber sicherlich der einfachste Weg für einen Fahrer das Umfeld zu verstehen. Alvaro ist schon sehr auf MotoGP fixiert und von unserer Seite wollten wir mit einem neuen Fahrer einen Neustart machen. Daher würde ich sagen, dass wir mit unserer Wahl Glück hatten. Was Loris betrifft, kann ich nur sagen, dass er selbst nicht länger als ein Jahr plant."

Frage: "Wird man unmittelbar nach dem Saisonfinale in Valencia beginnen, mit der Suzuki GSV-R des Jahrganges 2010 zu arbeiten?"
Denning: "Ja, ganz klar! Die zwei Testtage nach dem Valencia-GP sind bereits eine erste Standortbestimmung für die neue Saison."

Frage: "In welchen Bereichen muss sich Suzuki verbessern, um für Podiumsplatzierung konkurrenzfähig zu sein; ist es nur der Motor oder gar das gesamte Paket?"
Denning: "Ich würde sagen, in jeden Bereich ein bisschen. Zu Saisonmitte in Brünn hatten wir maßgebliche Änderungen das Chassis betreffend erhalten. Jedoch am Motor wurde während der Saison weniger weiterentwickelt. Wie man aber in Misano gesehen hat, lieferte sich Loris einen harten Kampf mit Dovizioso und konnte dieses Rennen als guter Fünfter beenden. Aber um Podiumsplätze kämpfen zu können, muss man sich auf dem Niveau von Pedrosa, Stoner und den beiden Werks-Yamahas befinden."

"Es liegt aber nicht nur an unserem Motorrad, sondern es spielen auch das Vertrauen und der Glauben an das Material unserer Fahrer eine Rolle. Es wird daher noch eine geraume Zeit lang dauern, bis die Fahrer das Vertrauen erlangen, um ihr eigenes Level entsprechend steigern zu können. Aber auch von unserer Seite besteht Handlungsbedarf, indem wir den Piloten ein Motorrad zur Verfügung stellen, mit dem sie ans Limit gehen können. Das Motorrad braucht von allem ein wenig, um besser zu sein."

"Aber das gesamte Paket ist nicht so schlecht. Im Moment ist es sicher keine Sieger-Maschine, aber wir sind am Podium nahe dran. Dennoch ist es frustrierend, pro Runde ein halbe Sekunde zu verlieren. Dies bedeutet über die gesamte Renndistanz einen Rückstand von 15 Sekunden und mehr. Der Abstand zur Spitze ist nicht so groß und dennoch nicht zu übersehen, daher müssen wir noch hart und viel arbeiten."

Kein Verständnis für Testbeschränkung

Frage: "In Anbetracht der limitierten Testtage während der Saison, wie soll es für Suzuki möglich sein, den Rückstand zur Konkurrenz aufholen zu können?"
Denning: "Die Einschränkung der Testtage trifft uns ganz besonders hart. Diese Regelung erschwert unsere Weiterentwicklung ungemein. Wie bekannt, setzt Suzuki nur zwei Bikes in der Weltmeisterschaft ein. Gut, manche Leute sagen, das ist das Problem von Suzuki. Tatsache ist aber, dass aufgrund der momentan herrschenden Wirtschaftssituation Suzuki nicht mehr bereitstellen kann."

"Hinzu kommt auch, dass die Teststrecke in Japan gut ist, aber wegen des unbeständigen Wetters nicht sehr oft gefahren werden kann. Meiner Ansicht wurde daher mit der Streichung der Testtage nach einem Grand Prix der größte Fehler begangen. Billiger wären wir zu keinen Testmöglichkeiten gekommen. Die Rennstrecke ist bis einschließlich Dienstag nach einem Grand Prix von der Dorna bezahlt. Wir hätten dafür keinen Cent bezahlen müssen. Alles ist vor Ort. Die Fahrer, die Teams in voller Besetzung, usw. Von unserer Seite wären zusätzlich eine Nacht im Hotel aufzuwenden gewesen, das bisschen an Sprit und die Reifen. Billiger ginge es wirklich nicht, und dann wurden diese Tests doch gecancelt. Nach der Saison geht jedes der Teams an verschiedene Rennstrecke zum Testen. Ducati nach Jerez, usw. Für mich ist diese Regelung völliger Schwachsinn."

