Nürburgring: Kampf um die Lizenz

Die Fahrprüfung in der "Grünen Hölle" in Bildern

Nürburgring: Kampf um die Lizenz

Fahrprüfung in der „Grünen Hölle“

Wer VLN-Rennen auf der Nordschleife des Nürburgrings fahren will, benötigt dazu eine Zusatzlizenz. ABMS hat den „Nordschleifenführerschein“ gemacht.
„Ooooooooohhhh!“ raunt es durch den Seminarraum. Instruktor Heiko Tönges zeigt gerade die letzte einiger haarsträubender Onboard-Kameraaufnahmen zu Gelbverstößen auf der Nürburgring-Nordschleife. Alles echt, alles in der VLN Langstreckenmeisterschaft Nürburgring passiert. Die gelbe Flagge bedeutet: Gefahr an der Strecke, nicht überholen. Und zwei gelbe Flaggen, dass die Gefahr direkt auf der Strecke lauert. Selbst auf der etwas wackligen Aufnahme ist gut zu erkennen, wie an einem Streckenposten zunächst eine, dann am nächsten zwei gelbe Flaggen geschwenkt werden. Ein Vorwarnsystem, das in dieser Form speziell an der engen und unübersichtlichen Nordschleife eingesetzt wird. Doch der Fahrer im Video reagiert nicht, bremst nicht. Obwohl es eine Kuppe hinaufgeht. Die letzte Sekunde der Aufnahme zeigt, wie er sich rasend schnell dem Heck eines anderen Rennwagens nähert, der hinter der Kuppe auf der Strecke steht. Dann setzt die Kamera aus.

Vor der Praxis geht es erstmal in die Theorie für die Lehrlinge

„Jeder, der eine Permit Nordschleife beim Deutschen Motorsport Bund beantragt hat, muss ein Onlinetraining absolvieren und sollte diese Regeln bereits kennen“, erklärt mir Heiko später, „aber die wichtigsten Dinge kann man gar nicht oft genug sagen und zeigen.“ Mit 24 weiteren Teilnehmern sitze ich in einem zweitägigen Kurs der Nürburgring Driving Academy. Das Besondere: Keiner im Raum nimmt an diesem Kurs teil, weil er Rennfahrer werden möchte. Alle hier haben bereits eine Rennlizenz. Manch einer sogar seit mehreren Jahrzehnten. Hier geht es einzig und allein darum, sich für eine Permit Nordschleife zu qualifizieren. Einen „Nordschleifenführerschein”, wie die erstmals zur Saison 2015 eingeführte Zusatzlizenz auch gern genannt wird. Sie soll sicherstellen, dass jeder, der an Veranstaltungen wie der VLN oder dem 24-Stunden-Rennen teilnimmt, sich vorher ausreichend mit den Besonderheiten der 20,8 Kilometer langen „Grünen Hölle“ vertraut gemacht hat. Entweder mit einer genau definierten Rennerfahrung in „kleineren“ Serien wie der Rundstrecken Challenge Nürburgring (RCN). Oder aber durch einen speziellen Nordschleifen-Lehrgang, wie ihn unter anderem die Driving Academy mehrmals im Jahr anbietet.

Die Fahrprüfung in der "Grünen Hölle" in Bildern

Keine Ausnahme für DTM-Profis

Ehrlich gestanden hatte ich gehofft, dass der Deutsche Motorsport Bund, kurz DMSB, meine Teilnahme am 24-Stunden-Rennen 2007 und zuletzt in VLN-Läufen 2011 für eine Permit Nordschleife anerkennen würde. Doch die Regeln sind eindeutig: Wer in den vergangenen fünf Jahren keine Rennen auf dem Eifelkurs gefahren ist, muss sich neu qualifizieren. Vor allem deshalb, weil die Leistungsunterschiede zwischen den über 500 PS starken GT3-Rennwagen des Spitzenfelds und seriennahen Klassen wie dem TMG GT86 Cup mit rund 200 PS in den vergangenen Jahren gewachsen sind. Und der DMSB kennt dabei kein Pardon: Selbst Hersteller wie Mercedes oder BMW mussten ihre DTM-Piloten zu Lehrgängen schicken. Und anschließend teils sogar bei Privatteams auf Fahrzeugen anderen Marken einmieten, damit sie anschließend auf GT3-Rennwagen umsatteln durften. Denn die Permit existiert in zwei Stufen: Erst einmal gibt es nur die Stufe B für leistungsschwächere Fahrzeuge. Stufe A bekommt anschließend nur, wer auch Erfolge aus mindestens zwei Rennen wie der VLN nachweisen kann.

