Mythos Maybach

Mythos Maybach

— 08.04.2002

Ein Blick ins Paradies

Lang ist es her, dass ein Auto den Namen Maybach tragen durfte: 61 Jahre. Wie haben das die Schnen und Reichen dieser Welt blo ausgehalten? Jetzt kommt der Neue.

Ein Leben mit Maybach-Motoren

Strahlender Sonnenschein, 20 Grad ein Frhlingstag am Bodensee. Vor uns, auf der Friedrichshafener Seepromenade, steht das wohl prunkvollste Stck Auto-Geschichte. Nein, kein Rolls-Royce, Bentley oder Mercedes, sondern ein Maybach Zeppelin DS8. Mercedes und Maybach - das ist eine Geschichte voller Gemeinsamkeiten, aber auch stndiger Zwistigkeiten.

"Wenn wir bei Maybach den Namen Mercedes hrten, hatten viele den Stern allerdings in Rot vor Augen." Der ltere Herr neben mir mit dem Maybach-Emblem im Knopfloch heit Gustav Burr und wei, wovon er redet, wenn er ber das "enge" Verhltnis zwischen Daimler-Benz und Maybach spricht. "Die bei Daimler hielten nichts von uns und wir nichts von ihnen. Die konnten keine gescheiten Motoren bauen und wir in ihren Augen auch nicht." Aha.

"Wenn Sie ber Maybach schreiben, dann mssen Sie mit Herrn Burr reden", wurde mir von vielen Seiten geraten. Wie dankbar bin ich jetzt fr diesen Tipp. Seit den sechziger Jahren beschftigt sich der mittlerweile 81-Jhrige mit der Firmen-Historie, ist ein wahrer Experte und sprht vor schwbischem Witz. Wer ihn auf sein Leben mit Maybach anspricht, tritt eine Lawine an Geschichten und Anekdoten los. Mit einem Funkeln in den Augen berichtet Gustav Burr ber die Ereignisse bei Maybach Motorenbau, als wre alles erst gestern gewesen. Seine Erzhlungen werden zu einer Zeitreise.

Maybach, das ist sein Leben. Und nicht nur seins. Maybach-Motoren bestimmten fast ein Jahrhundert das Leben der Familie Burr. Der Vater arbeitete zuerst bei Zeppelin und wechselte 1910 als siebter Mitarbeiter zu Maybach. Sohn Gustav, 1921 geboren, startete seine Maybach-Karriere 1936 und blieb bis 2001.

Friedrichshafen, die Wiege des Luxus

Nun, 61 Jahre nach Fertigstellung des letzten Maybach, schickt sich DaimlerChrysler an, den Markt der Premium-Automobile zurckzuerobern. Mittlerweile haben die groen Automobilkonzerne ihre Leidenschaft fr sndhaft teure Luxuswagen entdeckt. Ein Grund, weshalb man sich in den DaimlerChrysler-Vorstandsetagen pltzlich wieder an die kleine, aber feine Marke aus Friedrichshafen erinnerte. DaimlerChrysler schpft damit im Rennen um Marktanteile im Luxussegment sozusagen aus dem reichen Fundus eigener Firmengeschichte.

Und der alte Streit zwischen den "Big M" wird um ein weiteres Kapitel erweitert. Der neue Maybach wird natrlich nicht in Friedrichshafen gefertigt. In Sindelfingen steht die Wiege des derzeit luxurisesten Fahrzeuges der Welt. Doch das ist nicht die einzige Neuerung. Das Firmenzeichen des "Maybach-Motorenbau", das doppelte M im Bogendreieck, wurde bernommen und steht heute fr "Maybach-Manufaktur".

Zurck in der Jetztzeit: Passanten auf der Promenade teilen mein Interesse am historischen Fahrzeug und erschweren unserem Fotografen die Arbeit. Immer wieder wird der Zeppelin regelrecht belagert, das Gesprch mit Gustav Burr von Leuten unterbrochen, die ihn erkennen, "des isch doch a Maybach?" fragen, und etwas ber die Geschichte des Wagens wissen wollen.