Frage: "Werden diesbezüglich Diskussionen geführt?"
Denning: "Zurzeit wird nicht darüber gesprochen. Ich denke, dass jeder wegen der wirtschaftlichen Situation zu sehr bedacht ist. Wir haben es in diesem Jahr mit Kallio und den Rookie-Kollegen erlebt, was diese Regelung bewirkt. In der nächsten Saison betrifft uns dies noch mehr. Wie soll Bautista auf das Level der Topleute kommen, wenn er nicht zum Fahren kommt? Zudem ja auch das Training am Freitagvormittag gestrichen wurde. Ich kann nur hoffen, dass er von Natur aus mit viel Talent ausgestattet ist."

Frage: "Gibt es von den Teams und Werken denn gar keine Einwände bzw. Bestrebungen, dies zu ändern?"
Denning: "Im nächsten Jahr wird es mit ziemlicher Sicherheit zu keiner Erhöhung der Testtage kommen. Meiner Meinung nach schauen die Leute im Moment zu viel auf das Geld. Warten wir ab, was passiert. Werfen wir einen Blick auf das existierende Regelwerk und nehmen zum Beispiel einen Fahrer wie Bautista: Sollte er die Freigabe von Jorge Martinez bekommen, für uns bereits in Valencia testen zu können, wäre das Anfang November. Die nächsten beiden Tage sind dann zwei Monate später in Sepang. Danach wiederum zwei Tage in Sepang Ende Februar und zum Abschluss zwei Nachttests in Katar bei unmöglichen Bedingungen."

"In Summe sind dies bestenfalls - denn wir können zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht garantieren, dass er schon in Valencia auf unserem Bike sitzen wird - insgesamt sechs Testtage und zweimal kann er in der Nacht fahren; das ist nicht wirklich viel. Und wie soll ein junger Fahrer mit solchen Restriktionen auf das Level der Topleute kommen...? Andererseits übt Ducati immer sehr viel Druck aus, man könne nicht nach den Rennen testen. Dabei haben sie mit Mugello eine Einrichtung zur Verfügung, die Ducati fast gar nichts kostet. Erst vor Kurzem hat man dort mit zwei Fahrern drei Tage lang getestet! Für mich ist das Ganze unverständlich. Aber im Laufe einer Saison lässt sich dies sowieso nicht von einem auf den anderen Tag ändern."

MotoGP soll die Königsklasse bleiben

Frage: "So gesehen ist es doch zu befürchten, dass man das Niveau von MotoGP im Allgemeinen nicht halten kann?"
Denning: "Das glaube ich nicht! Obwohl die finanzielle Situation viel schlimmer ist, als man von außen betrachtet annehmen würde. Aber ich denke, dass Carmelo (Dorna-Chef Ezpeleta; Anm. d. Red.) die richtige Einstellung hat und alles versuchen wird, die Weltmeisterschaft auf gutem Niveau halten zu können. Die kommenden zwei Jahre werden ausschlaggebend sein. Erst danach wird man wieder aggressiver agieren können."

Frage: "Welche Gründe sind letztlich ausschlaggebend dafür, dass Suzuki nicht in der Lage ist, ein drittes oder viertes Bike einzusetzen?"
Denning: "In erster Linie die Kosten, Manpower im Werk in Japan und natürlich auch die Ressourcen der Bereitstellung und Versorgung mit Ersatzteilen. Aber es spielt auch die Philosophie von Suzuki mit. Diese sieht vor, sich auf die vorhandenen Mittel zu konzentrieren und damit ein konkurrenzfähiges Bike zu bauen, mit dem man versucht, auf das Level von Podiumsplatzierung zu kommen. Erst wenn das Motorrad konstant konkurrenzfähig ist, kann man sich Gedanken darüber machen, eine dritte und/oder vierte Maschine anzubieten. Aus welchen Gründen soll man ein drittes Motorrad einsetzen, wenn die zwei Werksmaschinen nicht über fünfte und achte Plätze hinauskommen? Um vielleicht dann Zwölfter damit zu werden... Unsere Konzentration liegt darin, das jetzige Motorrad zu verbessern."

