Motorrad-WM 2007

Motorrad-WM 2007

— 31.10.2007

Zweiradkönig Rocky Balboa

Zur Feier seiner Titelgewinne verkleidet sich Jorge Lorenzo schon mal als Popsänger oder als römischer Legionär. Diesmal erschien er als Filmheld Rocky Balboa auf dem Podest – mit Gürtel, Umhang und goldenen Boxhandschuhen.

Jorge Lorenzo ist bereits zum zweiten Mal Motorrad-Weltmeister in der 250-Kubikzentimeter-Klasse. Bereits vor dem Saisonfinale am Wochenende in Valencia steht der 20-Jährige Aprilia-Pilot als Erster der Gesamtwertung fest – vor seinen Erzrivalen Andrea Dovizioso auf Honda, den er schon 2006 bezwungen hatte. In seiner Heimat Mallorca ist er nun neben dem Tennisstar Rafael Nadal aus Manacor ein Nationalheld. Seinen zweiten Weltmeistertitel in Folge feierte die Balearen-Regierung als großes Volksfest. Ein Motorradkorso geleitete den Star vom Flughafen durch Palma. Souverän ließ Lorenzo nach dem Rennen verlauten: "Wenn man älter ist, genießt man die Siege viel mehr." Zwar habe jeder Rennfahrer "ein wenig Angst", aber diesmal "ging es ganz einfach". Der "Junge mit dem Lolli", als der Lorenzo wegen seines Sponsors, des katalanischen Lutscher-Herstellers Cupachups, bekannt wurde, reift nun auch sportlich. In der kommenden Saison tritt er mit Yamaha in der Königsklasse Moto-GP mit Motoren bis 800 Kubikzentimetern Hubraum an. "Ich habe die Yamaha schon ausprobiert", frohlockte Lorenzo nach dem Sieg. "Sie war nicht schwer zu fahren, aber es kommt sehr auf die Reifen an." Bei seinem bisherigen Team gab es Abschiedstränen: "Es tut weh, das Team zu verlassen", sagte Lorenzo. "Das war eine prägende Zeit für mich."

Motorrad-Weltmeister Jorge Lorenzo hat es mit Filmhelden: 2006 war es der "Gladiator".

Mit Aprilia ist Lorenzo zwar berühmt geworden, die Erfolgsstory des Talents begann allerdings schon viel früher. Der Sinn für die Zweiräder wurde ihm, heißt es, noch im Mutterleib mitgegeben. Die Eltern lernten sich als Vespa-Kuriere in Palma kennen, Mutter Maria fuhr noch schwanger auf Botendienste. Wenig später machte Vater Chicho, selbst Motorradfan, eine Werkstatt auf, in der sich das Kleinkind, geboren am 4. Mai 1987, auf dem Sattel angeblich am wohlsten fühlte. Sein Vater montierte für den Dreijährigen ein erstes Mini-Gefährt, auf dem er auf einem Testgelände die ersten kleinen Rennen fuhr. Mit sechs Jahren räumte Lorenzo bereits alle Titel seiner Altersklasse ab. Im Alter von zehn Jahren war er mit acht Titeln auf der Insel ein Champion. In Jerez wurde Lorenzo von seinem späteren Trainer Dani Amatriain entdeckt. "Er war noch so klein, aber er fuhr wie ein Profi", erinnert sich Amatriain. Als Rennfahrer, der es selbst nicht zu den großen Titeln gebracht hatte, wollte Amatriain ihn "fördern, damit er sich nur um das Fahren und nicht um Sponsoren zu kümmern brauchte".

Internationaler Start nur mit Sondergenehmigung

Mit elf Jahren gewann Lorenzo in der 50-Kubikzentimeter-Klasse fünf von sechs Rennen, ein Jahr später wurde er Meister in der 125-Kubikzentimeter-Klasse. Mit 14 durfte er mit einer Sondergenehmigung auf europäischer Ebene antreten, mit 15 Jahren wurde er der jüngste Fahrer der Geschichte, der in der Weltmeisterschaft punktete. 2003, mit 16 Jahren, fuhr er in Brasilien seinen ersten internationalen Sieg ein, mit 18 wechselte er zu den 250er-Maschinen – und erhielt endlich den Führerschein. Die Karriere verlief aber nicht reibungslos. Nach der Trennung der Eltern kam es auch zum Streit zwischen Amatriain und seinem Vater. Nachdem der Trainer 2006 den von Vater Chicho eingesetzten Psychologen des Rennfahrers gefeuert hatte, warf ihm der Vater Ausbeutung und Selbstbereicherung vor. Jorge Lorenzo werde ausgepresst und unverantwortlich unter Druck gesetzt, so der Vorwurf. Amatriain reichte Verleumdungsklage ein, Jorge Lorenzo gab im Juni 2006 öffentlich die berufliche Trennung von seinem Vater bekannt. Seine Leistungen litten nicht. Nun orientiert sich Lorenzo an Filmidolen. "Rocky Balboa steht für den Willen, sich selbst zu übertreffen", sagt Lorenzo, "auch wenn man weiß, dass man schon der Beste ist."

Autor: Nikolaus Nowak

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