Filippo Preziosi bedauert die Einschränkung durch das Reglement

MotoGP 2011

— 16.08.2011

Preziosi: "Material des Rahmens nicht der Schlüsselfaktor"

Ducati-Konstrukteur Filippo Preziosi über die Erkenntnisse des Brünn-Tests und die Philosophie bezüglich Motor- und Rahmenkonzept

Filippo Preziosi zeichnet im Ducati-Werksteam seit Jahren für die Konstruktion der Desmosedici-Maschinen verantwortlich. Die aktuelle GP11.1 kommt in den Händen von Valentino Rossi langsam auf Tempo, sowohl für den Italiener als auch für den italienischen Hersteller zählen jedoch letztlich nur Siege.

Im Interview spricht Preziosi über die Erkenntnisse des Brünn-Tests, die Ducati-Philosophie in Bezug auf Rahmen und Motor, den Einfluss der Reifen auf die Entwicklung des Motorrads sowie die Frage, ob er Casey Stoner im Team vermisst.

Frage: "Filippo, was genau hat Ducati in Brünn getestet?"
Filippo Preziosi: "Bei diesem Test ging es uns in erster Linie darum, die richtige Richtung für die Zukunft zu finden. In diesem Zusammenhang sprechen wir sowohl von der mittelfristigen als auch von der langfristigen Zukunft. Wir haben komplett verschiedene Setups getestet, um herauszufinden, welches für Valentino die beste Lösung ist, speziell im Hinblick auf die Gewichtsverteilung."

Frage: "Wurden diese Veränderungen am Setup ausschließlich mit bestehenden Komponenten durchgeführt oder waren auch neue Teile im Einsatz?"
Preziosi: "Wir haben einige Komponenten eingesetzt, die wir erstmals am Motorrad verbaut haben. Das war angesichts der weitreichenden Veränderungen notwendig."

Frage: "Jerry (Rossis Crewchief Burgess; Anm. d. Red.) und Valentino haben kürzlich anklingen lassen, dass sie gern ein Entwicklungsprojekt parallel zur GP11.1 sehen würden, das sich mit einem Aluminium-Rahmen befasst. Wird so etwas bei Ducati in Betracht gezogen?"
Preziosi: "Wir schauen uns verschiedene Lösungsmöglichkeiten an. Ich glaube nicht, dass das Material der Schlüsselfaktor ist. Entscheidend sind die Form und die Steifigkeit. Es gibt verschiedene Konzepte, die wir sondieren. Fest steht, dass wenn du etwas Neues bringst, dies jedesmal im direkten Vergleich mit der gegenwärtigen Lösung getestet werden muss. Das galt für uns schon immer. Als wir den modifizierten Rahmen gebracht haben, haben wir Valentino im Anschluss auch gefragt, ob er den alten oder den neuen bevorzugt."

Frage: "Gibt es in Bezug auf den Rahmen noch andere Optionen?"
Preziosi: "Wir haben einige verschiedene Optionen getestet und wichtige Erkenntnisse bezüglich der Steifigkeit des Motorrads gewonnen, aber nicht zwangsläufig in Bezug auf den Rahmen als solches."

Frage: "Schaut ihr euch beim Thema Gewichtsverteilung auch die Form des Motors an oder ist diese bereits in Stein gemeißelt?"
Preziosi: "Im Moment können wir die Gewichtsverteilung modifizieren, ohne den Motor verändern zu müssen. Wir befinden uns derzeit etwa in der Mitte des Veränderungsspielraums, das heißt, wir haben noch etwas Luft, ohne uns Gedanken über die Form des Motors machen zu müssen."

Reglement als Hindernis in puncto Motorenkonzept

Frage: "Werden für die weitere Entwicklung des Motors radikale Lösungen in Erwägung gezogen oder eher kleine Schritte wie bei den japanischen Herstellern?"
Preziosi: "Wir sind für alles offen. Wir werden das einsetzen, was besser ist. Wir haben uns damals für den MotoGP-Einstieg für einen Vierzylinder entschieden. Der Grund dafür war, dass wir uns anhand des Reglements mit dem Vierzylinder bessere Rundenzeiten als mit einem Zweizylinder ausgerechnet haben. Ich persönlich glaube, dass der Zweizylinder die beste Lösung ist, solange du nicht durch Regularien eingeschränkt bist."

"Die Leute, die die Regeln verfassen, wollen die Technologie und damit auch die Techniker vorantreiben. Das ist meiner Meinung nach das gleiche wie bei den Reifen. Die in der MotoGP-WM eingesetzten Reifen stellen die Techniker vor eine große Herausforderung, wenn es darum geht, die richtige Konstruktion zu finden."

"Es gibt noch einige andere Regeln wie zum Beispiel das Gewichtslimit. Auf dem Straßensektor gibt es diese Einschränkungen nicht. Baust du ein leichteres Motorrad, hast du einen Vorteil. Im Rennsport hingegen gibt es gewöhnlich ein Mindestgewicht. Du musst also bei den technischen Lösungen immer darauf schauen, was erlaubt ist."

