Neuer Astra vs. gebrauchte S-Klasse

Neuer Astra oder gebrauchte S-Klasse? Neuer Astra oder gebrauchte S-Klasse?

Neuer Astra vs. gebrauchte S-Klasse

— 21.04.2006

Herz oder Hirn?

Eine gebrauchte S-Klasse statt eines neuen Opel Astra? Das ist doch völlig verrückt, viel zu teuer. Oder etwa nicht? AUTO BILD hat nachgerechnet.

Punkt für Punkt nachgerechnet

Automobile Leidenschaft und Geldbörse stehen wohl nur bei wenigen glücklichen Mitmenschen im Einklang. Wir träumen von der Mercedes S-Klasse – kaufen aber einen Opel Astra. Oder einen VW Golf statt eines 7er-BMW, einen Ford Focus statt eines Audi A8. Weil wir vernünftig sind. Denn so ein großes Auto schluckt doch viel zuviel. Und dann die Fixkosten: Steuer, Versicherung – ist doch alles drei Nummern zu groß für uns. Oder etwa nicht?

Machen wir die Rechnung doch mal auf. Mit Hirn, statt mit Herz. Punkt für Punkt: Auf der einen Seite steht ein solider, nagelneuer Opel Astra 1.9 CDTI. Gehobene Ausstattung, Preis rund 24.000 Euro. Auf der anderen das Traummobil. Eine S-Klasse der erst kürzlich ausgelaufenen Baureihe W 220 fürs gleiche Geld, zu finden in der Gebrauchtwagenbörse von autobild.de, in der sich viele dieser funkelnden Schönheiten tummeln.

Okay, kein zwei Jahre junger S 500 L 4Matic, wie ihn uns die Mercedes-Niederlassung Hamburg für die Fotoaufnahmen zur Verfügung stellte. Aber ein S 320 aus dem Baujahr 2001 mit nur 70.000 Kilometern auf dem elektronischen Tacho findet sich leicht. Mit viel Glück sogar ein Modell nach dem Facelift von 2002, dann aber mit höherem Kilometerstand. Das sind meist Angebote von Privat, also ohne die von Händlern verlangte einjährige Gewährleistung.

Steuer und Versicherung

Entsprechende Sorgfalt verlangen solche Fahrzeuge bei der Besichtigung. AUTO BILD zeigt auf diesen Seiten zwar die wichtigsten Schwachpunkte des noblen Daimler, rät bei Investitionen in dieser Höhe trotzdem zu einem Gebrauchtwagencheck bei einem der einschlägigen Automobilclubs oder bei einem Kfz-Sachverständigen. Beim Kauf des neuen Astra dagegen fahren kaum Sorgen mit. Opel bietet zwei Jahre Garantie ohne Kilometerbegrenzung.

Vorteile hat der Astra (natürlich) auch bei den Kraftstoffkosten: 6,3 Litern Diesel stehen 12,2 Liter Super der S-Klasse gegenüber. Macht derzeit rund 8,50 Euro Mehrkosten für die S-Klasse pro 100 Kilometer. Die spart dafür bei der Kfz-Steuer: 216 Euro statt 309 beim Opel. Denn dessen Diesel verfügt über 1910 Kubikzentimeter Hubraum, wird also wie ein Zweiliter besteuert. Dafür langen die Versicherungen beim Kompaktwagen weniger unverschämt zu. Seine Typklassen sind günstiger als die des S 320. Ohne Schadenfreiheitsrabatt, eingestuft mit 100 Prozent, kostet der vollkaskoversicherte Opel jährlich 1444 Euro, der Mercedes 2710 Euro – fast das Doppelte.

Doch in der Praxis wird sich jemand mit dieser Einstufung wohl ohnehin in anderen Kategorien umsehen. Rechnen wir mal mit dem Schadenfreiheitsrabatt eines Mittvierzigers, der schon 24 Jahre unfallfrei fährt und auf 30 Prozent herabgestuft wird. Dann steht es 433 Euro für den Astra zu 813 Euro für die S-Klasse, eine Differenz von 380 Euro im Jahr oder 1,04 Euro pro Tag – schon strahlt der Stern wieder etwas heller.

Werkstattkosten und Wertverlust

Aber was ist mit den Werkstattkosten? Schließlich stehen gerade Mercedes-Betriebe nicht gerade im Ruf, Stundenlöhne zu Dumping-Preisen anzubieten. Und tatsächlich werden zum Beispiel im Raum Hamburg durchschnittlich 116 Euro alle 60 Minuten verrechnet. Allerdings geben sich die Opel-Schrauber mit 104 Euro nur unwesentlich bescheidener. Und bitte nicht vergessen: Der neue Astra sollte zwecks unproblematischer Erhaltung der Garantieansprüche besser in der Vertragswerkstatt gewartet werden, mit der alten S-Klasse dagegen können sich auch versierte Taxi-Techniker befassen, die oft zum halben Preis arbeiten oder noch günstiger sind.

