Opel Astra 1.9 CDTI im Härtetest

Opel Astra 1.9 CDTI Opel Astra 1.9 CDTI

Opel Astra 1.9 CDTI im Härtetest

— 23.02.2004

Zehn Länder in 60 Stunden

Vier Wochen vor dem Verkaufsstart hat AUTO BILD den neuen Astra quer durch Europa gescheucht. Über 2000 Kilometer im Zeitraffer. Ergebnis: Es wird eng für den Golf.

Scharfer Scheitel, dynamische Strähnen

Was Haarspray kann, schafft auch Opel. Hamburg, Graupelschauer: Der Astra flitzt unbeeindruckt über die Autobahn. St. Moritz, festgefahrene Schneedecke: perfekter Halt dank Frontantrieb. Mailand, Sonne: Sein Styling kommt an.

Donnerwetter, Opel, der neue Astra macht was her! Dieses Design hat sich gewaschen. Scharfer Scheitel vorn, dynamische Strähnen und ein aufregend geföhntes Heck – mit dieser Frisur stolziert er ab 20. März 2004 auf den automobilen Laufsteg zwischen Flensburg und Garmisch. Und das ist Golf-Land. Noch zumindest. Denn Rüsselsheim zeigt Mut und präsentiert einen äußerst angriffslustigen Astra. Aussehen ist das eine, innere Qualität das andere. Hat der Schönling auch technischen Tiefgang? Oder ist er nur eine aufgetakelte Fregatte? Um das zu klären, genügt keine 100-Kilometer-Spazierfahrt an der Côte d'Azur ...

AUTO BILD suchte die Antwort bei einem ersten Langstreckentest. Wir fuhren den Astra 1.9 CDTI von Norddeutschland nach Südfrankreich. Genauer: St. Tropez, wo der Astra in diesen Tagen offiziell der internationalen Presse vorgestellt wird. Mehr als 2000 Kilometer über unterschiedlichste Strecken unter extremen Wetterbedingungen. Das Protokoll der Zehn-Länder-Tour ist erfreulich.

Dieselmotor mit Bärenkräften

Montag, 9. Februar, 16 Uhr, Start in Hamburg: Wir haben einen vollen Tank, Gepäck für mehrere Tage dabei und tragen rote Winterjacken. Vier Grad Außentemperatur meldet der Bordcomputer. Willig springt der Euro 4-Diesel beim Kaltstart an und ist sofort als Selbstzünder zu erkennen. Nicht nur am Geräusch, sondern vor allem an seiner Leistungscharakteristik.

Kraftvoll zieht der 150-PS-Motor den rund 1,4 Tonnen schweren Astra die Köhlbrandbrücke hoch. 315 Newtonmeter bei 2000/min sind ein Wort. Ist er schon warm? Keine Ahnung. Anzeigen für Wasser- und Öltemperatur fehlen. Die Instrumentierung ist mit drei Rundarmaturen für Drehzahl, Tempo und Tank eher karg geraten. Mit 80 km/h zuckeln wir durch eine Autobahnbaustelle. Das reicht trotzdem für den sechsten Gang. Der Drehzahlmesser steht bei 1500/min. Kaum hörbar brummt nun der Vierzylinder vor sich hin.

Dann ist das Tempolimit aufgehoben. Vollgas: Deutlich vernehmbar knurrt der Common-Rail-16-Ventiler los. Zurückschalten ist nicht nötig. Der Motor hat Bärenkräfte und reißt den Astra schnell auf 180. Ab hier wird er zäh wie Haargel: 190, 200, 210, Schluss. Die Autobahn-Disziplin besteht der Astra mit Bravour. Bis 180 km/h ist er erstaunlich leise, eine Unterhaltung mit den Mitfahrern möglich, ohne die Stimme zu heben. Nur wer ganz schnell fährt, leidet unter starken Windgeräuschen. Das spricht für gute Dämmung und tadellose Motor-Manieren.

Verwundert glotzt ein C-Klasse-Fahrer bei Bremen auf den Astra, zieht vorbei, lässt sich wieder zurückfallen, mustert uns nochmals – und dann das: Sein Daumen zeigt aufmunternd nach oben. Sind wir schon in Italien oder was? Da sage noch einer, Mercedes-Benz-Fahrer mit HB-Kennzeichen seien nicht begeisterungsfähig.

