Nachruf Manfred von Brauchitsch

Nachruf Manfred von Brauchitsch

— 07.02.2003

Herr Silberpfeil

Manfred von Brauchitsch fuhr fr Deutschland. Als es das doppelt gab, fuhr er Zickzack. Er wurde 97.

Die Legende der Mercedes-Silberpfeile

Von Thomas Delekat Hitler war ein Versager, als Autofahrer jedenfalls. Das war zu Beginn der 30er Jahre der erste und fr lange Zeit einzige Tadel, den Manfred von Brauchitsch, Silberpfeil-Rennfahrer und deutscher Volksheld, dem Fhrer insgeheim antat. Diese ernsten Zweifel an Hitler beschlichen ihn aber erst, als er ihn in die Bedienung eines sondergefertigten offenen Mercedes einwies. Der hatte Dampf unter der Haube, zwar nicht die 556 PS des Brauchitsch-Rennwagens, aber immerhin die monstrse Kraft eines Kompressormotors.

Was aber wollte Hitler? Hitler wollte hchstens 60 Stundenkilometer schnell gefahren werden, und Hitler, sagte von Brauchtisch spter, hatte sich nur fr eines interessiert: Wo hlt man sich fest, wenn man stehend Auto fahren will? Hitler interessierte sich fr Macht und Nazitum, von Brauchitsch fr Autos und Rennen, beide ausschlielich so kamen beide nicht eben selten zusammen.

Das erste Mal auf dem Obersalzberg, als Hitler noch nicht an der Macht war. Von Brauchitsch wollte Geld fr seine Rennen, Hitler ein Idol in den NS-Reihen. Ein Held, wie sie frher mal waren, cholerisch, draufgngerisch, siegreich, eine starke, saftkraftige Figur das alles ist Manfred von Brauchtisch schon vor seinem legendren Nrburg-Eifelrennen-Sieg von 1934 gewesen, dem ersten in der Geschichte der Silberpfeile.

Damals traten erste Grand-Prix-Reglementierungen in Kraft: 750 Kilo Maximalgewicht fr den Wagen, ohne Benzin, l, Khlwasser, Reifen. Der Mercedesrenner W 25 wog am Vorabend 751 Kilo, und von Brauchtisch, der daneben stand, sagte etwas von "Da sind wir die Lackierten". Dies ist der Legende nach der Beginn der Mercedes-Silberpfeile gewesen. ber Nacht schmirgelten Mechaniker den weien Lack bis aufs blanke Metall herunter, ber ein Kilo Farbe. Von Brauchitsch gewann souvern.

Ein Siegerkranz nach dem anderen

Von 1929 bis 1939, die letzten fnf Jahre als Werksfahrer von Mercedes, beugte er 45 Mal sein Haupt, ein Siegerkranz nach dem anderen legte sich auf seine Schultern. Meistens die goldenen, meistens erster Platz. Nach dem Krieg gab er zu, sein Freund und (neben Bernd Rosemeyer) schrfster Rivale Rudolf Carraciola sei der bessere Fahrer gewesen. Aber der khnere, unberechenbarere, todesmutigere war von Brauchitsch. Er fuhr rcksichtslos, zerdrosch die Maschinen, setzte sein Leben aufs Spiel. Es gab Rennen, bei denen er Rder verlor, bis zu fnf Mal. 1934 verunglckte er schwer beim Training, kurz nach seinem Sieg ber Hans Stuck auf dem Nrnburgring. Er kam mit zahlreichen Brchen und einer Augenverletzung davon.

Wenn von Brauchitsch in seinem ber 350 Stundenkilometer schnellen Achtzylinder am Start erschien, als einziger im Mercedes-Team mit roter statt weier Stoffhaube auf dem Kopf, wenn er die Gummiwlste seiner Rennbrille von der Stirn ins Gesicht zog, drhnte der Holzboden der Berliner Avustribne unter dem Getrampel der Bewunderer wie ein gewaltiger Trommelwirbel. Sein Ruhm schuf ihm eine solche Unangreifbarkeit, dass sich von Brauchitsch eine Prgelei mit Reichsjugendfhrer Baldur von Schirach leisten konnte. Der sei ihm im eigenen Hause krumm gekommen, da habe er ihn erst vermbelt und danach zum Pistolenduell gefordert.

Von Brauchitsch hat 1939 eine jdische Freundin, lebt seit sieben Monaten in der Schweiz bei Caracciola, als Hitler seine ersten Kriegszge unternimmt. Man bringt ihn sanft zur Rson. Als Sohn eines preuischen Offiziers und zackig-forscher, militrbegeisterter Charakter, der bis zu einem frhen Motorradunfall selber Karriere in der Armee machen wollte, kehrt er nach Deutschland zurck. Zuletzt dient er, wenig kmpferisch, ab 1944 als Referent im Rstungsministerium unter Albert Speer.

1954 Flucht von West nach Ost

Nach dem Krieg wanderte von Brauchitsch nach Argentinien aus, fr kurze Zeit und wohl auf der Suche nach einem neuen rennsportlichen Anfang. Er kam rasch wieder zurck. In Mnchen gingen die Geschfte lau. Die Rennen, die er organisierte, wollten nicht so recht laufen, er war zwar immer noch berhmt aber drauen, abgeschrieben, eine historische Figur. Nur Walter Ulbricht hofierte ihn mit Respekt und auch mit Geld. Fr sein 1950 verfasstes, 1953 erschienenes Buch "Kampf um Meter und Sekunden" zahlte der Ost-Berliner Verlag der Nation 75.000 Ost-Mark, die Ulbricht ihm eins zu eins in Westwhrung wechseln lie.

Von Brauchitsch begann, SED-Aufrufe zu unterschreiben, bernahm Ehrenposten und Prsidentschaften kommunistischer Organisationen. Der Westen lie ihn berwachen im Mai 1953 wurde er wegen Verdachts auf Hochverrat verhaftet. Nach acht Monaten wurde er "auf Ehrenwort" auf freien Fu gesetzt und flchtete im Mrz 1954 in die DDR. Dort lebte er, geehrt mit diversen Prsidentenposten und doch isoliert. Er besa ein Haus auf grozgigem Grund, es gab Chauffeur und Haushaltshilfen. Dennoch ist der "Prototyp des aristokratischen Herrenfahrers", wie es ber ihn hie, mit der DDR nie richtig warm geworden.

Von Brauchitsch, der bis zuletzt eisern jeden Morgen nach ausgiebigem Frhsport unter die kalte Dusche ging, starb 97-jhrig in seinem Haus in Grfenwarth bei Schleiz, wo er mit seiner 13 Jahre jngeren Frau seit seiner Flucht aus dem Westen gelebt hatte.

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