Neun Kompakte im Test, Teil I

Neun Kompakte Diesel im Test Neun Kompakte Diesel im Test

Neun Kompakte im Test, Teil I

— 11.04.2007

Alle gegen den Golf

Golf-Jäger gibt es wie Sand am Meer. Erreicht hat den Bestseller bislang aber kaum einer. Jetzt rücken drei Neue von Fiat, Kia und Toyota dem Volkswagen näher. Nun wird’s ganz eng ...

Beginnen wir doch aus aktuellem Anlass mit einer simplen Frage: Wie viel CO2 stoßen die neun Kompakten im Schnitt aus, die unser Aufmacherfoto zeigt? Die Antwort: 144 Gramm pro 100 Kilometer (Herstellerangabe). Klingt viel, ist aber gar nicht weit weg von den 130 Gramm, die ab 2012 gefordert werden. Und das bei Autos, die so gar nicht nach Verzicht schmecken. Da geht also noch was. Gibt es einen besseren Beweis dafür, wie aktuell die Golf-Klasse ist? Kompakte sind sparsam, vielseitig und zeitgemäß – Autos im Goldenen Schnitt zwischen Kosten und Können. Was die Käufer genauso sehen: Jeder vierte Neuwagen in Deutschland ist ein Kompakter. Trotz Cabrio-Freuden und teurer SUV-Marotte. In diesem Erfolgssegment ist gerade jede Menge los. Wer gedacht hat, es gebe doch schon alles, der wird eines Besseren belehrt.

Der Toyota Auris spielt gelungener denn je die Golf-Kopie, aber zu echten Kampfpreisen. Noch aggressiver erscheint der Kia cee’d mit fünf Jahren Garantie – das ist genau der Anreiz, den wir Käufer uns in dieser Klasse immer gewünscht haben. Oder fehlt ein Schuss italienischer Eleganz? Der neue Fiat Bravo wächst mit seinem Format locker über den Golf hinaus. Scharfe Konkurrenz heißt für Käufer: große Auswahl! Damit Sie den Überblick behalten, haben wir die neun besten Kompakten mit kräftigen Dieselmotoren getestet. Fährt der Golf im Autofrühling 2007 wieder nach vorn? Im ersten Teil unseres großen Vergleichs beurteilen wir die Karosserie, so wie Käufer die Autos im Laden sehen. Teil zwei lesen Sie hier!

Alles im Fluss beim C4

Zum Streicheln schön: Rückleuchten und Heck des C4.

Der Citroën C4 fährt nicht, er fließt. "Status durch Eleganz" soll er verkörpern – das ist schön und anspruchsvoll. Nur nicht immer praktisch. Auf der Rückbank sitzen Erwachsene unterm abfallenden Dach eingeklemmt, nach hinten sieht der Fahrer schlecht. Mag man den mittig angeordneten Tacho oder das Lenkrad mit der feststehenden Nabe, die alle Hebel immer am gleichen Platz belässt? Das ist anders, manche sagen französisch. Die Qualität ist besser geworden, das Sicherheitspaket nun vollständig. Der eigentlich recht große Kofferraum (320 Liter) wird erst bei dachhoher Beladung unpraktisch – auch das ist bedingt durch das hübsche Heck. Diesen Preis müssen Liebhaber des eigenständigen C4 zahlen. Tun sie gern.

Der Fiat Bravo ist fast ein Coupé. Eines mit südländisch leichten Linien, die jedoch den Platz ungerecht verteilen. Vorn thront man herrschaftlich, im Fond wird’s eng. Zudem mauert die ansteigende Keilform den Ausblick zur Seite und nach hinten zu. Ziemlich bescheiden gibt sich das Basismodell. Radio oder Klimaanlage? Fehlanzeige. Den Griff an der Heckklappe haben sie ganz eingespart – das gibt schmutzige Finger. Erfreulicher sind da schon die spannenden Tachoanzeigen in ihren tiefen Höhlen oder die knisterfreie Verarbeitung. Den wilden Plastik-Mix im Inneren nennen wir einfach "italienischer Stil". Bravo!

Der Ford macht zu wenig aus seiner Länge

Der Dachspoiler zeigt: Im Kern will der Focus ein Sportler sein.