IDS plus macht den Opel zum Sportler

Dienstag, zehn Uhr, Belgien: Auf der Formel-1-Strecke von Spa liegt Schnee. Wir fahren trotzdem rauf. Auf Sommerreifen. Nur mit viel Schwung meistern wir Eau Rouge, die berühmteste aller Grand-Prix-Kurven. Hinter der Senke ist es trocken, und der Opel darf zeigen, was er draufhat.

Nach drei zügigen Runden steht fest: Der Astra 1.9 CDTI ist ein Sport-Diesel ohne Wenn und Aber. Besonders wenn er wie unser Testwagen (optional) mit IDS plus ausgerüstet ist. Das steht für "Interaktives Dynamisches Fahrsystem" und wird sonst in Oberklassemodellen und Sportwagen verbaut. Ein CDC-Modul (Continuous Damping Control) passt permanent die Dämpfercharakteristik dem Fahrzustand an. Da zusätzlich alle fahrdynamischen Systeme vernetzt sind, optimiert IDS plus die Balance zwischen Komfort, Dynamik und Sicherheit.

Spa heißt natürlich Sport-Modus. Per Knopfdruck wird das Fahrwerk fühlbar straffer, und das System wirkt so stabilisierend auf die Straßenlage wie Schaumfestiger in der Elvis-Tolle. Damit nicht genug: Auf der Rennpiste reduziert das Elektronik-Fahrwerk nicht nur die für Fronttriebler-typische Untersteuertendenz, sondern erhöht die Lenkkräfte und sorgt so für mehr Rückmeldung. Außerdem wird das Ansprechverhalten des Motors spürbar besser. Im Sport-Modus reagiert unser Astra aber manchmal etwas ruckelig auf Gasbefehle. Trozdem: Wer gerne dynamisch fährt, kommt an diesem Extra nicht vorbei (Aufpreis je nach Motor 395 bis 690 Euro).

Doch auch ohne hat der Astra ein gutmütiges Fahrwerk, das gekonnt zwischen Komfort und maximaler Bodenhaftung austariert ist. Die direkte Lenkung sowie die exakt dosierbare Bremse erhöhen den Fahrspaß zusätzlich. Heißt: Auch im Fahrdynamik-Test zeigt der Astra ausgesprochenes Talent. Zwischenbilanz: Der Neue ist ein solides Auto mit aggressivem Design. Er ist aber auch eine technische Wundertüte. Neben IDS plus gibt es noch jede Menge aufpreispflichtige Überraschungen wie Kurvenlicht, Anhänger-Stabilitätsprogramm, Berg-Anfahrassistent, schlüsselloses Fahren und Reifendruck-Kontrollsystem.

Der Astra bleibt bodenständig

Mittwoch, neun Uhr, Bludenz in Österreich: Der Winter kommt noch mal auf Hochtouren. "Am Arlberg ist Schneekettenpflicht auch für Pkw", meldet Ö3 im Autoradio. Wir sind – wo sonst?! – 20 Kilometer vorm Arlberg. Und das immer noch auf Sommerreifen! Mit aufpreispflichtigen 17-Zoll-225er-Conti-Sportreifen ist eine Alpenüberquerung im Februar zum Haareraufen. Wir rutschen im Tiefschnee zum nächsten Reifenhändler. Der schüttelt den Kopf und greift zum Hörer. Nach drei Stunden und zwölf Telefonaten steht unser Astra auf vier 205er-Winterrädern. Preis: 652,99 Euro.

Eine gute Investition. Denn jetzt zieht der Astra zügig über alle offenen Pässe, die wir finden können, bringt uns sicher ins mondäne St. Moritz. Verschämt, weil verdreckt, parkt er zwischen Maybach, Range Rover und Ferrari. Nein, das ist nicht seine Welt. Der frisch gestylte Astra bleibt bodenständig. Motto: Bochum statt Bonzen, Frisör statt Coiffeur.

