Nissan ProPilot 3 (2020): Erster Test

Nissan ProPilot 3 (2020): Erster Test

— 06.11.2017

Hände weg!

Ab 2020 will Renault-Nissan selbstfahrende Autos anbieten. Wie weit die Ingenieure sind, hat AUTO BILD im Prototyp herausgefunden.

Wie von Geisterhand fährt der Infiniti Q50 S langsam an, nimmt sicher die erste Linkskurve und kommt an der Ampelkreuzung problemlos zum Stehen. Der Blinker links schaltet sich automatisch ein – einen Fahrer braucht das Auto nicht. In Serie will der Renault-Nissan-Konzern das autonome Fahren erst 2020 bringen – AUTO BILD hat es bereits getestet.

Die Technik ist lauter als ein V6-Motor

Auch auf Schnellstraßen und in der Innenstadt soll das Auto ohne Fahrer auskommen.

Die Testfahrt geht quer durch die Millionenmetropole Tokio, rund 21 Kilometer werden wir autonom fahren. Das Surren der Computerlüfter im mit Technik vollgestopften Kofferraum ist lauter als das reguläre V6-Triebwerk des Infiniti Q50 S. "Wir haben in unserer Testflotte verschiedene Fahrzeuge von Nissan und Infiniti", erklärt Chefentwickler Tetsuya Iijima, "Ein Teil davon ist in Tokio unterwegs; andere in London und im Großraum San Francisco. Insgesamt haben wir mit ihnen bisher 500.000 Testkilometer gesammelt. Rund 200.000 Kilometer mit unseren Systemen ProPilot 1 und 2." Doch konnten die nur unterstützend beim Halten von Spur oder Abstand assistieren, geht ProPilot 3 in die Volle und soll ohne Zutun des Fahrers auskommen – auch auf Schnellstraßen und in der Innenstadt.

Noch ist das System nicht ausgereift

Die animierte Instrumenteneinheit zeigt in Schwarzweiß das Bild, das man beim Herausschauen aus der Frontscheibe erblickt. Eine kleine Ampel ist rot und der Tacho zeigt 0 km/h – erlaubtes Tempo 40 km/h. Als die Ampel Grün zeigt, fährt die Limousine langsam an und beschleunigt bis auf Tempo 50. Es geht über eine lang gezogene Brücke, auf der am linken Straßenrand ein paar Lastwagen parken. Das Fahrzeug verzögert scheinbar grundlos seine Fahrt, beschleunigt wieder leicht und verzögert beim nächsten Lastwagen wieder. "Hieran müssen wir noch arbeiten", erklärt Tetsuya Iijima, "die Elektronik denkt, dass hinter den Fahrzeugen Fußgänger oder spielende Kinder auf die Straße laufen könnten und bremst daher leicht ab. Aber wir sind ja auch noch nicht im Serienstand."

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Autonom durch die Mautstation

Für das autonome Fahren sind zusätzliche Kameras den vier Ecken des Daches nötig.

Ein paar Hundert Meter weiter geht es nach links auf den Freeway 357 Richtung Chiba. Das Auto greift nicht nur auf die Serienkamera hinter dem Innenspiegel, sondern auch auf kleine Kameras in den Außenspiegeln, an den vier Ecken des Daches, am Heck sowie Radar- und Sonarsensoren zurück. Es fährt etwas zögerlich, aber zielstrebig durch die Bezahlstation auf den Freeway Richtung Norden. Tetsuya Iijima scheint zu seinem System großes Vertrauen zu haben, denn der Japaner dreht sich immer wieder lange nach hinten um und erklärt die aufwendige Technik. Er thematisiert die Arbeit von Kameras und Sensoren, sinniert über die Größe der Recheneinheit.

Tempolimits werden exakt eingehalten

Es geht weiter Richtung Norden auf der 357 und der Verkehr rauscht links und rechts vorbei. "Unser System hält sich immer genau an die Geschwindigkeitsbegrenzungen", erklärt Herr Iijima, "hier eben an Tempo 60. Wenn die Situation oder die Umgebung undurchsichtig ist auch etwas weniger." Doch der umliegende Verkehr stört sich an dem rot umrandeten 60-km/h-Schild allzu wenig. Selbst große Lastwagen ziehen mit 80 oder 90 km/h rechts an uns vorbei. Ein Problem, dass das (teil-) automatisierte Fahren mit sich bringt: die Elektronik hält sich an Tempolimits – mehr als die meisten Verkehrsteilnehmer. Das macht einen gerade im fließenden Verkehr langsamer als die anderen.

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Das System meistert selbst schwierige Situationen

Das System hält die erlaubte Höchstgeschwindigkeit peinlich genau ein.

Abgesehen vom etwas zögerlichen Beschleunigen und der peinlich genauen Einhaltung der erlaubten Höchstgeschwindigkeit kann man dem System ProPilot 3 aus dem Hause Nissan kaum etwas vorwerfen. Automatisch werden Richtungswechsel, Bezahlschranken oder Ausfahrten angekündigt und zielsicher fährt das Auto mit eingeschaltetem Blinker links von der Autobahn ab. In der Ausfahrt staut es sich und Tetsuya Iijima. Im Schneckentempo krabbelt der Q50 nach vorn, bremst ab, steht und fährt wieder an – immer wieder. Vor der Ampel wird perfekt gestoppt und nach einer 180-Grad Kehre geht es wieder auf den Freeway 357 zurück Richtung Süden. Der Nissan-Entwickler zeigt zum ersten Mal eine leichte Anspannung, als er die turbulente Verkehrssituation auf dem Freeway sieht; seine Hände sind in Lenkradnähe um eingreifen zu können. Doch der Testwagen blinkt und drückt sich problemlos in eine kleine Lücke – alles in Ordnung. Kein Eingreifen erforderlich.

Autonomes Fahren wird Sonderausstattung

"Wir sind noch lange nicht fertig mit unserer Arbeit", sagt Tetsuya Iijima als es über die 357 und später die B11 zurück Richtung Yokohama geht, "wir haben noch sehr viel zu tun. Wir müssen die Technik in eine serientaugliche Größe bekommen, dann gibt es natürlich auch eine Kamera im Innern, die überprüft ob der Fahrer am Steuer sitzt. Wir brauchen zudem eine extrem genaue HD-Karte. Das alles wird noch eine Zeit dauern." Als es um den Serieneinsatz geht, hält er sich abgesehen vom Einführungszeitpunt im Jahre 2020 bedeckt. Es sei eher eine Sonderausstattung, räumt er ein, die in verschiedenen Modellen kommen könnte. Preis – noch unbekannt. Nach zwei kleineren Staus rollt der Infiniti Q50 S langsam exakt auf den Platz, auf dem es losging. Tetsuya Iijima hat nicht einmal ins Steuer gegriffen – und schwört Stein und Bein, dass sich diese Testfahrt überall wiederholen ließe. Wir glauben es ihm.

Nissan ProPilot 3 (2020): Erster Test

Autor: Stefan Grundhoff

Stichworte:

Autonomes Fahren

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