Online-Auktionen

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Online-Auktionen

— 10.05.2002

So wird gelogen und betrogen

Auf Online-Auktionen im Internet wird gelogen, dass sich die Schweller biegen. Wer hier ein gebrauchtes Auto ersteigert, bekommt nicht selten Schrott. Die Praktiken.

Ärger um Schnäppchen per Mausklick

In deutschen Auto-Werkstätten gilt ein neuer Satz: "Das ist ein Ebay-Fall." Dahinter verbirgt sich Ärger und immer eine Menge (unnötiges) Geld, weil sich der per Mausklick erworbene Traumwagen als Mogelpackung entpuppt. Fall 1: Der Citroën BX ist das Wunschauto des Dortmunders Michael Grote. Und er ist ein heißes Angebot. "In gutem Allgemeinzustand" steht er für 50 Euro bei Ebay. Grote gibt sein erstes Gebot ab – wenig später schnellt der Preis auf 200 Euro. Das Geschäft stinkt.

Denn der einzige echte Bieter ist in diesem Fall Grote. Er lässt sich mitreißen und ersteigert die Ware zu einem völlig überteuerten Preis, und zwar ungesehen. Der Dortmunder erzählt, was dann passierte: "Auf der Heimfahrt platzte auf der A 44 die gesamte Hydraulik. Ich wäre fast ungebremst von der Bahn geflogen." In der nächsten Citroën-Werkstatt die Ernüchterung: Der Wagen hat nur noch Schrottwert. Michael Grote zahlt 150 Euro für die Verwertung und bleibt auf einem Auktions-Schaden von 400 Euro sitzen.

Fall 2: Mercedes-Experte David Bothen aus Bottrop ersteigert einen W 123 mit angeblich 60.000 Kilometer Gesamtlaufleistung. Die Besichtigung vor Ort ergibt: Nichts stimmt. Die Laufleistung nicht ("mindestens 100.000 mehr"). Der Rest: eine Grotte, wie Kenner Autowracks nennen. Zwei Beispiele, ein Hintergrund: Ebay, der Online-Marktplatz. Hauptsächlich von privat/an privat wird hier gehandelt, was Keller und Garagen hergeben. Vom Überraschungsei bis zum Mercedes-Flügeltürer, vom Dampfbügeleisen bis zur seltenen Zierleisten-Schwinge des Olympia Rekord P1.

Niedrige Hemmschwelle, großer Jagdinstinkt

Es gibt andere Auktionshäuser wie Ricardo oder freebid, für sie gilt das Gleiche. Doch Ebay, mit weltweit 42 Millionen angemeldeten Nutzern, ist die größte Handelsplattform. Hier können bundesweit derzeit über 40.000 Auto-Zubehörteile, 9000 Radios und Navigationssysteme sowie knapp 3000 Autos ersteigert werden. Hier werden die Umsätze gemacht, hier tummeln sich die Jäger und Sammler beiderlei Geschlechts. Doch die Zeit des Schnäppchenkaufs wie in den Ebay-Anfangsjahren 95/96 ist längst Geschichte – an die in den Foren der Markenclubs mit Wehmut erinnert wird.

Dennoch gilt: Wer in bestimmten Segmenten sucht, kommt an www.ebay.de nicht vorbei. Ältere Gebrauchtwagen gehören dazu, Oldtimer ebenso und vor allem Autoteile nicht mehr produzierter Modelle. Noch lässt sich hervorragend das Garagen-Gelumpe losschlagen oder auch, andersrum, vermeintlich günstig erwerben; die Hemmschwelle ist niedrig, der Jagdinstinkt groß. Schließlich werden hier Geschäfte per Mausklick besiegelt, es muss vorerst kein Geld in die Hand genommen werden (was psychologisch gefährlich ist).

Bei Gebrauchtwagen zumindest erfolgt die Bezahlung vor Ort. Die Situation: Der eigentliche Autohandel findet im Preisbereich bis maximal 5000 Euro statt. Darüber ist das Risiko zu groß, selbst der gutgläubigste Kunde wird nicht auf einen Benz für 50.000 Euro bieten; es sei denn, das Auto steht zur Besichtigung frei in der Nachbarschaft. Überhaupt ist die Geographie das Hauptproblem: Verkäufer in Kiel, Käufer in Konstanz. In so einem Fall werden Fotos gemailt, die das Objekt der Begierde von seiner Sonnenseite zeigen. Fatale digitale Welt. Die Enttäuschung erfolgt im Nieselregen vor Ort: Wie bitte, darauf hab ich geboten? "Ersthand-Auto" mit Zweitbrief oder ganz ohne, "originale Austauschaggregate", die frischlackierte Luftfilter sind, und "Parkrempler" als Totalschaden.

