Angestrebte Chancengleichheit: Michelin möchte keinen Hersteller bevorzugen

MotoGP 2014

— 17.06.2014

Michelin will es besser machen als Bridgestone

Motorsport-Entwicklungschef Nicolas Goubert spricht im Exklusivinterview über geplante Testfahrten, das Reifenformat und den angestrebten Technologietransfer

Seit der Saison 2009 rüstet Bridgestone die MotoGP-Teams mit Einheitsreifen aus. Diese Ära endet nach der kommenden Saison. Ab 2016 wird Michelin der exklusive Reifenlieferant der MotoGP sein und nach sieben Jahren Abstinenz in die Königsklasse des Zweiradsports zurückkehren. Im Rahmen des Grand Prix von Katalonien traf sich Michelin-Entwicklungschef Nicolas Goubert mit den MotoGP-Verantwortlichen, um den Plan für die Zukunft zu konkretisieren.

"Ich war am Donnerstag in Barcelona, um mit den Verantwortlichen darüber zu sprechen, wie es weitergeht", berichtet Goubert. Die Vorbereitungen in Clermont-Ferrand laufen bereits auf Hochtouren. Doch momentan mangelt es an Erfahrungswerten. Michelin möchte basierend auf den vorhanden MotoGP-Daten und den jüngsten Erkenntnissen aus den nationalen Superbike-Serien passende Reifen entwickeln, die bald bei Tests zum Einsatz kommen.

"Die Werksteams haben ihre Testeinsätze mit den Testteams bereits geplant. Es gibt einen festen Testplan. Wir möchten diese Testtage nutzen, um uns einen Überblick zu verschaffen, in welche Richtung wir gehen sollen. Seit der Saison 2008 ist viel Zeit vergangen. Die Motorräder haben sich stark verändert und sind zu 1.000 Kubikzentimetern zurückgekehrt", analysiert Goubert im Exklusivinterview mit 'Motorsport-Total.com'. "Dadurch haben sie sehr viel Leistung. Wir wissen momentan noch nicht genau, in welche Richtung wir entwickeln müssen. Das müssen wir noch in diesem Jahr herausfinden."

Michelin möchte einen Universalreifen entwickeln

Wichtig ist, dass die Reifen mit jedem Motorrad harmonieren. Die Honda RC213V, die Yamaha M1, die Ducati Desmosedici und die Suzuki XRH-1 unterscheiden sich durch Motorbauform und Philosophie deutlich voneinander. Wie gravierend sich eine minimale Änderung auswirkt, wurde im Testwinter deutlich, als Bridgestone härtere Konstruktionen lieferte und die Yamaha-Piloten von da an große Schwierigkeiten hatten, ihre gewohnt hohen Kurvengeschwindigkeiten zu fahren.

"Wir müssen aufpassen, dass wir nicht einen bestimmten Weg eines Herstellers folgen. Deswegen müssen wir die Tests mit allen vier Herstellern machen - einschließlich Suzuki. Für die kommende Saison müssen wir mit den Verantwortlichen klären, wie wir mit den offiziellen Stammpiloten Erfahrungen sammeln können. Wir müssen aufpassen, dass wir die laufende Meisterschaft nicht zu sehr stören", warnt Goubert.

Den Kauf einer MotoGP-Maschine zu Testzwecken lehnt der Michelin-Verantwortliche strikt ab: "Es würde sich die Frage stellen, welches Motorrad man auswählt. Wir möchten uns nicht auf einen Hersteller festlegen, weil dann alle anderen Hersteller verärgert wären. Deswegen kommt das nicht in Frage", stellt Goubert klar. "Die Testtage an den Montagen bieten sich an. Hauptsächlich werden wir mit den Testpiloten Erfahrungen sammeln. Doch wir wünschen uns auch Tests mit den Stammpiloten."

Fortlaufende Entwicklung auch nach dem MotoGP-Ausstieg

"Wir haben auch ein eigenes Testteam. Wir haben nie aufgehört, die Entwicklung von Motorradreifen voranzutreiben. Wir wünschen uns, dass dieses Team an den Montagen Erfahrungen sammeln kann", schildert Goubert, der die MotoGP nutzen möchte, um Technologien für die Serienproduktion voranzutreiben. Einen Weg, wie ihn Pirelli in der Formel 1 eingeschlagen hat, lehnt der Michelin-Entwicklungschef ab und hält fest, dass die Entwicklung wichtiger ist als die Show.

"Wir unterscheiden uns von Pirelli. Es ist wichtig, dass wir wieder in einer Spitzenkategorie vertreten sind. Dadurch kann man auf die besten Fahrer zurückgreifen. Es ist eine sehr gute Plattform, um Technologien zu entwickeln", erklärt er und bestätigt, dass die MotoGP ab der Saison 2016 nicht mehr auf das 16,5-Zoll-Format setzt und der Superbike-WM folgt, die vor eineinhalb Jahren zum 17-Zoll-Format wechselte.

