Abstimmungsarbeit ist Teamarbeit: Nicky Hayden und Juan Martinez

MotoGP 2010

— 21.08.2010

Hayden: "Man muss sich von der Elektronik helfen lassen"

Die Elektronik spielt in der MotoGP eine immer größere Rolle: Nicky Hayden und Juan Martinez über Datenaufzeichnungen, Motormapping und Traktionskontrolle

Spätestens mit der Einführung der Viertaktmotoren in der MotoGP 2002 ist die Bedeutung von elektronischen Hilfsmitteln in der "Königsklasse" des Motorradrennsports stetig gewachsen. Es gilt, Motorleistungen von mehr als 200 PS möglichst effektiv auf den Asphalt zu bekommen. Während sich die Ingenieure im Bereich des Chassis und des Motors mit engen technischen Grenzen konfrontiert sehen, besteht auf dem Feld der Elektronik noch verhältnismäßig viel Gestaltungsspielraum.

"Ich denke, dass das mechanische Design des Motorrads bestimmte Grenzen hat", so Juan Martinez, Cheftechniker von Nicky Hayden im Ducati-Werksteam, gegenüber 'motogp.com'. "Mit der Elektronik kann man im Grunde genommen ein paar der Probleme, die dadurch entstehen, vertuschen."

So erlaubt es der Haftungsgrad der Reifen überhaupt nicht, die Leistung des Motors jederzeit vollständig nutzen zu können. "Wir können Dank der Elektronik einstellen, dass wir an verschiedenen Stellen der Rennstrecke im jeweils selben Gang eine unterschiedliche Leistungsentfaltung haben, um das Maximum aus dem Motor herauszuholen", erklärt Martinez.

Dieses Motormapping sorgt in Verbindung mit der Traktionskontrolle für ein effizienteres Ausnutzen der Motorleistung. Doch man könne diese Systeme nicht bis zum Anschlag aufdrehen, betont Hayden. "Je mehr Traktionskontrolle, desto besser, ist grundsätzlich nicht das richtige Motto", so der Weltmeister von 2006. "Denn zum einen verbraucht die Traktionskontrolle recht viel Kraftstoff, zum anderen geht es um die Balance zwischen dem Maß an Traktionskontrolle und der Fähigkeit, schnell zu beschleunigen."

Unzählige Sensoren zeichnen alles auf

Hayden, der inzwischen seine achte Saison in der MotoGP bestreitet, gibt zu, dass es etwas Zeit gebraucht habe, bis man das Spiel mit der Elektronik verstand. Inzwischen will er die neuen Einstellungsmöglichkeiten nicht mehr missen. "Ich kann es mir gar nicht mehr vorstellen, ohne die Datenaufzeichnungen zu arbeiten, besonders wenn es um die Kraftübertragung, die Aufhängung und die Temperaturen geht. Es gibt wirklich unheimlich viele Sensoren an diesem Motorrad, die eine Menge anzeigen."

"Das hilft einem, denn manchmal hat man ein bestimmtes Gefühl, die Daten sagen aber etwas anderes", so Hayden weiter. "Schlussendlich geht es um die richtige Balance zwischen dem, was der Fahrer fühlt, und dem, was die Daten aufzeigen. Ab und zu passiert es, dass die Daten eine ganz bestimmte Richtung aufzeigen, welche theoretisch die richtige sein sollte. Aber dann ist es vielleicht genau anders herum."

Das Fahren ist "einfacher"? Von wegen...

Ist das Fahren einer Grand-Prix-Maschine denn durch die elektronischen Hilfsmittel leichter geworden? Hayden widerspricht. " Es sind hauptsächlich ehemalige Fahrer, die behaupten, Elektronik würde das Fahren erleichtern. Aktive Rennfahrer sagen so etwas normalerweise nicht. Nichts ist 'einfach' in der MotoGP, das ist das falsche Wort. Die Motorräder sind dadurch schließlich schneller geworden."

"Die Leute denken manchmal, dass Traktionskontrolle nur dann ein Thema ist, wenn man das Gas aufdreht", fährt Hayden fort. "Aber bei diesen Motorrädern und Kupplungen, gibt es beim Kurveneingang eine Menge zu tun, um das Bike vom Blockieren abzuhalten." Zudem sei das Fahren durch den Einsatz der Elektronik mitunter komplexer geworden.

Die Abhängigkeit der Fahrer steigt

"Wenn früher zum Beispiel die Aufhängung nicht besonders gut funktioniert hat, hat man halt versucht, um das Problem herumzufahren", so Hayden. "Das funktioniert heute angesichts der vielen Elektronik nicht mehr so - es ist wirklich schwierig, Elektronikprobleme zu umfahren." Die Fahrer begeben sich also auch in eine größere Abhängigkeit. Wenn die Elektronik nicht perfekt funktioniert, sind sie aufgeschmissen.

"Vielleicht sehen wir etwas weniger Highsider als früher. Aber die Schräglagen sind krasser, das Tempo ist höher - wenn da einen die Elektronik im Stich lässt, sehen wir heftige Stürze. Man muss die Elektronik nutzen und sich von ihr helfen lassen", findet Hayden. Kommt es zu einem Sturz, schützen die modernen Systeme immerhin den Motor. Die Sensoren erfassen den drohenden Einschlag im Reifenstapel sofort, der Motor wird innerhalb weniger Sekundenbruchteile abgeschaltet.

Besseres Verständnis zwischen Fahrer und Ingenieuren

Der Einsatz elektronischer Hilfsmittel hat aber nicht nur die Arbeit der Fahrer, sondern auch die der Ingenieure komplexer werden lassen. Statt einem Techniker, der für die Auswertung des Data Recordings zuständig ist, sitzen nun ganze IT-Abteilungen in den Boxen der Teams vor ihren Laptops. "Wir verwenden so viel Zeit auf die Abstimmung der Elektronik wie auf jeden anderen Bereich", erläutert Hayden.

"Wir haben schließlich nur zwei verschiedene Reifensorten und es ist auch nicht so, dass es viele neue Motorkonfigurationen gibt, die wir ausprobieren dürfen. Deshalb verbringen wir so viel Zeit mit der Elektronik, denn dort können wir größtenteils noch so viel machen, wie wir wollen", so der Ducati-Pilot.

"Letztendlich haben wir dadurch ein weiteres Werkzeug", ergänzt Martinez. Es sei zwar natürlich nach wie vor wichtig, was der Fahrer beim Fahren fühle und anschließend zu Protokoll gebe. "Aber mit den Daten können wir das bestätigen, was die Fahrer sagen. Dank der Daten können wir sie besser verstehen."

Fotoquelle: Ducati

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