Am Montag hat Jonathan Rea erstmals die aktuelle Honda getestet

MotoGP 2012

— 28.08.2012

Rea: "Diesen Tag werde ich nie vergessen"

Jonathan Rea spulte beim Test in Brünn 61 Runden mit der Honda von Casey Stoner ab - Es gab viele Eindrücke zu verarbeiten und langsam steigerte sich der Brite

Am Montag in Brünn fand für Jonathan Rea der erste Tag der Wahrheit statt. Der Brite stieg erstmals auf die aktuelle Honda RC213V von Casey Stoner und spulte insgesamt 61 Runden ab. Am Vormittag fehlten Rea rund fünf Sekunden und über den Tag konnte er sich noch um zwei Sekunden steigern. Die Reifen waren für den regulären Superbike-Piloten die größte Herausforderung. In der kommenden Woche stehen noch zwei Testtage in Aragon auf dem Programm, bevor er den verletzten Stoner beim Grand Prix in Misano vertreten wird. Am Ende des Tages war Rea müde.

Es gab viele Eindrücke zu verarbeiten. Außerdem hatte er am Wochenende den Superbike-WM-Lauf in Russland bestritten. "Obwohl es ein Motorrad mit zwei Rädern ist, ist es komplett anders als mein Superbike. Der größte Unterschied sind für mich die Reifen", streicht Rea heraus. "Es ist sehr schwierig, denn die Konstruktion ist im Vergleich zu Pirelli sehr steif. Ich bin kontinuierlich schneller geworden. Am Ende ist mir die Zeit ausgegangen, denn am liebsten würde ich hier eine Woche sein, um immer besser und besser zu werden. Ich bin sehr glücklich, weil ich viel gelernt habe."

Spezielle Ziele hatte er sich für den Test nicht gesetzt. "Nein. Nach einem Wochenende Superbike war ich sehr müde. Ich bin ins Flugzeug gestiegen und habe mir gedacht, was mache ich da nur? Ich steige auf das beste Motorrad der Welt und bin schon jetzt müde. Ich habe mir keinen Druck gemacht. Natürlich gibt es Leute, die bereits Vergleiche anstellen. Mir hat es Spaß gemacht. Diese Motorräder sind komplett anders und ich muss viel lernen. Ich muss es langsam angehen", sieht es Rea realistisch.

"Das Team hat mir viel geholfen. Ich habe mir keinen Druck gemacht und auch keine schnellen Rundenzeiten erwartet. Ich wollte das Motorrad in Ruhe kennenlernen und keine Fehler machen. Ich verstehe jetzt besser, wie ich mich steigern muss." Die Mechaniker von Stoner kümmerten sich um Rea und halfen ihm in jedem Detail. Im Vergleich zu seinem Ten-Kate-Team in der Superbike-WM ist der Aufwand im MotoGP-Team größer.

"Es ist eine andere Aufstellung als bei mir in der Superbike. Es gibt zwei Leute für die Elektronik und einen für die Mappings und die Traktionskontrolle. Dann gibt es noch einen Data-Mann. Er war sehr gut für mich, weil er mir genau sagen konnte, was ich falsch mache. Er war der Lehrer und ich der Schüler am ersten Schultag. Es ist schön, wenn man so eine erfahrene Crew hat", lobt Rea und schildert die Arbeit: "Wir begannen mit der Basisabstimmung des Teams, so wie sie erwarteten, dass Casey das Wochenende starten würde."

"Dann ging es mehr in meine Richtung. Wir nahmen Änderungen bei den vorderen Federn und der Elektronik vor, damit es mehr zu meinem Stil passt. Wir könnten tagelang testen. Es gibt noch viel Arbeit, damit ich mich auf dem Motorrad wohlfühle." In der Superbike-WM hat Rea in Brünn schon Rennen gewonnen, aber mit dem MotoGP-Bike war diese Erkenntnis fast wertlos. So wie sich auch Rookie Stefan Bradl auf jeden Kurs neu einstellen muss, so war es auch für den Briten eine andere Herausforderung.

Erfahrungen aus der Superbike-WM wertlos

"Es ist mit dem MotoGP-Bike ein anderer Kurs. Die Bremspunkte und wie man in eine Kurve einbiegt, sind komplett anders. Ich bin schon in Brünn gefahren, aber nicht auf diese Art. Man darf nicht unterschätzen, wie schnell dieses Motorrad ist. Es sind die besten Fahrer und die besten Technologien der Welt. Es war einer der besten Tage meines Lebens."

