Neue Bremstechnik von Ferrari

Nur die Bremsen können Ferrari stoppen Nur die Bremsen können Ferrari stoppen

Neue Bremstechnik von Ferrari

— 18.09.2002

Nur die Bremsen können Ferrari stoppen

Bremsen von Brembo. Die besten "Anhalter" der Formel 1 sind bald noch besser. Und machen die Champions noch schneller.

Bis die Bremsscheiben feuerrot glühen

200, 150, 100. Im Halbsekundentakt huschen die Schilder, welche die Meter bis zur ersten Monza-Kurve anzeigen, aus Michael Schumachers Rückspiegel. Und immer noch steht der Weltmeister voll auf dem Gas. Erst knapp vor der 50er-Marke herrscht an den vier Ferrari-Rädern Alarmstufe rot. Vor dem Rechts-Links-Haken mit dem schlichten Namen "Variante Prima" muss im Qualifying Tempo 358,8 auf Tempo 80 runtergeknüppelt werden – das härteste Bremsmanöver in der Formel 1.

Der drei Tonnen feste, aber nur sanft quietschende Zugriff der vier Bremszangen auf die Bremsscheiben lässt sie feuerrot glühen. Ihre Normaltemperatur von 400 bis 700 Grad schießt rauf auf über 1000. Das Geheimnis dieses speedtötenden Fieberwahns: Carbon.

Bremsbeläge und -scheiben aus Kohlenstoff (Carbon) haben in der Formel 1 seit 1978 (Brabham) zu verkürzter "Verzögerungstaktik" geführt. "Mit Stahlbremsen hat das doppelt so lange gedauert wie mit denen aus Carbon", erinnert sich Ex-Formel-1-Pilot und "AUTO BILD motorsport"-Kolumnist Marc Surer. Was bedeutet: Heute kann doppelt so spät gebremst werden.

Nur 70 statt 100 Kilo Pedalkraft nötig

Wodurch auch die Belastungen auf die Fahrer drastisch stiegen. Tritt Schumi vor der Monza-Schikane am Ende der Start-Ziel-Geraden mit dem linken Fuß aufs linke Pedal, wird sein Oberkörper fünfmal so schwer wie sonst. Die Fliehkräfte zerren den Champion dann statt mit 50 mit 250 Kilo nach vorn in die Sicherheitsgurte. Einzige Erleichterung: Bei Carbon-Bremsen ist im Vergleich zur Stahlversion nur 70 statt 100 Kilo Pedalkraft nötig.

Dank Kohlenstofffasertechnik können Schumi und Co ihre Renner innerhalb von rund 120 Metern von 350 km/h zum Stehen bringen. Ein Straßenauto wie der VW Golf bräuchte bei diesem Tempo einen Bremsweg von einem Kilometer. Ein rein theoretischer Vergleich, denn: Übliche Pkw-Bremsen aus Metall würden bei solch einer Mega-Tortur schneller wegschmelzen als Eis in der Sonne.

Ortswechsel: Curno, im schönen Brembana-Tal in Oberitalien. Wir sind zu Besuch bei Ferraris Bremsenlieferanten. Brembo heißt der – wie der Fluss, der sich unterhalb der kleinen feinen Hightech-Fabrik schlängelt. Und bei Brembo ist es so wie bei allen Formel-1-Zulieferern von Ferrari: alles geheim!

Ferrari ist die klare Brembo-Nummer-Eins

"Only Racing Members", warnt das Schild an dem 50 Quadratmeter großen knallroten Bürocontainer inmitten der klinisch sauberen Montagehalle. Dort dürfen nur die Brembo-Techniker rein, die die fertigen Bremszangen, -sättel-, -beläge und -scheiben für den Weltmeister-Kunden zusammensetzen und zum Transport verpacken.

Fünf Tage vor dem Heimrennen ist im Brembo-Werk der Italien-Grand-Prix aber längst abgehakt. Jetzt sind Ingenieur Roberto Pellegrini (31), der mit zwei Kollegen die Renneinsätze überwacht, auf sich allein gestellt. Neben Ferrari haben sie noch sechs weitere Partner zu betreuen: Sauber, Jaguar, Jordan und Minardi kriegen wie das Schumi-Team den Rundumservice, BAR und Renault nur Bremsscheiben.

