Nummernschilder für die Welt

Nummernschilder für die Welt Nummernschilder für die Welt

Nummernschilder für die Welt

— 25.07.2006

Kennzeichen D

Das deutsche Nummernschild ist 100 Jahre alt. Der Siegener Familienbetrieb Utsch ist heute Weltmarktführer. Dort werden Kennzeichen für 125 Länder hergestellt.

Am Anfang steht eine alte Weinpresse und ein neues Wirtschaftswunder. Es ist das Jahr 1961, Deutschland macht mobil, immer mehr Autos befahren die Straßen. Und Erich Utsch aus Siegen baut mit seinen Söhnen eine alte Wein-Kelterpresse zu der ersten Prägepresse für Kfz-Kennzeichen um. Damit fing alles an.

Viereinhalb Jahrzehnte später laufen in einer unscheinbaren Halle im Gewerbegebiet von Siegen Aluminium-Bleche vom Fließband. Nummernschilder, die für Autos in einem Land bestimmt sind, von dem viele Menschen 1961 nicht einmal wussten, dass es existiert: Haiti steht darauf, in Pastellfarben, wie auch der Umriss der Insel. Die Buchstaben und Zahlen in Dunkelgrün. Gefertigt, verpackt und verschifft von der Utsch AG, dem Weltmarktführer für die Produktion von Autokennzeichen. Haiti ist nur eines von 125 Ländern, in denen Utsch-Bleche an den Wagen geschraubt werden.

"Die Expansion in aller Herren Länder ist das Ergebnis deutscher Zuverlässigkeit", sagt Manfred Utsch (70), Sohn des Firmengründers, heute Aufsichtsratschef und Unternehmer im wahrsten Sinne. Der weltweite Siegeszug Siegener Nummernschilder und Prägemaschinen für die Massenproduktion begann in Spanien und Frankreich.

Seit 1961 druckt die Utsch AG Nummernschilder für Haiti.



Im Jahre 1969 dann setzte sich Manfred Utsch im Alter von 33 Jahren ins Flugzeug und reiste nach Bagdad. "Um im Ausland Erfolg zu haben, muss man die fremden Kulturen akzeptieren", sagt der Senior. Die Irakis mochten den deutschen Gerschäftsmann. Später, bei Verhandlungen in Turkmenistan, kippte Utsch 17 Wodka, und weil ihn das nicht umhaute, wurde der Vertrag unterschrieben. Als die Iraner zu Verhandlungen nach Siegen kamen, räumte Utsch sein Büro, schaute, wo Osten liegt, stellte einen Eimer Wasser zum Waschen der Füße hin – und ließ seine Gäste beten. Das Ergebnis der Gastfreundschaft war der beste Auftrag aller Zeiten.

Kennzeichen-Sicherheit: Auf Schildern in Saudi-Arabien werden Hologrammstreifen eingearbeitet.

So wuchs die Firma. Im ersten Jahr erwirtschafteten vier Mitarbeiter einen Umsatz von 190.000 Mark. Im vergangenen Jahr betrug der Umsatz bei weltweit 400 Mitarbeitern über 100 Millionen Euro. Geliefert wird High-Tech made in Germany. Die erste, tonnenschwere Presse ist längst durch kompakte Maschinen ersetzt worden, die in den Häuschen vor den 2000 Zulassungsstellen in Deutschland stehen. Die modernen EU-Schilder aus Aluminium sind mit 160 Gramm siebenmal leichter als die Stahlschilder aus den 60ern.

Die nächste Generation von "Kennzeichen D" ist das selbstleuchtende Nummernschild – entwickelt von Utsch. Die neue Technik kommt pünktlich zum Jubiläum: Vor genau 100 Jahren wurde im Deutschen Reich ein einheitliches Kennzeichensystem für Nummernschilder eingeführt. Und seit exakt 50 Jahren gibt es bei uns das bekannte System mit einer DIN-Schrift, die erst 1995 geändert wurde, um Fälschungen zu erschweren. Ansonsten ist Deutschland in Sachen Kennzeichen-Sicherheit noch Entwicklungsland. Auf Nummernschildern in Saudi-Arabien werden bereits Hologrammstreifen wie auf Geldscheinen eingearbeitet.

Die 2,2 Millionen Bleche für Arabien werden auf einer der drei Produktionslinien im Heißprägeverfahren gefertigt. Die Maschinen dafür baut die Firma selbst. Wer anders als Haiti keine kompletten Kennzeichen ordert, der wird mit Rohlingen, Prägewerkzeugen und Maschinen beliefert. Oder erhält komplette Fertigungsanlagen. Wie Italien, wo die Schilder für das ganze Land zentral in Foggia hergestellt werden.

Gearbeitet wird zur Zeit in drei Schichten. Das Geschäft brummt. Polen benötigte neue EU-Kennzeichen, Bulgarien wird demnächst welche ordern. Montenegro ist unabhängig – ein potentieller neuer Kunde.

Schilderdesign vom berühmten Künstler Friedensreich Hundertwasser.

"Den Markt in Brasilien müssen wir jetzt auch erobern", kündigt Vorstands-Chef Helmut Jungbluth an, der die Utsch-Gruppe gerade durch ein Joint-venture in Argentinien erweiterte. Doch auch bei Utsch platzt mal ein Deal. 1989 wollte der berühmte Künstler Friedensreich Hundertwasser die von ihm gestalteten Nummernschilder für seine Heimat Österrreich in Siegen produzieren lassen. Der Besuch des Künstlers war ein Höhepunkt der Firmengeschichte. Die Nummernschilder aber gingen nie in Serie.

Autor: Hauke Schrieber

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