Mit dem Bus fahren die Teilnehmer die "Grüne Hölle" ab

Während Instruktor Heiko noch einmal alle Formalitäten ausführlich erklärt, schaue ich mich um. Die Gruppe ist bunt gemischt. Sowohl was das Alter, als auch die Nationalitäten anbetrifft. Die ganz Jungen sind drei Junioren aus dem BMW-Förderkader. Später in der Pause komme ich mit Ida aus Japan ins Gespräch, der seit über 30 Jahren Autorennen fährt. Er will sich unmittelbar nach dem Lehrgang den Traum von einem VLN-Rennen erfüllen, für das er sich bereits bei einem Team eingemietet hat. Oder Juha, der schon mehrmals aus Finnland angereist ist, um an der RCN teilzunehmen. Auch er will den nächsten Schritt in Richtung VLN setzen. Die meisten hier im Lehrgang haben kein eigenes Auto. Auch der Wagen, den ich steuern werde, ist angemietet: Der Toyota GT86 der seriennahen Klasse V3 gehört Mathol Racing. Dieses Team hat sich darauf spezialisiert, sportlichen Fahrern vom Lizenzlehrgang über Trackdays bis zu Rennteilnahmen Komplettpakete anzubieten. In der VLN setzte Mathol allein beim fünften Lauf neun Fahrzeuge ein. Die teameigene Fahrzeugpalette reicht dabei von Toyota GT86 bis zu Aston Martin Vantage V8. Und der Service von Mechanikern bis zum Physiotherapeuten.

Beim Praxisteil regnet es in Strömen

Auf dem Weg ins Renncockpit ist aber zunächst jeder Fahrer auf sich allein gestellt, wenn es darum geht, den Permit-Lehrgang erfolgreich abzuschließen. Der erste Tag endet mit einer Bustour über die Nordschleife. Chefinstruktor Andreas Gülden erklärt Einlenkpunkte und Linienwahl. Macht auf Bodenwellen, Fahrbahnbelagswechsel oder die Stellen aufmerksam, an denen sich das Wasser seinen Weg über die Strecke sucht, wenn es regnet. Seit 1998 ist der aktive Rennfahrer Instruktor, hat selbst hunderte Runden Nordschleifenerfahrung gesammelt. An den wichtigsten Stellen wie dem Aremberg oder dem Karussell hält der Bus an. Wir steigen aus und begutachten die Tücken der Strecke aus nächster Nähe, auf die uns Andreas und Heiko hinweisen.

Chefinstruktor Andreas Gülden fährt die Ideallinie vor

Am nächsten Morgen regnet es in Strömen. Aus der Theorie vom Vortag wird nun Praxis in verschärfter Form. Das Wasser steht überall auf der Strecke. Mehrere Instruktoren sind nun im Einsatz. Zunächst folge ich mit einer Gruppe aus vier Fahrzeugen Andreas Gülden. Er hat die Rückspiegel und damit uns ständig im Blick. Über Funk bekommen wir Tipps und Anweisungen. Vor allem auch dazu, wie die beste Regenlinie zu fahren ist. Also ein etwas weiterer Kurvenradius und insbesondere Bremswege, die abseits vom stärksten Gummiabrieb liegen. Denn wo der Asphalt im Trockenen besonders griffig ist, ist er nun extrem rutschig.