"Scheunenfund" heißt oft nur Schrott

Siegmar Fröhlich von der Dekra in Hamburg wundert sich: "Man kann doch nicht auf Verdacht einen Gebrauchtwagen kaufen. Es muss jedem klar sein, dass die Billigkisten im Internet in der Regel nur was für Bastler sind." Sein Rat: "Vor jedem Kauf einen gründlichen Check. Am besten zusammen mit Sachverständigen." Halt so, wie es seit Generationen im realen Gebrauchtwagengeschäft üblich ist. Mittlerweile sind gerade bei Ebay einige Semi-Händler ins Geschäft mit alten Gebrauchten eingestiegen.

Ihre Fantasie ist begrenzt, ihr Betrugs-Potenzial nicht. Die vornehme Umschreibung lange stillgelegten Schrotts lautet "Scheunenfund" und wird zurzeit inflationär angeboten. Bestimmte Namen von Händlern in Oldtimerhallen tauchen dann zwar vorübergehend nicht mehr auf – zu hoch die Anzahl der zu Minuspunkten geprägten Beschwerden. Doch dass Ebay die Online-Abteilung solcher Schrotthöker dichtmacht, ist eher die Ausnahme. Als Mitglied "gustavgans1" schon vor knapp einem Jahr die Zentrale über Unregelmäßigkeiten beim Verkauf eines alten Mercedes informierte, lautete die computergenerierte Antwort: "Bitte beachten Sie, dass beim Verkauf oder Kauf über das Internet Risiken bestehen, die in der Natur des Mediums liegen."

Natürlich. Autohandel, zumal auf niedrigem Preisniveau, ist lebendiger Wilder Westen. Beim modernen Online-Deal jedoch weiß der Sheriff häufig nicht mal, wen er einbuchten soll. Das "Ebay-Sicherheitsteam" über die "schwierige Identifizierung" von Nutzern: "Wir können nicht zusichern, dass jeder derjenige ist, für den er sich ausgibt." Der Polizei in Hildesheim sind seit September 2001 allein zwölf Fälle von Unterschlagung bekannt. Geprellte Käufer haben Ware bei Ebay ersteigert, bezahlt und nicht erhalten. Walter Wallot von der Polizei: "In allen Fällen wurden die Angebote über ein Internet-Café eingestellt. Deshalb ist es nicht einfach, die Betrüger zu ermitteln."

Immer mehr gefälschte Markenware online

Im kritisierten Fall des "gustavgans1" hatte ein "HassanXY" den kurz zuvor ersteigerten Benz zum höheren Startpreis erneut angeboten. Ein Kollege, (der identisch war mit dem Erstverkäufer) war offenbar angeheuert worden, den Auktionspreis hochzujagen, nachdem ein ahnungsloses Opfer angebissen hatte. "Treiber" heißen solch hilfreiche Adressen in Insiderkreisen, nicht immer sind sie an dem bei Ebay üblichen Brillensymbol für Neueinsteiger erkennbar. "Hilfst du mir, helf ich dir", lautet das Motto sich bietender Unterstützung, und im Endergebnis verdient vor allem einer: der Anwalt.

Der macht Arbeit, Ärger, aber auch Sinn, wenn es um größere Beträge geht und eine Rechtsschutzversicherung vorliegt. Doch was tun bei vergammelter "Neuware", dem rostigen Außenspiegel für 15 Euro? Oder der ersteigerten 10-Euro-Fußmatte, die nicht geliefert wird? Sicher ist: Kleinvieh macht bei Ebay häufig Mist, denn das überwiegende Zahlungsprinzip im Kleinteileprogramm heißt Vorkasse. Kein Wunder, dass auch die Dealer mit gefälschten Markenwaren online gehen: "Immer mehr Produktfälscher entdecken das Internet als Vertriebsweg", sagt Doris Möller vom Aktionskreis Deutsche Wirtschaft gegen Produkt- und Markenpiraterie (APM). Im Angebot sind gefälschte Autoersatzteile, Uhren, Medikamente, Uhren und CD-Raubkopien.

"Schwarze Schafe" gibt es überall, hören wir sie jetzt bei Ebay sagen. Und auf die Ehrlichkeits-"Sternchen" verweisen. Doch der Verbraucherschützer Georg Tryba weiß: "Die Bewertungssternchen sind mit großer Vorsicht zu genießen. Man versteigert wochenlang wertlose Gegenstände für einen Euro an Freunde und bewertet sich gegenseitig mit 'sehr gut'. Ausgezeichnet mit diesem Vertrauensbonus, geht’s dann auf Bauernfang." Autokauf ist und bleibt Vertrauenssache. Wenn ein Marktplatz in Teilen zum Schrottplatz wird, sollte zumindest die Altauto-Karawane weiterziehen. Am besten zum nächsten Veteranentreffen Marke Veterama oder Bockhorn. Dort liegen die Vorteile auf der Hand: Anfassen erlaubt, Runterhandeln sowieso. Eine ganz neue, alte Erfahrung nach so viel "Epay".