"Wie ich aufgewachsen bin, habe ich mir die Grand-Prix-Rennen angesehen. Kevin Schwantz war mein Held. Meine gesamte Karriere bin ich ein Honda-Fahrer. Jetzt das beste Honda-Motorrad der Welt zu fahren, ist sein schönes Geschenk für mich. Ich werde diesen Tag für den Rest meines Lebens nie vergessen", schwärmt der 25-Jährige. Die Lernkurve war steil. Speziell an einen Umstand musste sich Rea gewöhnen. "Die Reifen sind der größte Unterschied, vor allem der Vorderreifen."

"Mit einem Superbike fährt man in Schräglage, lässt die Bremse los und fährt die Kurve. Aber mit diesem Reifen kann man bei 50 Grad Schräglage voll bremsen. Man denkt, man ist verrückt. Man kann es aber mit diesem Motorrad tun. Daran musste ich mich erst gewöhnen." Bereits bei den acht Stunden von Suzuka ist Rea mit Bridgestone-Reifen gefahren. Diesen Klassiker hat er übrigens gewonnen.

Auf Reifenseite konnte er aber nichts mitnehmen. "Es ist etwas anders, weil das Motorrad anders ist. Das acht Stunden Rennen ist Langstrecke. Dort wollte ich kein Held sein, sondern fuhr nur mit 80 Prozent. Es ging um eine gute Rundenzeit und nicht darum, ein Held zu sein. Wenn man mit diesem Motorrad mehr pusht, dann versteht man die Charakteristik der Bridgestone-Reifen besser. Es ist ganz anders und braucht Zeit, bis man es versteht."

Außerdem hat Rea bereits die 800er-Honda in Sepang getestet. Die damals gewonnenen Eindrücke halfen in Brünn aber kaum. "Ich testete die 800er. Damals war ich seit zwei Wochen wegen meinem verletzten Handgelenk außer Gefecht und ich konnte nicht viele Runden drehen. Das Gefühl ist ähnlich, aber der Reifen war in Malaysia schwieriger zu verstehen. Dieser Reifen ist sicherer und in den ersten Runden besser. Der Test ist aber schon zwei Jahre her und ich konnte mich kaum an das Gefühl erinnern."

Crutchlow hilft Rea

Im Fahrerlager wurde Reas Auftritt genau beobachtet, denn in der Superbike-WM ist er ein Topfahrer und kämpft gegen die Ex-MotoGP-Sieger Marco Melandri, Max Biaggi und Carlos Checa. Auf der Strecke traf Rea auf die übrigen Fahrer, wie Dani Pedrosa und Jorge Lorenzo. "Ich habe nichts gelernt, weil ich sie nicht lange genug gesehen habe", streicht er den Speed-Unterschied heraus.

"Ich sah Jorge für zwei Runden und glaube, dass ich ihn aufgehalten habe. Cal ist nach einem starken Stint noch für zwei Runden auf der Strecke geblieben und war so nett, mir um den Kurs zu helfen. Er drehte sich oft um, um zu checken, wie weit ich hinten lag. In den Superbike-Tagen war es nicht so. Wir waren beide oft vorne. Ich fühlte mich wie ein Amateur."

Die beiden Briten haben sich auch über die MotoGP unterhalten. "Ich habe ihm gesagt, wie schwierig es ist, den Vorderreifen zu verstehen. Er meinte, dass es auch bei ihm lange gedauert hat. Diese Jungs haben ein komplettes Rennwochenende bestritten und ihre Abstimmung passte. Es war schon eine große Aufgabe, überhaupt zu kommen und die Strecke mit ihnen zu teilen. Ich wollte heute kein Held sein, denn man bekommt für einen Sturz keine Punkte. Ich ging es Schritt für Schritt an und habe es genossen."

Crutchlow und Rea waren in der Superbike-WM Gegner auf Augenhöhe. Nach eineinhalb Jahren MotoGP weiß Crutchlow, wie schwierig die Königsklasse ist. "Ich habe mit ihm gesprochen. Für ihn wird es in den nächsten Rennen nicht einfach werden", schätzt der Tech-3-Pilot und vergleicht: "Ich habe ein Jahr gebraucht, um auf diesen Speed zu kommen. Alle erwarten, dass er das in zwei Rennen schafft. Es ist schwierig."

"Er kennt die Bridgestone-Reifen, weil er damit bei den acht Stunden von Suzuka gefahren ist. Außerdem ist er das Grand-Prix-Bike schon früher gefahren. Die Bremskräfte sind aber hart. Er weiß, dass er schnell fahren muss. Das wusste ich im Vorjahr auch, aber ich konnte es nicht tun. Man kann nicht erwarten, dass er es von Anfang an schafft. Er ist die richtige Wahl als Casey-Ersatz. Warum sollte man ihm nicht die Chance geben? Man muss ihm aber Zeit geben. Er kann jetzt noch ohne Druck zwei Tage lang in Aragon testen. Ich bin mir sicher, dass er den Speed finden wird."