GT3-Rennwagen mischen auf der Strecke mit

Nach einer kurzen Pause splitten wir die Gruppen noch einmal auf. Nur noch zwei Fahrzeuge folgen nun jeweils einem Instruktor für weitere vier Runden. Mit deutlich gesteigertem Tempo. Nach wenigen Minuten zieht es an meinem Ohr. Das Funkgerät hat sich selbstständig gemacht. Das irritiert mich, obwohl ich Andreas noch hören kann. Ich lasse abreißen, werde klein in seinen Rückspiegeln. Andreas bemerkt das. Am Ende der Runde ist mein Problem mit dem Funk zwar gelöst. Doch dann höre ich ihn sagen: „Was ich letzte Runde gesehen habe, reicht mir noch nicht für eine Permit, Martin. Da musst Du jetzt zulegen!“ Die Ansage hat gesessen. Nun versuche ich, ihm dicht zu folgen. Ein paar Mal büxt das Heck des Toyota GT86 dabei leicht aus. Gegenlenken, nur nicht aus der Ruhe bringen lassen. Doch nun sind auch erstmals andere Autos auf der Strecke, die regulär in der VLN starten. Wir sind als Permit-Lehrgangsteilnehmer im VLN-Testtag unterwegs, haben den Nürburgring nun nicht mehr für uns allein. Und von hinten sehe ich plötzlich gelbe Scheinwerfer heranfliegen. Ein GT3-Rennwagen nähert sich.

Ins kalte Wasser geschmissen: Beim Paxisteil fahren die Lehrlinge auf nasser Piste

Mir bleibt wenig Zeit zu reagieren. Heikos Worte vom Vortag schießen mir durch den Kopf. Über das Wichtigste auf der Nordschleife, den Respekt zwischen langsameren und schnelleren Fahrzeugen, zwischen Profi- und Amateurrennfahrern. Und den Blinker, den man nutzen sollte, um überholen zu lassen. Den setzte ich nun, fahre defensiv auf die Seite, lasse den schnellen Porsche vorbeiziehen. Auch auf die Gefahr hin, den Anschluss an Andreas erneut zu verlieren. Doch der hat die Situation sehr wohl in seinen Rückspiegeln mitbekommen. Als ich später aus dem Auto steige, klopft er mir anerkennend auf die Schulter: „In der zweite Runde hast Du mir gezeigt, dass Du die Permit verdient hast“, lobt er. „Und damit meine ich nicht nur, dass Du an Tempo zulegen konntest: Du bist mit viel Übersicht gefahren und hast fair Platz gemacht. Genau das ist es, worauf es im Zweifelsfall auf der Nordschleife ankommt.“

Nicht jeder besteht den Lehrgang

Acht weitere Runden müssen alle Teilnehmer nun noch allein im Trainingsbetrieb zurücklegen. Ein Transponder in jedem Auto verrät den Instruktoren, wo wir auf der Strecke sind und wie schnell wir gerade fahren. Über Funk bin ich jetzt mit Mathol Racing verbunden. Jede Runde melde ich mich von der Döttinger Höhe, der längsten Geraden. Plane einen Tankstopp mit dem Team. Als ich die Runden hinter mir habe, den GT86 am Treffpunkt im Fahrerlager abstelle, wird gerade ein BMW von einem Abschleppwagen geladen. Er ist bis zur Heckscheibe eingedrückt. Sein Fahrer wird heute kein Zertifikat für einen „Nürburgringführerschein“ bekommen, kann noch vor seiner geplanten VLN-Teilnahme abreisen. Er ist durch die Fahrprüfung gefallen. Wie zwei weitere Lehrgangsteilnehmer. Die hatten zwar keinen Unfall, waren in den Augen der Instruktoren den Eigenheiten der Nordschleife aber nicht ausreichend gewachsen. „Auch wenn es mir für die Betroffenen leid tut, müssen wir so handeln“, erklärt Heiko. Er und seine Instruktorkollegen von der Driving Academy können und wollen die Permit-Regelung nicht ad absurdum führen. „Denn es geht hier schließlich um die Sicherheit aller – der Fahrer, der Streckenmarshalls und der Zuschauer.“

Autor: Martin Westerhoff

Fotos: M. Westerhoff / Hersteller

Diesen Beitrag empfehlen

Anzeige

Automarkt

Gebrauchtwagen