"Wichtig ist, dass wir zu 17 Zoll wechseln", betont Goubert. "Das ist das Format, das alle Straßenmotorräder verwenden. Der Technologietransfer wird dadurch beschleunigt. In der Vergangenheit gab es bereits einen Technologietransfer aus der 500er-WM zur Serienproduktion. Die Einführung des Radialreifens Anfang der 1980er war das Paradebeispiel. Mit Freddie Spencer und Randy Mamola entwickelten wir die Reifen und brachten sie zwei Jahre später in die Serie."

Michelin möchte sich keine Fehler erlauben

Und auch die Entwicklung eines Hinterreifens mit unterschiedlichen Mischungen basierte auf Erfahrungen, die Michelin in der MotoGP sammelte. Bei den an den Rennwochenenden angeboten Reifenmischungen soll sich nicht allzu viel ändern. Michelin möchte sich an Bridgestones Angebot orientieren: "Im Vergleich zur jetzigen Situation wird sich nichts ändern. Es wird zwei Hinterreifen-Mischungen und eine weitere Option geben. Wir werden uns von Strecke zu Strecke neu anpassen müssen. Bridgestone war ja einige Jahre dabei."

"Einige Male hatten sie Schwierigkeiten. Das möchten wir verhindern", bemerkt Goubert, der sich keine Patzer erlauben möchte: "Wir möchten sicherstellen, dass wir für alle Bedingungen gerüstet sind. Das heißt nicht, dass wir jedes Mal grundlegende Änderungen vornehmen. Das möchte auch niemand. Wenn man das macht, verlieren die Leute die Übersicht. Es soll einfach nachvollziehbar sein für die Teams."

Die extremen Schräglagen, die durch die speziellen Bridgestone-Reifen möglich wurden, könnten ab 2016 der Vergangenheit angehören. "Sie stellen sehr gute Produkte her, die wir respektieren. Beim Vorderreifen wird es nicht darum gehen, maximale Schräglagen zu erreichen", unterstreicht Goubert. "Der Vorteil der Bridgestone-Reifen sind die hohen Schräglagen. Soweit ich mich erinnern kann, hatten unsere Reifen am Kurveneingang eine sehr gute Performance. Wir arbeiteten ununterbrochen daran, auch nachdem wir uns aus der MotoGP zurückzogen."

"Ich weiß nicht, wo wir uns momentan befinden und wie unsere Reifen mit einer MotoGP-Maschine harmonieren. Das finden wir heraus, wenn wir mit den Testfahrern auf die Strecke gehen. Dann werden wir sehen, wo wir zurückliegen und wo wir vielleicht sogar besser sind. Das Ziel ist, eine ähnliche Performance zu erreichen. Natürlich möchten wir uns dann mit den Jahren steigern", berichtet der Michelin-Entwicklungschef.

Erkenntnisse aus den nationalen Superbike-Serien

Das Michelin-Testteam besteht aus einer Vielzahl von Piloten. Dass die Testfahrer nicht das Niveau der MotoGP-Stammpiloten erreichen, ist laut Goubert kein großes Problem. "Wir setzen auf verschiedene Fahrer. Aber keiner der Fahrer erreicht das Niveau eines MotoGP-Piloten. Man muss nicht immer die letzte Sekunde finden. Es geht oft um Vergleiche. Dafür benötigt man nicht Motorräder mit den jüngsten Entwicklungen oder die schnellsten Fahrer", analysiert er.

"Unsere Ausgangsbasis ist das, was wir in der Vergangenheit in der MotoGP hatten. Diese Erfahrungen mischen wir mit den jüngsten Erkenntnissen aus der CIV (Italienische Meisterschaft) und CEV (Spanische Meisterschaft). Wenn man sich die Rundenzeiten anschaut, die beim Rennen in Aragon gefahren wurden, dann erkennt man, dass der Sieger immerhin Platz 14 im MotoGP-Rennen belegt hätte. In dieser Serie verwenden wir 17-Zoll-Reifen. Ich denke, man kann das als Ausgangsbasis verwenden", schildert Goubert.

Neben dem Wechsel zum 17-Zoll-Format dürfen sich die Fahrer auch auf neue Intermediate-Reifen freuen. "Es ist noch zu zeitig, um etwas zu sagen, doch die Dorna hat sich einen Intermediate-Reifen gewünscht. Momentan gibt es solch einen Reifen noch nicht. Das führte zu Problemen. Wir werden also einen Intermediate-Reifen liefern", bestätigt Goubert, der noch keine Details verkünden kann

Fotoquelle: Yamaha Motor Racing Srl

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