So habe ich Zeit, die barocken Formen des DS8 zu bewundern. Chrom blitzt in der Nachmittagssonne, und die noch ursprngliche Zweifarbenlackierung strahlt wie eh und je. Ich schnappe nebenbei die technischen Daten der Limousine auf und warte, ob sich einer der Bewunderer zu uerungen wie "Das waren noch Autos" oder "Das waren noch Zeiten" hinreien lsst. Die Stze werden gesprochen, und ich bin wieder in der Maybach-Historie.

3,5 Tonnen, 200 PS und Lastwagenreifen

Der Zeppelin ist ein echtes Dickschiff (entschuldigen Sie, Herr Maybach). Mit einem Gewicht von 3,5 Tonnen und 5,51 Meter Lnge ist er ein Relikt aus Zeiten, als kein Mensch nach knubbeligen Kleinwagen fragte. Wer etwas auf sich hielt, fuhr einen Zeppelin. Der 200 PS starke und 180 km/h schnelle Luxuswagen ist auf riesigen indischen Lastwagenreifen in 20 Zoll unterwegs. Es war zu seiner Zeit (Baujahr des Chassis 1938, die Karosse fertigte Firma Spohn aus Ravensburg 1939) das wohl exklusivste und reprsentativste Automobil, dass man fr Geld kaufen konnte.

Mit dem brigen Durchzug seines Zwlfzylinders, mit acht Liter Hubraum und einem Verbrauch von knapp 30 Litern bei forcierter Gangart beeindruckt er noch heute. In Sachen Alltagstauglichkeit mssen heutige Besitzer Kompromisse eingehen. Bei 28 Meter Wendekreis und fehlender Servountersttzung wird das Einparken zum Abenteuer. Das schreckte damals aber niemanden. Denn wer fuhr Maybach? Eigentlich die gleiche Zielgruppe, die DaimlerChrysler auch heute im Auge hat: die Elite aus Politik, Wirtschaft, Sport und Unterhaltung.

"Wir haben frher dokumentiert", so Burr, "welcher Wagen wann und wie ausgeliefert wurde. Nur an wen nicht." Bekannt ist, da Box-Legende Max Schmeling einen Maybach fuhr." Auf sptere Anfragen hat er geantwortet, er wisse wohl, dass er mal einen Maybach besessen habe. Welchen Typ oder was aus dem Wagen geworden ist, darber konnte Schmeling nichts sagen." Eigentlich eine Schande, einen Maybach zu verlieren". Nicht nur wegen des astronomischen Gegenwerts von drei Einfamilienhusern. Den Wert des Zeppelin aus dem Friedrichshafener Museum schtzte das Auktionshaus Christie's auf 750.000 Euro. Damit ist er deutlich teurer als "der Neue".

Luxus-Neuauflage von Mercedes

Als Gustav Burr vor ein paar Jahren den Prototypen mit einem Stern sah, lief es dem Maybach-Veteranen kalt ber den Rcken. "Nach der bernahme durch Daimler-Benz lieen die doch kein gutes Haar an Maybach." Nach Ansicht der "Maybchler" wrdigen Technikhistoriker den Anteil Wilhelm Maybachs an der Entwicklung des ersten Mercedes-Personenwagens nur ungengend. Ein Maybach mit Stern wre daher ein Schlag ins Gesicht eines jeden Maybchlers.

Die Definition von Gustav Burr fr "Maybchler" ist einfach: "Entweder man besitzt einen Maybach, arbeitete bei Maybach oder ist selbst ein Maybach". In der Frhlingssonne zeigt sich Gustav Burr vershnlich. Der Neuauflage sieht er optimistisch entgegen. "Ist doch ein sehr schner Wagen," sagt er nach einem Blick auf das Maybach-Bild aus Genf. Strt es ihn, dass man jetzt in Sindelfingen werkelt? "Wissen Sie, Maybach hat nie ein komplettes Fahrzeug gebaut. Immer nur das Chassis."

Aus der Vergangenheit wei er: Die Aufbauten lieferten angesehene Karosseriebauer wie Spohn in Ravensburg, Glser in Dresden, Erdmann & Rossi in Berlin oder Drr & Schreck in Frankfurt. Da lsst sich Sindelfingen verschmerzen. Die Inneneinrichtung wegen der Fahrzeugmae ist die Bezeichnung zu vertreten - wurde nach Kundenwunsch gefertigt. Selbst die Ausfhrung der Karosserie bestimmte der Kufer. "Wichtig war den Herrschaften damals, dass man den Fond mit aufgesetztem Zylinder besteigen konnte." Vorn waren Platz und Komfort schon bescheidener. Luft der Motor, strmt augenblicklich eine extreme Wrme in die enge Fahrerkabine.