Frage: "Somit kann man auch alle Gerüchte, Suzuki würde ab der Saison 2011 ein Kundenteam ausrüsten, in das Reich der Fabeln verweisen?"
Denning: "Dies wäre natürlich eine großartige Sache, vorausgesetzt es ist möglich. Aber um ehrlich zu sein, geht es allen in der Herstellerindustrie nicht so gut. Man sieht dies deutlich anhand der Einbrüche, die Honda und auch Yamaha zu verzeichnen hat. Beide Unternehmen befinden sich in einer extrem schwierigen Situation. Yamaha feiert tolle Erfolge auf der Rennstrecke, aber deren Geschäft gleicht einem Desaster. Die Zahlen sind viel schlimmer als bei allen anderen. Daher denke ich, das Überleben ist im Moment die Hauptaufgabe."

Frage: "Gleiches wird wahrscheinlich auch das Verleasen von Motoren zutreffen, oder?"
Denning: "Diesbezüglich gibt es keine Pläne. Aber wie gesagt kann sich jederzeit alles ändern. Zurzeit geht es nur ums Überleben und samt den Restriktionen bessern zu werden. Daher gibt es auch zurzeit keine Pläne, ein anderes Team in irgendeiner Form zu unterstützen."

Frage: "Wie könnte man ihrer Meinung nach in dieser schwierigen Zeit die Anzahl der Motorräder in der MotoGP-Startaufstellung erhöhen?"
Denning: "An diesem Thema arbeitet Carmelo schon seit einiger Zeit intensiv. Meiner Meinung nach wären auch mehr Fahrer wichtig. Aber wenn wir zum Beispiel 18 Fahrer haben, was nicht unbedingt viel ist, dann sind dies die 18 Besten der Welt. Okay, man kann nicht immer die absolut Besten haben, aber mit Ben Spies, Marco Simoncelli, Alvaro Bautista und Hiroschi Aoyama kommen ausgezeichnete Piloten aus anderen Klassen. Auch Kallio und sein neuer Teamkollege werden bestimmt mit den privaten Ducatis sehr schnell sein."

"2010 werden wir mit Sicherheit auch ein hochkarätiges Starterfeld sehen. Für mich zählt die Qualität mehr als die Anzahl der Motorräder. Gleichzeitig ist auch klar, dass jeder mit 22 oder 24 Bikes einverstanden wäre. Aber unter dem momentanen technischen Reglement und der finanziellen Situation ist es schwer vorstellbar, wie man die Anzahl erhöhen könnte. Diesbezüglich müssen wir abwarten, was in nächster Zeit passieren wird."

Frage: "Sie haben soeben Ben Spies erwähnt. Spies war ein Langzeit-Suzuki-Pilot. Wie denken sie darüber, dass er jetzt mit einer anderen Marke den Sprung in MotoGP geschafft hat?"
Denning: "Leider, das muss ich wirklich eingestehen, hatten wir bei Ben das Nachsehen. Ben war für lange Zeit ein fixer Bestandteil von Suzuki. In diesem Jahr war es uns nicht möglich, ihm das zu bieten, was er gebraucht hat. Yamaha war diesbezüglich in einer besseren Position und konnte ihm seine Vorstellungen erfüllen. Daher ist es verständlich, dass er sich so entschieden hat."

"Er hat seine Wahl mit einem ausgezeichneten Job bestätigt und somit verdient er auch seine Chance in MotoGP. Natürlich stehen wir nach wie vor in Kontakt, aber Yamaha hat ihm eine ausgezeichnete Möglichkeit gegeben, sich auf Weltebene zu bewähren. Aus unserer Sicht ist es natürlich bedauerlich, aber innerhalb von Suzuki, inklusive meiner Person, hatte niemand wirklich Zweifel an seinen Fähigkeiten. Aber wie gesagt, wir konnten ihm für dieses Jahr keine Möglichkeit bieten."

Fotoquelle: Suzuki

Diesen Beitrag empfehlen

Kommentare

Datenschutz

Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

comments powered by Disqus
Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.