Bradl & Bautista standen nicht zur Debatte

Honda musste kurzfristig einen Ersatz für den verletzten Stoner finden und hat sich für Rea entschieden. Bis der Weltmeister zurückkehren kann, wird der Brite auch die Rennen fahren. Geplant sind zunächst Misano und Aragon. "Es ist nie einfach einen Ersatz zu finden", wird HRC-Marketingdirektor Livio Suppo von 'GPOne.com' zitiert. "Die Liste ist kurz und wenn man noch die verschiedenen Verpflichtungen der Fahrer bedenkt. Er ist der Marke schon lange treu. Für ihn ist die MotoGP eine Art Belohnung."

Bradl und Alvaro Bautista standen nie zur Debatte, wie Suppo bestätigt: "Wir haben nie daran gedacht, einen Fahrer aus einem Satellitenteam zu nehmen. Ich glaube nicht, dass es für die Fahrer gut wäre, denn die Erwartungen wären zu groß und ihre Leistung könnte darunter leiden." Die Wahl fiel rasch auf Rea, denn einen Tag nach Stoners Bekanntgabe, wurde dem Briten die Möglichkeit mitgeteilt.

"Mein Manager hat es mir am Freitag gesagt. Dann bin ich mit dem Honda-Boss von Europa zusammengesessen. Es war eine große Entscheidung für mich, denn meine Priorität sind die Superbikes. Für jeden Fahrer ist es aber ein Traum, der wahr wird. Ich musste ja sagen. Der WM-Titel in der Superbike-WM ist mathematisch noch möglich, aber realistisch sieht es nicht so gut aus. Ich schätze, dass ich mich auf dieses Projekt konzentrieren kann."

Keine Erwartungen für Misano

"Ich habe noch keinen Rennvertrag unterschrieben, aber der Plan ist, dass ich Casey ersetze. Es wäre schön in Misano und Aragon zu fahren. Es wird eine stressige Zeit, aber ich bin jung und motiviert. Man muss so eine Gelegenheit ergreifen." Weil er buchstäblich ins kalte Wasser geworfen wurde, hat Rea auch keine Erwartungen für Misano. "Ich habe keine Erwartungen und will Spaß haben."

"Ich habe keine Ahnung, wie konkurrenzfähig ich sein kann, denn ich bin erst einen Tag mit diesem Motorrad gefahren. Man kann nicht mehr als eine Zielankunft erwarten", sieht er es realistisch. Die Strecke könnte mir eher liegen als Brünn, weil es mehr ein 'Stop-and-Go'-Kurs ist. In Brünn geht es darum, den Speed hochzuhalten. Damit hatte ich hier zu kämpfen. Ich glaube an meine Fähigkeiten. Wenn ich ein Gefühl für das Bike bekomme, dann kann ich sicher eine gute Arbeit leisten. Ich will ins Ziel kommen und wissen, dass ich mein Bestes gegeben haben. Wenn ich noch mehr Gefühl für das Motorrad finde, dann wäre ich stolz auf mich."

Es sind spannende Wochen, denn bei einer guten Performance könnte die MotoGP-Türe für die kommende Saison aufgehen. "Diese Möglichkeit wäre natürlich schön. Es gibt Optionen, aber wir müssen abwarten, was passiert." Ein CRT-Bike ist für Rea uninteressant. "Ich möchte ein konkurrenzfähiges Motorrad haben. In der Superbike-WM geht es konkurrenzfähig zu, weil es viele starke Hersteller und Fahrer gibt. Wenn ich in diese Meisterschaft kommen sollte, dann ist es wichtig, dass ich das richtige Paket und die richtige Crew um mich herum habe, damit ich mein Potenzial zeigen kann."

Unter dem Strich war der Test in Brünn eine steile Lernkurve, aber ein unvergessliches Erlebnis. "Ich bin glücklich und es war sehr aufregend. Der Tag ist sehr schnell vergangen, weil ich viel lernen muss. Die Mechaniker haben mir in der Früh das Motorrad erklärt, aber ich habe ihnen gesagt, dass sie aufhören sollen, weil es zu viele Informationen waren. Ich musste das Motorrad mit viel Respekt behandeln und fühle mich auch noch nicht zu 100 Prozent wohl, um zu pushen. Ich muss es Schritt für Schritt angehen." In Aragon geht das MotoGP-Abenteuer in der kommenden Woche mit zwei Testtagen weiter.

Fotoquelle: Repsol

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