Holz und Samt in der Maybach-Stube

Gustav Burr lchelt. "Wissen Sie, vorn sitzt ja der Chauffeur. Das ist ein Arbeitsplatz. Wozu brauchte der denn viel Annehmlichkeiten?" Wie gut haben es da die knftigen Fahrer des Neuen - ihr Arbeitsplatz ist deutlich grozgiger geschnitten. Die historischen Maybach-Wagen galten nach damaligen Kriterien als das Zuverlssigste unter der Sonne.

Die Tests frherer Tage fielen nach heutigen Mastben rustikal aus. "Wir haben mal eine Testfahrt mit dem SW 38 (Schwingachswagen mit 3,8 Liter Hubraum) durchgefhrt. Rauf zum Groglockner. Oben standen andere Fahrzeuge mit kochendem Motor. 'Warum kocht denn euer Wagen nicht', haben mich die Fahrer gefragt." Burr schmunzelt. "Unsrer ist ein Maybach. Dem passiert das nicht." Den Satz htte er damals lieber nicht gesagt. "Keine fnf Minuten spter blieb auch unser SW mit dampfendem Khler liegen." Der SW erhielt daraufhin als erstes Fahrzeug seiner Zeit einen geschlossenen Khlkreislauf.

Die Sonne strahlt mittlerweile nicht mehr ganz so warm auf die Uferpromenade. Dem Pilgerstrom zum Zeppelin DS8 tut das keinen Abbruch. "Ja, das ist ein Maybach. Ja, der hat wirklich Klasse." Wir setzen uns in den Fond. Ich bewundere den Innenraum. Man sitzt wie auf einem gepolsterten Sofa aus Gromutters Zeiten. Viel Holz und Samt. Ein Blumengru erfreut das Auge. Die Rundinstrumente mit Chromrahmen lassen nicht nur Fans schwrmen. Der V12 schttelt den Wagen ein wenig. Gemchlich geht es zum Museum zurck. Neidische Blicke begleiten unsere Abfahrt. Die Zeiten haben sich gendert, der Mythos Maybach ist geblieben ...

Maybach: 1909 bis heute

Die "Maybach-Story" begann 1909 mit Karl Maybachs Motoren fr die Luftschiffe des Grafen Zeppelin. Bis zu diesem Zeitpunkt arbeitete Maybach in Frankreich und entwickelte Verbrennungsmotoren, die fr den Einsatz in Pkw konzipiert waren. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs leisteten die Maybach-Motoren in zivilen und militrischen Luftfahrzeugen Dienste. Dann unterband der Versailler Vertrag Rstung in Deutschland.

In der Krise besann sich der Firmengrnder Wilhelm Maybach seiner automobilen Wurzeln. Er beschloss, sein Wissen aus der Zusammenarbeit mit Gottlieb Daimler, fr den Pkw-Bau zu nutzen. Die Geburtsstunde eines der exklusivsten Fahrzeuge hatte geschlagen. Rund zwanzig Jahre lang fertigte Maybach seine automobilen Trume. Von insgesamt 2200 Fahrzeugen ist die Rede. Zwischen 140 und 150 gibt es noch.

Der Zweite Weltkrieg brachte das jhe Ende. Als Konstrukteur von 140.000 Motoren fr Ketten- und Halbkettenfahrzeuge der Wehrmacht gerieten der "Motorenbau" und die Stadt Friedrichshafen mehrmals ins Fadenkreuz alliierter Bomberverbnde. Werk und Stadt wurden schwer zerstrt.

1960, wenige Monate nach dem Tod Karl Maybachs, erwarb Daimler-Benz die Mehrheit an Maybach-Motorenbau. Seit 1969 trgt das Werk in Friedrichshafen den Namen MTU (Motoren- und Turbinenunion). MTU entwickelt hauptschlich leistungsstarke Dieselaggregate fr Lokomotiven, Schiffe (militrische und zivile) sowie Panzer.

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