Nachruf Giovanni Agnelli

Nachruf Giovanni Agnelli

— 24.01.2003

Die Italiener liebten ihn

Er hat alles gehabt und alles erreicht, war der groe Mann der italienischen Wirtschaft. ber das Leben eines Industriellen, Playboys und Vorzeige-Italieners.

Kapriolen in den Klatschzeitungen

Die letzten Monate wurden zur Qual. Hilflos musste Giovanni Agnelli zusehen, wie das Unternehmen in die Krise schlitterte und die eigene Gesundheit zerfiel. Vom mchtigen Patriarchen war nur ein Schatten geblieben, seine wilden Jahren als Playboy und Frauenheld in der Vergessenheit versunken. Doch selbst die Krankheit vermochte nicht, das markante uere "Gianni" Agnellis gnzlich zu entstellen: Sein schlohweies Haar, das zerfurchte Gesicht, sein gewinnendes Lcheln machten selbst bei seinen letzten ffentlichen Auftritten Eindruck - die Italiener haben ihren "Avvocato" verehrt wie sonst keinen anderen.

"Knigliche Ersatzfamilie", nannten Kommentatoren die Agnellis, doch das traf nur die halbe Wahrheit. Was bei dem Lebemann aus Turin hinzukam, war etwas anderes: Ihm schlugen ganz einfach die Herzen der Italiener entgegen - und Agnelli wusste das sehr gut. "Manche Leute erhalten keine Zustimmung, auch wenn sie nur freundlich sind. Andere finden Konsens, auch wenn sie brutal sind. Warum das so ist, ist schwer zu sagen", meinte er einmal - und dabei sprach er nicht nur vom Autogeschft.

Bevor er 1966 die Fhrung des Familienunternehmens bernahm, hatte sich "Gianni" (Hnschen) ausgiebig im internationalen Jet-Set getummelt. "Ich spreche nicht gerne ber Frauen, ich spreche gerne mit ihnen" solche Bonmots liebte er. Seine Yacht zhlte zu den grten und luxurisesten an der Cte d'Azur. Auf ihrem Sonnendeck begann die Liason mit Filmschauspielerin Anita Ekberg. "Ist sie nicht ein Vulkan?", soll er gesagt haben. Die Italiener erlebten seine Kapriolen in den Klatschzeitungen mit - und waren stolz auf ihren "Gianni". Spter heiratete er die Halbamerikanerin Prinzessin Marella Caracciolo di Castagneto. "Eine Heilige in der Kunst, ihn zu ertragen", meinte ein Freund einmal.

Niemand konnte so genussvoll die Macht zelebrieren wie Agnelli. Legendr sind seine Auftritte in Luxusrestaurants, wenn er lssig ein paar Rhreier bestellte - kein Kellner wagte da die Augenbrauen zu heben. Noch in vorgerckten Alter lie er souvern die Krawatte aus der Jacke baumeln, knpfte die Hemden nicht ganz zu - die sorglose Schlampigkeit der Reichen trug er demonstrativ zur Schau.

Mehr Autoritt hatte nur der Papst

Mut und Draufgngertum gehrten bei ihm dazu. Zuerst im Krieg und bei den Partisanen gegen die Nazibesatzer. Mehr noch spter bei waghalsigen Skiabfahrten, auf der Bobbahn in St. Moritz oder beim Kopfsprung vom Hubschrauber neben seine vor Anker liegende Yacht. Der Typ Macho eben, den Italiener lieben. Mit allen Konsequenzen: "Ich habe all die Dinge gemacht, von denen die rzte gesagt hatten, es seien unntige Risiken, deren Folge ich spter einmal zu tragen htte - und jetzt spre ich sie tatschlich."

In den letzten Jahren kam Tragik in sein Leben wie in nur wenigen Familien. "Ein Fluch wie bei den Kennedys", titelten rmische Zeitungen, als der einzige Sohn Edoardo vor zwei Jahren unter der "Selbstmrder-Brcke" bei Turin mit zertrmmertem Schdel starb. Statt fr Autos hatte er sich fr fernstliche Religionen interessiert, als "Aussteiger" hatte ihn die Presse tituliert, als schwarzes Schaf der Familie. Ein paar Jahre zuvor war Giovanni Alberto, der geliebte Neffe des "Avvocato" (Agnelli war Jurist)und designierter knftiger Firmenchef gestorben - Krebs hatte den 33-Jhrigen innerhalb weniger Monate hingerafft.

