Motorrad-Weltmeister Valentino Rossi

Echt Bock auf Schumis Erbe Echt Bock auf Schumis Erbe

Motorrad-Weltmeister Valentino Rossi

— 07.09.2005

Echt Bock auf Schumis Erbe

Er ist der bunteste Vogel des Motorsports und der schnellste Mann auf zwei Rädern. In dieser Saison steht er vor dem Gewinn seines siebten WM-Titels. Und er will noch mehr.

Testfahrt mit Schumis Tarnkappe

Von Wolfgang Golz Unweit der privaten Teststrecke von Ferrari in Fiorano verläuft eine Landstraße, über die eine Brücke führt. Und wenn an der Piste die Rennmotoren angelassen werden, sammeln sich die Ferraristi auf dem Bauwerk. Denn von dort oben können sie fast das gesamte Gelände überblicken. Als Anfang August ein roter Renner seine Runden drehte, hatten sie schnell heraus, wer ihn steuerte: Valentino Rossi. Obwohl er zur Tarnung Michael Schumachers Helm trug.

Und ihre handgestoppten Rundenzeiten signalisierten den Fans: Ganz schön schnell, der Valentino, obwohl er Motorradfahrer ist. Und in Italien wächst die Hoffnung, daß der heimische sechsmalige Weltmeister auf zwei Rädern zum Retter für Ferrari wird. Mehr noch: Chefpromoter Bernie Ecclestone glaubt, daß Rossi das Frischblut sein wird, das die Formel 1 so dringend braucht: jung, frech, volksnah und voller Emotionen.

Denn Ecclestone nervt sein eigener Rennzirkus. So giftet er gegen Schumi, den er als langweiligsten Weltmeister seit langen Zeiten verspottet. Über die anderen Fahrer lästert er: "Sie sind alle gleich angezogen und haben Todesangst, etwas zu sagen, was ihre Teamchefs ärgern könnte."

Nur Zehntel langsamer als Schumi?

Die heutigen Fahrer sind fraglos auf brav geklont. Die Benimm-Designer haben ganze Arbeit geleistet. Kein James Hunt mehr da, der Weiberheld. Kein Pilot wie einst Nikolaus Lauda mit seiner kessen Lippe. Die F1 ist ein Weltunternehmen, in dem keiner den Mund mehr aufkriegt. Bis auf: "Das Team hat einen guten Job gemacht." Da wäre Valentino Rossi der Richtige. Er ist wie ein großes Kind, das sich die Rennstrecke zur Bühne macht.

Und dort ist er sein eigener Drehbuchschreiber, Regisseur und Hauptdarsteller. Seine Scherze sprechen eine globale Sprache, sie müssen nicht übersetzt werden. Er fährt mit der Nummer 46 wie einst der Papa, ehrt so den Rossi senior. Italiens Gazetten berichten längst ausführlicher über Rossi als über die Roten aus Maranello. Rossi zieht die Jungen an. Ist er deshalb die Zukunft der Formel 1? Daß Ferrari die Zeiten seiner 129 Testrunden Anfang August verschweigt (Rossi: "Ferrari möchte nicht, daß ich sie nenne."), erscheint suspekt.

Mal heißt es, er sei zwei Sekunden langsamer als Schumis Rekord – das wäre nicht sehr ermutigend für Rossi. Dann dringt durch, er sei nur vier Zehntelsekunden langsamer als Schumi gewesen – das könnte den Weltmeister in schwieriger Zeit beschädigen. Vater Graziano Rossi, selbst dreifacher GP-Sieger mit dem Motorrad, sagt nur soviel: "Valentino hat gezeigt, wie man das Auto fahren muß."

"Es wäre der richtige Zeitpunkt."

Die Ingenieure ließen den Zweirad-Superstar nicht einfach zwei Tage im Kreis fahren. Sie loteten Signor Rossis Gespür für vier Räder aus. Um zu verläßlichen Daten zu kommen, änderten sie mehrmals das Set-up und ließen Rossi berichten, was ihm aufgefallen sei. Der sagte dazu keck wie immer: "Ich habe ziemlich oft richtig geraten."

Fakt ist: Beide, Schumacher wie Rossi, haben noch einen Vertrag bis Ende 2006. Und Rossis Credo lautet: "Wenn es mir langweilig wird, mache ich etwas anderes." Nachdem er mit der überlegenen Honda die GP-Weltmeisterschaft gewonnen hatte, wechselte er zu Yamaha, damals vergleichbar mit Minardi in der Formel 1. Er wurde sofort wieder Weltmeister. Und dieses Jahr auch.

Und Vater Graziano Rossi sagt: "Es wäre der richtige Zeitpunkt. Danach ist es vielleicht schon zu spät." Ferraris Teamchef Jean Todt assistiert: "Ob Valentino Formel 1 fahren will oder nicht, liegt nur noch an ihm." Der Betroffene selbst gibt sich nebulös: "Alles kann schneller gehen, als man denkt." Das seriöse, liberale Blatt "Repubblica" berichtet jetzt, Rossi werde kommende Saison ein komplettes Testprogramm bei Ferrari absolvieren. Dafür trainiere er bereits seine Nackenmuskulatur. Es sei schon ein Vorvertrag über drei Jahre unterzeichnet. Rossis Gage: 33 Millionen Dollar pro Jahr. Derzeit wird er auf zehn Millionen Euro geschätzt.

