MotoGP 2012

— 22.12.2012

Warum die MotoGP-Asse den Fuß von der Raste nehmen

Das Heraushalten des Beins gehört längst zum gewohnten MotoGP-Bild - Technikguru Guy Coulon und Ex-Rennfahrer Wilco Zeelenberg versuchen sich in Erklärungen



Es ist ein Phänomen, das vor Jahren im MotoGP-Zirkus Einzug hielt und inzwischen von nahezu allen Fahrern praktiziert wird. Die Rede ist vom Heraushalten des kurveninneren Beins in der Anbremsphase. Für das inzwischen als "Leg Wave" - also das "Winken mit dem Bein" - bekannte Phänomen, gibt es auch nach Jahren keine schlüssige Erklärung.

Tech-3-Yamaha-Crewchief Guy Coulon versucht sich in einer möglichen Theorie. "Das ist schwer zu beantworten. Wir glauben, dass der Schwerpunkt nach innen verlagert wird, wenn der Fahrer das Bein in diese Position bringt. Das Bike bleibt dadurch beim Bremsen länger stabil", so der Franzose gegenüber 'MotoMatters.com'.

Da der Fahrer in der Anbremsphase "in einer geraden Position auf dem Motorrad sitzen muss und beispielsweise die Schultern nicht bewegen kann", hat sich im Laufe der Jahre das "Waving" mit dem Bein eingebürgert, um die Maschine zu stabilisieren. Coulon zieht einen Vergleich: "Es ist in etwa so wie bei einem Seiltänzer, der seine Balancierstange verwendet, um die Balance auf dem Seil zu halten."

Es geht nicht um die Balance allein

Doch die vom Franzosen angesprochene Version ist längst nicht die einzige Theorie, denn auch die mentale Seite spielt eine Rolle. "Wie jeder andere, so habe auch ich beobachtet, wie sich mehr und mehr Fahrer diesen Stil angewöhnten", sagt der Tech-3-Crewchief und stellt erstaunt fest: "Sie selbst wissen aber gar nicht, warum sie das tun und merken es manchmal gar nicht, dass sie den Fuß von der Raste nehmen. Es fällt mir schwer, das zu erklären."

Valentino Rossi war vor Jahren der erste Fahrer, bei dem das "Waving" mit dem Bein zu sehen war. Bis heute ist der "Doktor" diesem Stil treu geblieben. In der Anfangszeit des Phänomens machten Spekulationen die Runde, dass Rossi allein aus der Tatsache, dass andere Fahrer seinen Stil kopierten, einen psychologischen Vorteil zog.

"Es ist ähnlich wie zu der Zeit, als die ersten Fahrer mit Knieschleifern ankamen. Ein Fahrer fing damit an und machte gute Erfahrungen", sagt Coulon. Der Knieschleifer ist gewissermaßen "ein zusätzlicher Sensor, um das Bike in Schräglage zu kontrollieren", erklärt der Technikguru aus dem Rennstall von Herve Poncharal und beobachtete, wie dieser Teil der Ausrüstung im Laufe der Jahre zum Standard wurde.

Direkter Vergleich der Fahrstile nahezu unmöglich

Währen sich die Beteiligten beim Nutzen des Knieschleifers einig sind, ranken sich um das "Leg Wave"-Phänomen nach wie vor Rätsel. Wie schon von Coulon angesprochen, wussten weder Rossi selbst noch die anderen Piloten genau, warum sie beim Herunterbremsen des Bikes den Fuß von der Raste nehmen.

Warum werden im Rahmen von Testfahrten keine gezielten Vergleiche angestellt, um anhand der Datenaufzeichnungen zu sehen, welchen Einfluss das Heraushalten des Beins auf die Rundenzeiten hat? "Es ist nicht so einfach, einen Fahrer dazu zu bringen, seinen Stil zu ändern, nur um die Daten zu vergleichen", winkt Coulon ab und unterstreicht: "Es sieht so aus, als würden sie diese Bewegung vornehmen, ohne darüber nachzudenken."