Doch die Roten aus Maranello sind die klare Brembo-Nummer-eins. So sind die Bremsscheiben mit den speziellen Lüftungslöchern allein für Ferrari reserviert. Ihr Vorteil: Weil sie die beim Zupacken der Bremszangen auftretende Reibungshitze (Bremsgrundprinzip: Tempo in Wärme umwandeln) schneller abführen, nehmen sie auch schneller neue Reibungshitze auf. Die Folge: besseres, späteres Bremsen und somit Zeitgewinn.

Neue Ferrari-Superbremsen ab 2003

Zurück nach Monza: Saubers Bremsenmechaniker Bruno Rohr (40) kramt drei Bremsscheiben aus einer Schublade und pfeffert sie auf die Werkbank. Erst auf den zweiten Blick fällt auf: Sie sind unterschiedlich dick – 22, 25 und 28 Millimeter (einheitlicher Durchmesser 278 mm). "Bei Rennen wie Imola, Montreal oder Monza, die sehr auf die Bremse gehen, nehmen wir die 28er", sagt Mechaniker Rohr.

Die 22er sind immer nur im Qualifying im Einsatz. Sie würden zwar eine GP-Distanz halten, führten aber zur Disqualifikation. Grund: Aus Sicherheitsgründen müssen die Formel-1-Bremsscheiben im Ziel eine Mindestdicke von 17 mm haben. Umkehrschluss: In Monza dürfen von den 28ern maximal 10,99 mm "weggehobelt" werden.

Im Brembo-Werk haben sie allerdings ganz andere Sorgen. Hinter dicken Türen werden dort die neuen Ferrari-Superbremsen montiert, die Anfang Oktober erstmals getestet und ab 2003 im Rennen "griffbereit" sein werden. "Damit ist acht bis zehn Prozent effi-zienteres Bremsen möglich, was etwa drei bis fünf Metern entspricht", erklärt Brembo-Entwicklungschef Raffaello Cornolti (42) stolz. Wirklich stoppen können Ferrari wohl auch in Zukunft nur die Bremsen aus seinem Labor.

Die Geschichte von Brembo

In einer kleinen Werkstatt, ein paar Kilometer außerhalb von Bergamo, begann 1961 die Geschichte von Brembo. Nur drei Jahre später stellte Emilio Bombasseis Firma in Curno am Flüsschen Brembo als erstes italienisches Unternehmen Bremsscheiben her. Davor wurden die allesamt aus Großbritannien ins Ferrari-, Fiat- und Alfa-Land importiert. 28 Mitarbeiter hatte inzwischen die Fabrik im Tal Brembana. Ab 1972 beliefert man von dort aus Moto Guzzi und wird damit führend im Zweiradgeschäft.

Heute bremsen rund 95 Prozent der Motorräder mit Brembo-Technik. 1975 erobern die Italiener zusammen mit Ferrari erstmals die Formel 1 und wurden auf Anhieb mit Niki Lauda Weltmeister. Der legendäre Teamboss Enzo Ferrari höchstpersönlich hatte die Bremsspezialisten motiviert, in die Königsklasse einzusteigen. Das Personal war mittlerweile auf 146 Mitarbeiter angewachsen, und der Umsatz lag bei 2,8 Billionen Lire.

1980 ist Brembo einer der Ersten, der Bremssättel aus Aluminium fertigt. Seit 1998 produziert man sogar die Kohlefaser für die Formel-1-Bremsen selbst. Zwei Jahre später kaufte Brembo den Konkurrenten AP Racing Limited auf. Für die Bereiche Motorsport, Motorrad, Pkw und industrielle Fahrzeuge stellt Brembo nun pro Jahr über 25 Millionen Bremsscheiben her und ist mit über 3300 Angestellten einer der größten Bremsenkonzerne der Welt. Produziert wird in Brasilien, Mexiko, Polen, Spanien, Südafrika, China, Deutschland und Italien. Der Umsatz 2001 betrug 530,9 Millionen Euro.

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