Frage: "Angenommen, der Zweizylinder wäre in der MotoGP erlaubt. Inwiefern wäre dieses Konzept ein Vorteil?"
Preziosi: "Meiner Meinung nach hat der Zweizylinder eine sehr gute Fahrbarkeit. Entscheidend ist nicht allein der Unterschied in der Traktion aus der Kurve heraus, sondern das Verhältnis zwischen den beiden Konzepten in allen Bereichen. Ein Vierzylinder mit 1.000 Kubikzentimetern hat im Vergleich zum Zweizylinder mehr Drehmoment, das lässt sich mit Prüfstandtests bestätigen. Letztlich entscheiden die Regeln und die Anforderungen auf der Piste, welcher Motor der bessere ist."

Reifenmonopol als zusätzliche Herausforderung

Frage: "Inwiefern beeinflussen die Reifen die Entwicklung des Motorrads für 2012?"
Preziosi: "Grundsätzlich sind die MotoGP-Reifen von Bridgestone ein fantastisches Produkt. Sie sind dafür entwickelt, die unglaublichen Kräfte, die von diesen Motorrädern und diesen Fahrern - speziell am Vorderrad - ausgehen, auszuhalten. Darüber hinaus sind die Reifen für die Eigenheiten im Rennen ausgelegt. Mit diesen Reifen ist es möglich, die beste Performance in der Schlussphase des Rennens abzurufen. Zudem kann derselbe Reifen auf einer Vielzahl verschiedener Strecken bei unterschiedlichen Temperaturen eingesetzt werden. Diese Reifen stellen für mich die Spitze der Reifentechnologie dar."

"Die MotoGP-Reifen unterscheiden sich komplett von denen auf dem Straßensektor. Dort gibt es andere Anforderungen. In der MotoGP gibt es derzeit nur einen Reifenhersteller, weshalb wir das Motorrad an die Reifen anpassen müssen und nicht umgekehrt. Es liegt an uns, ein Bike zu bauen, das den Reifen erlaubt, ihre maximale Performance abzuliefern. Es kann also durchaus sein, dass eine bestimmte Gewichtsverteilung oder die Art, wie sich ein Motorrad bewegt, für die MotoGP-Reifen von Bridgestone perfekt passt, für andere Anwendungsfälle aber nicht geeignet ist."

"Wenn wir vom Unterschied bezüglich der Reifen zwischen diesem und nächstem Jahr sprechen, so wird die grundsätzliche Philosophie meiner Meinung nach beibehalten werden. Ich erwarte daher nur geringfügige Unterschiede."

Frage: "Würdet ihr bei Ducati gern mehr entwickeln als das derzeit der Fall ist?"
Preziosi: "Grundsätzlich ist es so, dass du nur über die Entwicklung neues Wissen für die Firma gewinnst. Angenommen, wir würden die Entwicklung einstellen, dann wäre Raum für Verbesserungen da. Eine Vielzahl der Ingenieure würde dann ihre Arbeit verlieren. Wir sind grundsätzlich für alles offen, aber natürlich auch eingeschränkt durch die Regeln."

Rossi und seine Rolle als Stoner-Nachfolger

Frage: "Valentino hat gesagt, dass die beim Test zum Einsatz gekommenen Teile eine Verbesserung in Bezug auf des Einlenkverhalten darstellen. Sind in dieser Richtung für die Zukunft weitere Entwicklungsschritte geplant?"
Preziosi: "Wir haben beim Test in Brünn einen kleinen Schritt vorwärts gemacht, aber keinen riesigen. Die Verbesserung reicht nach wie vor nicht aus. Das Hauptproblem ist immer noch das fehlende Vertrauen ins Vorderrad bei der Einfahrt in die Kurven. Wir konzentrieren uns daher auf die nächsten Schritte. Wir werden nicht nachlassen und haben bereits einige neue Teile in Produktion. Wir wissen allerdings noch nicht, ob wir diese Teile noch in diesem oder erst im nächsten Jahr einsetzen werden."

Frage: "Hat sich der Abgang von Casey Stoner für Ducati stärker ausgewirkt als erwartet?"
Preziosi: "Ich vermisse Casey als Mensch, denn wir haben jahrelang zusammengearbeitet. Inzwischen ist er unser Gegner und wir müssen alles in unserer Macht stehende tun, damit Valentino das tun kann, was er am besten kann, nämlich gewinnen."

Frage: "Vermisst du Casey auch als Fahrer im Team?"
Preziosi: "Casey ist ein sehr schneller Fahrer, aber wir haben jetzt einen neunfachen Weltmeister im Team. Auf dem Fahrersektor sind wir also gut aufgestellt."

Fotoquelle: Ducati

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