Einer der ganz wenigen Fahrer im aktuellen MotoGP-Feld, die das "Waving" nicht praktizieren, ist Weltmeister Jorge Lorenzo. Für Coulon kein Zufall. "Lorenzo ist auf der Bremse sehr stabil, denn er pflegt seinen ganz eigenen Stil. Er ist fährt generell sehr weich und rund", beschreibt der Franzose die Fahrweise des Mallorquiners, der sich den butterweichen "Mantequilla"-Stil zum Markenzeichen gemacht hat.

Jorge Lorenzo die Ausnahme

"Man sieht Lorenzo nie, wie er mit Gewalt in die Bremsen geht. Er kontrolliert alles sehr geschmeidig, lässt die Bremse früh und behutsam los und nimmt dadurch viel Geschwindigkeit durch die Kurve mit", schildert Coulon seine Beobachtungen des Yamaha-Werksfahrers. Beim Öffnen des Gasgriffs geht Lorenzo im Vergleich zu seinen Kollegen ebenfalls sehr behutsam zu Werke.

Wilco Zeelenberg, im Yamaha-Werksteam als Teammanager für den amtierenden Champion Lorenzo tätig, bestätigt die Eindrücke Coulons. "Er ist kein extremer Spätbremser", sagt der Niederländer über seinen Schützling und erklärt, warum das "Waving" seiner Meinung nach eher ein Nachteil ist: "Sobald du den Fuß von der Raste nimmst, beginnt das Bike zu 'wandern' und du musst nach Stabilität suchen."

Zeelenberg, in der Saison 1990 Sieger des Großen Preises von Deutschland der 250er-Klasse auf dem Nürburgring, praktizierte den für viele ungewöhnlich wirkenden Stil des "Leg Wave" nie und hält in Bezug auf Fahrer wie Casey Stoner, Dani Pedrosa, Cal Crutchlow oder eben Rossi fest: "Mir kommt es so vor, als würden diese Fahrer versuchen, das Bike zu stabilisieren, wenn das Vorderrad stark belastet wird."

Zeelenberg glaubt an Entspannung für den Körper

Genau wie Coulon ist Zeelenberg überzeugt, dass die Suche nach Balance auf der Bremse eine entscheidende Rolle spielt. "Niemand hält das rechte Bein heraus, wenn es in eine Linkskurve geht", sagt der Niederländer und stützt damit die Schwerpunkt-These des Franzosen.

Doch Zeelenberg, der es in seiner aktiven Karriere Ende der 1980er und Anfang der 1990er-Jahre auf knapp 100 Grand-Prix-Einsätze brachte, hat noch eine andere Theorie parat: "Wenn du spät bremst - und damit meine ich so richtig spät - dann geht dein Puls nach oben. Dann verkrampfst du auf dem Bike. Durch das Heraushalten des Beins wird der Körper wieder entspannt und du kannst das Motorrad in die Kurve zwingen."

Tatsächlich tritt das "Winken mit dem Bein" verstärkt dann auf, wenn der Fahrer von außen betrachtet seinen Bremspunkt eigentlich schon verpasst hat. "In dem Moment, wo der Fahrer das Gefühl hat 'Mist, es reicht nicht mehr', nimmt er den Fuß von der Raste. Es ist gewissermaßen eine Art, die mentale Sperre, die Kurve nicht zu kriegen, noch zu durchbrechen", glaubt Zeelenberg.

Eine wirklich schlüssige Erklärung für das Phänomen gibt es allerdings auch nach Jahren der Beobachtung nicht. Auch die Piloten selbst suchen nach Erklärungen. "Es fühlt sich einfach natürlich an", ist die häufigste Antwort in Fahrerkreisen, wenn sie mit der Frage nach dem Grund für ihren Stil konfrontiert werden.

Fotoquelle: Ducati



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