Niemand auer dem Papst knne in Italien eine derartige Autoritt beanspruchen wie Giovanni Agnelli, meinten Kommentaroren. Tatschlich: Wenn der "Avvocato" zwei, drei Mal eine Regierung kritisierte, war deren Sturz programmiert. "Wie die Prsidenten eines Schachclubs", hhnte er einst ber die kurzlebigen rmischen Regierungen.

Nach seinem Rckzug aus den Tagesgeschften widmete sich der Senator auf Lebenszeit vornehmlich dem Reisen, dem Sammeln von Kunstwerken sowie Fuball und Formel-1-Rennen. Auch da hatte er das erste Wort: Wenn Ferrari-Star Michael Schumacher mal in einer Formkrise steckte und die Medien ber den Deutschen herzogen, dann flog der "Alte" persnlich per Hubschrauber in Modena ein und spendete Trost ("Ich leide mit Ferrari") - die Presse migte dann geflissentlich den Ton. Nur eines gelang dem 81-Jhrigen bis zu seinem Tod am 24. Januar 2003 nicht mehr: die Krise im eigenen Haus zu richten.

Stimmen und Reaktionen auf Agnellis Tod

Mit Giovanni Agnelli hat Italiens Sport seinen grten "Padrone" verloren. Ein halbes Jahrhundert lang prgte der mchtigste Wirtschaftsboss Italiens den Sport des Landes. Der "Avvocato" fhrte als Prsident und Besitzer den Fuball-Rekordmeister Juventus Turin sowie den legendren Formel 1-Rennstall Ferrari. Als treibende Kraft im Hintergrund holte Agnelli fr die ffentlichkeit hchst berraschend die Olympischen Winterspiele 2006 in seine Heimatstadt Turin. "Gianni Agnelli war einglhender Frderer des Sport", wrdigte der Prsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Jacques Rogge, das verstorbene "IOC-Mitglied ehrenhalber".

"Sein Tod hinterlsst eine nicht zu fllende Leere", erklrte Ferrari-Prsident Luca di Montezemolo. "Ich widme ihm die Ferrari-Erfolge, wohl wissend, welchen Anteil er an ihnen hatte", sagte Montezemolo, der die Fahnen in Maranello auf Halbmast setzen und alle Mitarbeiter zu einer Schweigeminute versammeln lie. Mitte der 90er Jahre hatte Agnelli sich mit seinem Vermgen und Einfluss fr die kostspielige Verpflichtung von Michael Schumacher stark gemacht und damit das Comeback des ins Mittelma abgerutschten Rennstalls eingeleitet. "Jetzt habt ihr den besten Fahrer der Welt, nun gibt es keine Entschuldigungen mehr", hatte Agnelli die Ferari-Crew damals auf Sieg eingeschworen. Schumacher sagt nun: "Ich habe immer tiefen Respekt fr ihn empfunden und bin stolz, ihn gekannt zu haben."

Ministerprsident Silvio Berlusconi wrdigte Agnelli als "Protagonisten, der Italien ber ein halbes Jahrhundert lang geprgt hat." Staatsprsident Carlo Azeglio Ciampi sagte, Agnelli habe es in kritischen Momenten stets vermocht, "die grundlegenden Werte der nationalen Identitt auszudrcken." Ex-Regierungschef Giulio Andreotti rief dazu auf, "die Figur Agnellis auf angemessene Weise zu wrdigen, weit ber die Trauer an seinem Todestag hinaus." Fiat-Prsident Paolo Fresco sprach von einem "unersetzbaren Verlust".

Papst Johannes Paul II. hat in einem Beileidstelegramm seine Trauer ber den Tod des Fiat-Patriarchen ausgedrckt, bezeichnete ihn als eine "Hauptfigur wichtiger Momente der italienischen Geschichte". Agnelli habe sich fr das Wohl und die soziale und wirtschaftliche Entwicklung des Landes eingesetzt, schrieb das Oberhaupt der katholischen Kirche.

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