Dafür muß der Astra seltener zum Ölwechsel – nur alle 30.000 Kilometer oder nach zwei Jahren. Beim Mercedes errechnet das Assyst-System den richtigen Zeitpunkt. Damit sollen zwar ebenfalls 30.000 Kilometer möglich sein, doch in der Praxis erscheint das Schraubenschlüssel-Symbol für die fällige Wartung bereits nach 20.000 bis 25.000 Kilometern im Display. Und dann wandern mindestens 300 Euro über den Tresen, während der Ölwechsel beim Opel schon für knappe 100 Euro zu haben ist.

Also ist die S-Klasse doch ein Faß ohne Boden, ein wirtschaftliches Desaster. Hallo, nicht so schnell! Denn am Ende wendet sich das Blatt doch noch zugunsten der S-Klasse. Der Opel wird Opfer seines Wertverlusts. Das hat nichts mit der Marke zu tun, nach drei Jahren und rund 36.000 Kilometern hat jeder gut ausgestattete Kompaktwagen rund die Hälfte seines Neuwerts eingebüßt – in diesem Fall also 12.000 Euro.

Die S-Klasse hat diesen Preisverfall bereits hinter sich. Hatte der Erstbesitzer im Jahre 2000 noch stolze 59.251 Euro an Mercedes überwiesen, so kostet der S 320 heute nur noch 23.250 Euro. Der weitere Wertverlust wird in den nächsten drei Jahren – pessimistisch geschätzt – höchstens rund weitere 6000 Euro betragen. Gerechnet auf diesen Zeitraum, 36.000 Kilometer, einen Ölwechsel und preiswerte Versicherungsklasse, kostet der alte S 320 alles in allem etwa 15.033 Euro. Der neue Astra 1.9 CDTI hingegen 16.920 Euro. Und nun meldet das Herz an Hirn: Warum eigentlich nicht mal so was Verrücktes wagen?

Schwachstellen, Betriebs-/Reparaturkosten

Schwachstellen der S-Klasse: Die Batterie ist – wie bei allen Luxuslimousinen – auch bei der S-Klasse ein wunder Punkt. Sie altert besonders schnell, wenn Langstrecken zum Aufladen fehlen. Die Bremsanlage leidet unter dem hohen Gewicht, neigt häufig zum Rubbeln. Der TÜV bemängelt oft defekte Bremsschläuche und eine schlecht oder ungleichmäßig wirkende Feststellbremse. Ölverlust an Motor, Getriebe oder Differential tritt ebenfalls häufig auf. Elektronikprobleme betreffen in erster Linie das Comand-System, aber auch Komfortelektrik wie Fensterheber oder Zentralverriegelung. Die Verarbeitung fühlt sich nicht so massiv an wie beim klobigen Vorgänger, spürbare Verbesserung brachte das Facelift von Ende 2001.

Fazit, Historie, technische Daten

Fazit von AUTO BILD-Autor Henrik Dieckmann: "Unser Vergleich ist extrem, aber am Ende wird deutlich: Der teuerste Posten in der Autorechnung ist der Wertverlust. Und der trifft jeden Neuwagenkäufer, übersteigt sogar die Spritkosten der Luxuslimousine. Also ab jetzt S-Klasse fahren? Vorsicht – ein Risiko fährt immer mit: Bei der S-Klasse kann ja auch mal etwas richtig Teures kaputtgehen. Damit endet der gediegene Fahrspaß abrupt. Dann lieber das Budget etwas kürzen, statt der S- eine gut motorisierte C-Klasse nehmen – da kleben die Nachbarn auch an den Gardinen ..."

Modellgeschichte S-Klasse:10/98 Modelleinführung des W 220 mit 3,2-l-V6 (224 PS), 4,3-l-V8 (279 PS) und zwei 5,0-l-V8 mit 299 PS (mit Zylinder-Abschaltung ZAS) und 306 PS. ESP und acht Airbags serienmäßig • 8/99 Einführung 5,8-l-V12 (367 PS) und 3,2-l-Sechszylinder-Diesel (197 PS) • 8/02 Große Modellpflege, erkennbar an Klarglas-Scheinwerfern. 500 ZAS mangels Nachfrage eingestellt. Einführung 5,5-l-V12-Biturbo und 5,5-l-Kompressor-V8, beide mit 500 PS • 9/05 Modellwechsel.

Autor: Hendrik Dieckmann

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