Schönheitsfehler oder Pflegefall?

Das Prinzip aller Online-Auktionen ist einfach: Hoch gewinnt. Heißt: Wer zum Auktionsschluss die höchste Summe legt, erwirbt das Teil und geht damit einen rechtsverbindlichen Kaufvertrag ein. Damit das Geschäft online zustande kommt, ist bei Ebay eine Anmeldung erforderlich. In der Regel passiert dies unter einem Fantasienamen; ein Käufer/Verkäufer-Profil gibt im Laufe der Handelsaktivitäten mehr oder minder Aufschluss über die Seriosität des Mitglieds, da jede einzelne Transaktion mit Plus, Minus oder einer Neutral-Wertung bepunktet werden kann. Zu viele Minuspunkte können zum Ausschluss aus der Gemeinschaft führen – was aber keine wirkliche Hürde darstellt, denn dann meldet sich der so Gescholtene einfach unter einem anderen Namen wieder neu an.

"Mit kleinen Schönheitsfehlern, Peugeot 205 CJ Cabrio, weiß, 140 tkm, nur Langstrecke". So stand er mehrfach im Internet zur Auktion bei Ebay. Ein Schnäppchen zum Startpreis von einer Mark. Kleine Schönheitsfehler waren ihm zugestanden worden, heute rostet der Pflegefall auf dem Hinterhof einer Hamburger Werkstatt vor sich hin. Beim ersten Mal wurde er für 2510 Mark verkauft, beim zweiten Mal waren es noch 1160, zum Schluss nur eine Menge Kosten: Dach kaputt, Mechanik sowieso, und überhaupt repräsentiert der 205 nach Ansicht des letzten Käufers einen Wert von maximal 500 Mark. Die Anwälte freuen sich.

Bestellt und nicht abgeholt Ein seltener DAF-Volvo 66 mit Kombiheck. Verkauft Ende 2001 über Ebay für 600 Mark. Der Höchstbieter, ein Aktiver aus der deutschen DAF-Szene, zeigte sich wortreich, aber inaktiv. Zwei Monate ließ sich der Verkäufer hinhalten, bis er die Ausflüchte ("keine Zeit, komme später") leid war und den Wagen an einen Kollegen verschenkte. Ebay-Einstellkosten (120 Mark) futsch, die endlosen E-Mails nicht gerechnet. So kann’s laufen. "Spaßbieter" heißen derlei Zeitgenossen im Netz. Doch ihr Verhalten ist alles andere als witzig. Rechtswidrig sowieso.

Betrugs-Beispiel und AUTO BILD-Tipps

Diplom-Ingenieur Wolfgang Krause aus Rheurdt ist Gutachter und als solcher zum Experten für krumme Online-Geschäfte geworden. Ein Beispiel dafür ist der Opel Omega Caravan, Baujahr 93. Für Krause ein klassischer Fall von Online-Auktions-Betrug: "Der Tacho zeigt 80.000 Kilometer, die aufgetretenen Mängel sprechen eher für 280.000." Im Einzelnen: Fahrersitz gebrochen, Kühler defekt, Differenzial verschlissen, Wasserpumpe im Eimer, Antriebswellen angeknackst.

Angeboten wurde der Omega als unfallfrei. Krause sieht das anders: "Die Schleifspuren an der Dachreling künden von einem schlecht reparierten Fast-Überschlag." Ein Fabrikant hat den roten Opel für 2500 Euro blind ersteigert. Krause: "Wert ist er nicht mal die Hälfte." Geschädigte können zwar auf die Betrugsversicherung von Ebay hoffen, doch die zahlt – wenn überhaupt – nur 200 Euro Entschädigung. Internet-Anwalt Dr. Ivo Geis: "Die Vertragsbedingungen sind mit Ausnahmeregelungen gespickt. In den meisten Fällen ist diese Versicherung höchstwahrscheinlich wirkungslos."

AUTO BILD-Tipps 1. Gehen Sie nie finanziell in Vorleistung. Stattdessen: Barzahlung bei Übergabe oder Kauf über ein Treuhandkonto abwickeln. 2. Schauen Sie sich das Auto immer vorher an. Fotos können lügen, Vorsicht bei Beschreibungen wie "Auto ungewaschen". (Lack runter?) Besser: Überprüfung des Wagens bei TÜV, Dekra oder Vertragswerkstatt. So viel Zeit muss sein. 3. Vorsicht, wenn Halter und Verkäufer nicht identisch. 4. Bieterprofile studieren: Viele Minuspunkte? Dann lieber Abstand nehmen. 5. Dokumente vollständig? Vorsicht bei Beschreibungen wie "Papiere, Schlüssel derzeit nicht auffindbar". 6. Das OLG Münster hat entschieden: Eine Online-Auktion ist kein Spiel. Damit ist jeder Klick ein Kaufvertrag. Bieten Sie also nie nur zum Spaß mit.

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