Ist der Ford Focus noch ein Kompakter? Er überragt mit 4,34 Meter Länge den Golf um 14 Zentimeter, zudem fällt das schräge Dach aus der gewohnten Steilheck-Schablone. Sein Heckspoiler und die hohen Rückleuchten erinnern an ein Coupé. Oder ein patentes Fließheck, denn die große Heckklappe reicht bis ins Dach und erleichtert das Beladen des großen Gepäckraums (385 Liter). Sonst macht der Ford zu wenig aus seiner Länge. Große drücken sich im Fond an den Sitzlehnen die Knie platt. Die Sitze gefallen mit festen Polstern, es gibt viele Ablagen. Für Entspannung sorgt die Klimaautomatik doppelt mit einer serienmäßigen Zwei-Zonen-Regelung. Das bietet in diesem Vergleich nur der Focus.

Ein Koreaner, so richtig nach Europas Geschmack

Kompliziert ist beim Kia nur der Name. Der cee’d (gesprochen: Ssiihd) ist ein schnörkelloser, geräumiger und solider Kompakter – so richtig nach Europas Geschmack. Gebaut wird der Kia in der Slowakei. Sein Design schlüpft anstandsfrei durch den Augen-TÜV. Die Qualität stärkt das Vertrauen in die versprochenen fünf Jahre Garantie. Einziger Mangel: In unserem Testwagen stank das Plastik. Bei Platzangebot und Rundumsicht ist der Kia top. Nur: Die Zeiten fernöstlicher Ausstattungswunder sind vorbei. Im Basismodell (für unerreicht günstige 17.785 Euro) fehlen Nebelscheinwerfer, Klimaanlage und elektrische Fensterheber hinten.

Uff – ist der eng! Wer aus dem Auris oder cee’d umsteigt in den Opel Astra, zieht automatisch den Kopf ein. Erstens, weil es unters flachste Dach (1,46 Meter Höhe) tief hinuntergeht. Zweitens, weil der Opel vorn wie hinten spürbare sechs Zentimeter schmaler ist als zum Beispiel der neue Bravo. Er ist halt ein Kompakter alten Zuschnitts mit großen, hohen Seitenfenstern und guter Sicht, aber einem tristen, dunklen Interieur. Daran hat auch das bisschen Alu-Lametta auf den Lüftungsgittern, das seit dem Facelift mehr Glanz verbreiten soll, kaum etwas geändert. An den praktischen Alltags-Qualitäten des Opel gibt es dagegen wenig zu meckern. Auf straffen Polstern mit großem Verstellbereich sitzen auch Lange bestens. In den glattflächigen Kofferraum (380 Liter) darf man ordentlich einpacken. Hinterm Steuer stören nur die klobigen Lenkstockhebel und die umständliche Bedienung der optionalen Klimaautomatik. Geht es um die Sicherheit, dann fährt der Astra ganz nach vorn – serienmäßig an Bord sind dynamische Kopfstützen, Regensensor und ein Fahrlicht, das sich bei Dunkelheit automatisch einschaltet.

Hondas patentes Raumschiff

Gefährt für Captain Future: Der Civic fällt mit seinem Ufo-Design auf.

Wer sagt denn, Kompakte böten nur Einheitsbrei? Der Honda Civic sieht aus, als sei er gerade vom Mars gelandet. Kantig, spacig, anders. Dreieckig die Endrohre, die Türgriffe spitz wie Wurfpfeile. Drinnen geht der Raumschiff- Look weiter. Allein das futuristische Cockpit jagt dir morgens "Hallowach" ins Auge, ebenso der Schulterblick nach rechts hinten beim Einparken: Man sieht fast nichts! Die breite C-Säule und der Knick in der Heckscheibe verdecken ganze Fahrräder. Dabei steckt hinter der verrückten Verpackung eine Vollwert-Ausstattung (als einziger mit Klimaautomatik, CD-Radio und elektrischen Fensterhebern rundum). Und ein praktisches Alltags-Talent ist der Civic auch. Der Honda hat den größten Kofferraum (456 Liter), die niedrigste Ladekante und beherrscht als einziger im Fond einen vorbildlichen Umbautrick, der ihm bei der Variabilität ein paar Bonuspunkte einbringt. Man klappt die Sitzfläche senkrecht vor die Lehne hoch – dann passt ein Fahrrad quer hinein. Was für ein praktisches Marsmobil!