Mit Hahnenkamm und Damensitz ins Ziel

Doch Testzeiten hin, Testzeiten her – Rossi ist erst im Rennen richtig stark. Da teilt er bei Tempo 200 mal einen Ellenbogen-Check aus. Da treibt er den Teamkollegen in der letzten Kurve vor dem Ziel schon mal in den Dreck, um zu siegen. Er ist ein Raubtier auf dem Motorrad. Er fährt nicht weit und langweilig vorweg, er bleibt hinter seiner Beute, belauert sie, beißt mal kurz in die Flanke. Wenn sie keine Kraft mehr hat, erst dann packt er zu.

So was sucht Bernie Ecclestone. Für einen wie Rossi rollt er selbst den roten Teppich aus. In seiner Wertschätzung ist sich Ecclestone sogar einig mit Rekord-Weltmeister Michael Schumacher. Der sagt: "Valentino ist ein reines Phänomen." Da zählen dann warnende Stimmen nicht, selbst wenn die von einem Mutigen wie Niki Lauda kommen: "Das einzige was hinter Rossi steckt, ist ein großes Risiko." Die Formel 1 baut neue Autos, schafft sich neue Regeln – nun fehlen nur noch die neuen Männer. Valentino Rossi zum Beispiel. Seine Auftritte nach Siegen sind legendär. Mal fuhr er die Ehrenrunde mit einer Hahnenkamm-Mütze. Er wolle damit für eine kleine Hähnchenbraterei Werbung machen, erzählte er lächelnd. Die Grillstation gab es in Wirklichkeit nicht.

Er verkleidete sich als Superman, er fuhr mit einer aufblasbaren Claudia-Schiffer-Puppe seine Runde. Er offenbart auch Mut zur Häßlichkeit. So zeigte er in die TV-Kameras ein völlig verunstaltetes Gebiß. Als die Fans entsetzt aufjaulten, ließ er die Gummizähne aus dem Mund fallen und bleckte die weißen Zähne. Seine Haare läßt er sich mal rot, blond, blau oder gescheckt einfärben. Früher lief er naiv und endlos palavernd durch die Gegend. Heute sind seine Auftritte genau geplant, denn hinter ihm steht eine perfekte Organisation von Beratern. Doch Rossis Selbstdarstellungs-Klasse zeigt sich darin, daß keine seiner Aktionen aufgesetzt wirkt. Selbst nicht, als der Italiener mal im Damensitz die Ziellinie überfuhr. Denn das ist Rossis kleiner Psychokrieg, um die Konkurrenten zu demütigen: Bei ihm geht alles leicht, wo sich andere quälen müssen.

Macho, Lästermaul, Ehrendoktor

So was wünscht sich Ecclestone. Weil Rossi beim Durchblättern des Telefonbuchs seiner Heimatstadt feststellte, daß fast alle Rossis aus Tavullia einen Doktortitel tragen, verlieh er sich selbst den Zusatz "Il Dottore". Mittlerweile ist er offiziell Doktor honoris causa, also ehrenhalber. Ausgezeichnet von der Universität Urbino für Vorbildfunktion im Sport und in der Vermarktung.

Rossi bleibt auch weiter für kesse Sprüche gut. Über seinen Rivalen Max Biaggi lästerte er: "Der fährt nur Rennen, damit er bei der Miß-Italien-Wahl in der Jury sitzen darf." King Rossi kann auch wie ein Macho über Frauen plaudern. Beispiel: "In Italien sagt man, Frauen und Motorräder hätten vieles gemeinsam. Du mußt dein Motorrad genauso umsorgen wie eine Frau. Aber zu Frauen muß man manchmal etwas rauher sein. Bei meinem Motorrad darf ich das nicht. Es ist intelligenter und bestraft mich."

So sehr er Michael Schumacher auch bewundert, tauschen wollte er nicht mit ihm. Rossi: "Er ist verheiratet, hat Kinder. Er ist irgendwie schon fast durch mit seinem Leben. Ich will es noch etwas genießen." Vater Rolf Schumacher kennt seinen ältesten Sohn nur zu gut: "Michael hat aus dem traurigen Beispiel Ayrton Senna gelernt..." Und Schumi selbst hat immer gesagt: "Wenn eines Tages einer kommt, der schneller ist als ich, dann höre ich sofort auf." Rossi könnte derjenige sein.

Valentino Rossi: Zur Person

Karriere: Valentino Rossis Erfolge sind so außergewöhnlich wie er selbst. 1992 beginnt der Sohn von Motorrad-Rennfahrer Graziano Rossi seine Laufbahn im Alter von 13 Jahren in der Minibike-Klasse und wird noch im selben Jahr italienischer Mini-Moto-Meister. 1993 wechselt er in die 125-cm3-Meisterschaft der Sport-Production-Klasse und wird auch dort ein Jahr später italienischer Meister. 1996 gibt Rossi sein Debüt in der WM-Grand- Prix-Serie und wird schon 1997 Champion in der 125-cm3- Klasse.

1998 steigt er in die 250-cm3-Klasse auf und avanciert 1999 auch dort zum jüngsten Weltmeister aller Zeiten. 2000 dann der Wechsel zu den 500ern, der Vorgängerklasse der heutigen MotoGP (1000 cm3). Nach einem Jahr holt Rossi 2001 auch dort den Titel und krönt sich zum jüngsten Titelträger aller Klassen. 2002 und 2003 verteidigt er seinen Titel auf Honda und wechselt 2004 zum bis dahin unterlegenen Yamaha-Team. Dennoch holt er sich mit waghalsigen Überholmanövern den Titel erneut. Insgesamt gewann Rossi 76 Rennen, ist derzeit wieder WM-Spitzenreiter.

Geboren: 16. Februar 1979 • Geburtsort: Urbino (Italien) • Wohnort: London (England) • Nationalität: Italiener • Familienstand: ledig • Erlernter Beruf: Motorradrennfahrer • Hobbys: Rallye fahren, Ski laufen

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