Eine fast senkrecht stehende Heckscheibe, geschwungen wie ein Schaufenster in Paris – am Art- Déco-Hintern des Renault Mégane scheiden sich noch immer deutsche Geister. Ich behaupte: Dieser Design-Lichtblick wird irgendwann mal gesucht sein. Zugegeben, voll alltagstauglich sind weder der vorstehende Stoßfänger hinten noch die schmale Ladeluke oder der knappe Fond. Auch die kurzen Sitzflächen und die fummelige Lehnenverstellung bringen Minuspunkte. Dafür packen die Franzosen ihren Kompakten randvoll mit Komfortextras, die bei der Konkurrenz richtig kosten: zum Beispiel Bordcomputer, vier elektrische Fensterheber, Regensensor oder Nebellampen.

Auris – eine Golf-Attacke mit dem Rotstift

Sollen wir ihn gleich Toyota Golf nennen? Der neue Auris ist dem Klassenbesten wie aus dem Gesicht geschnitten: unaufgeregtes Design, stämmige C-Säule, in Länge und Radstand fast exakt gleich. Wichtigster Unterschied: Man sitzt im Auris höher als im VW, auch der Einstieg unters höhere Dach fällt leichter. Mehr Platz gibt es deshalb noch lange nicht. Auch der Gag mit der hohen Mittelkonsole, die uns den Schalthebel entgegenreckt, entpuppt sich im Alltag als nutzlos. So geht Platz für Ablagen verloren, das Fach darunter kann man nicht einsehen. Die Rückbanklehne arretiert in zwei Stufen steiler oder flacher – etwas mehr Serienausstattung wäre uns lieber. So ist der Auris genau so karg ausgerüstet wie der Golf, und auch bei der Qualität im Detail spürt man den Rotstift der Japaner.

Nur das Nötigste im Golf: Selbst ein Radio fehlt in der Basisversion.

Kommen wir zum Maßstab der Klasse – zumindest was seine Innenraumgröße und die häufige Verbreitung auf unseren Straßen angeht. Obwohl der VW Golf an jeder Ecke steht, ist es doch erstaunlich, dass man sich an diesem zeitlosen Jedermann-Auto nicht satt sieht – wie schaffen es die Wolfsburger nur, dass sein Design langsamer altert als bei der Konkurrenz? Seine Gegner wachsen in Höhe (Auris) oder Länge (Focus, Bravo) über den VW hinaus, aber keiner holt mehr Platz aus seiner Grundfläche. Man sitzt hervorragend, die Schalterlandschaft ist teutonisch durchdacht. Und wenn es in den Urlaub geht, kann man dem VW zuladen bis zum Geht-nicht-mehr (530 Kilo). Was fehlt noch? Vielleicht der siebte (Knie-)Airbag wie im jüngeren Toyota, ein Hauch mehr Kofferraum und natürlich mehr Auto fürs Geld: Der VW bietet wieder mal nur das Nötigste, selbst ein Radio fehlt in der Basisversion für teure 23.133 Euro. Am Sieg des VW im ersten Teil – gemeinsam mit dem Kia – kann das aber kaum rütteln.

So punktet AUTO BILD

Im ersten Teil vergeben wir 200 Punkte im Kapitel Karosserie. Sicherheit, Sitze und Qualität – da liegen die Kompakten eng beieinander. Größer sind die Unterschiede beim Platzangebot, bei dem cee’d, Auris und Golf kräftig punkten. Der Honda kassiert Bonuspunkte für die aufstellbare Rückbank, der Mégane für seine umfangreiche Serienausstattung. Hier enttäuscht der neue Bravo. Ausgerechnet die schöne Form kostet den Citroën C4 wichtige Punkte.

Zwischenfazit von AUTO BILD-Redakteur Joachim Staat

Nach dem ersten Teil das bekannte Bild: Der Golf liegt vorn, weil er viel Platz bietet, am meisten zulädt und die übersicht stimmt. Gleichauf und das überrascht: Kia cee’d. Dahinter folgen mit je einem Punkt Abstand der grundsolide Opel Astra, der variable Honda Civic und der Ford Focus mit dem Fließheck. Im Mittelfeld der sichere Toyota Auris vor dem Renault Mégane mit seiner guten Ausstattung. Hinten liegen nach Teil 1 der enge Citroën C4 und der Fiat Bravo, der für vordere Plätze zu geizig ausgerüstet ist. Den gesamten Vergleich mit allen technischen Daten und Wertungen können Sie hier bequem als PDF herunterladen. 

Autor: Joachim Staat

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