Wichtigste Winter-Weisheiten aber sind die eingeschränkte Variabilität und die gute Bedienbarkeit. Zwar klappen die Rücksitzlehnen asymmetrisch nach vorn, und der erweiterte Kofferraum schluckt die vier großen Sommerreifen plus Gepäck, doch leider gibt es keinen ebenen Ladeboden. Die Sitzfläche im Fond ist fest, und der Opel verschenkt Stauraum. Immerhin gibt es (anders als beim Golf) serienmäßig je nach Kundenwunsch ein vollwertiges Ersatz- oder Notrad oder einen Reifenreparatursatz.

Das solide Cockpit fühlt sich gut an

Verwöhnt werden wir in den Bergen von der guten Klima- und Navigationsanlage. Alle Funktionen sind logisch. Die Bedienung erfolgt intuitiv über einen zentralen Dreh-/Drückschalter. Auch die anderen Knöpfe, Tasten, die feinporige Verkleidung des Armaturenträgers sowie die Kunststoffflächen fühlen sich gut an, machen einen soliden Qualitätseindruck.

Der große Farbmonitor sitzt auf der gleichen Höhe wie die Rundinstrumente und ist darum bestens ablesbar. Er zeigt unter anderem Richtungshinweise, Karte, Radiofunktionen, Thermometer und Luftverteilung. Obwohl die Temperatur auf der schweizerischen Maloja-Passhöhe von minus acht in einer halben Stunde auf plus zwölf Grad im italienischen Chiavenna ansteigt, hält die Klimaautomatik die Raumtemperatur absolut konstant.

Mittwoch, 18 Uhr, Innenstadt von Mailand: Stop and go im Feierabendstau. Auch diese Prüfung besteht der Astra. Eine Anfahrschwäche ist nicht festzustellen. Fast ohne Gas rollt der Opel, ohne zu ruckeln. Abbiegen, einfädeln und einparken, das gelingt dank guter Übersichtlichkeit problemlos. Vor allem die Schaltung verdient Lob. Ihre Wege sind kurz, die Fahrstufen rasten präzise. Zum Einlegen des Rückwärtsgangs muss mit dem Zeigefinger eine kleine Kunststoffnase hochgezogen werden. Auch das klappt prima.

Gute Sportsitze im Cosmo

Mittwoch, 21 Uhr, Genua: Es riecht nach Mittelmeer und Frühling. Auf der Autostrada rollen wir die Küste entlang. Schon zwölf Stunden sind wir heute auf Achse. Lob an die Sportsitze, die in der Cosmo-Ausstattung serienmäßig sind. Ermüdungserscheinungen oder gar Rückenschmerzen sind bislang nicht zu registrieren. Nur das Drehrad für die Lehnenverstellung ist zu mühsam erreichbar.

Mittwoch, Mitternacht, Monaco: Monte Carlo zur Geisterstunde ist eine Reise wert. Ungestört können wir vor dem berühmten Casino fotografieren. Das Fürstentum ist taghell erleuchtet; die Straßen sind leer und glänzen wie der Kopf von Kojak. Uns übermannt ein "Wir haben es geschafft!"-Gefühl. So, als hätten wir gerade die Nacht der langen Messer hinter uns gebracht. Der Wagen ist uns ans Herz gewachsen.

Opels Neuer ist ein echter Kumpel, und wir sind sicher: Dieser Astra wird ein Hit. Als 1.9 CDTI, der ab Spätsommer ausgeliefert wird, ist er rundum gelungen. Bleibt zu hoffen, dass Opel ihn serienmäßig mit Partikelfilter anbietet. Die Entscheidung steht noch aus. Sein Preis dürfte bei 21.500 Euro liegen.

Seit zweieinhalb Tagen leben wir mit ihm und in ihm. Entsprechend sieht er aus. Bonbonpapier, leere Flaschen, Münzen und Tankquittungen zwischen den Sitzen, im Aschenbecher und in den Türfächern offenbaren ein Haar in der Astra-Suppe: Es fehlen Ablagen. Wohin mit dem Handy, den Landkarten und dem Notizbuch? Die Türablagen sind klein, haben nur zwei enge Dosenhalter. Auch das Staufach in der Armlehne und die Mini-Ablage unter dem Handbremshebel bieten zu wenig Platz für Kleinkram. Nur das Handschuhfach überzeugt: Es ist tief und fasst sogar unser kleines Laptop.

Unempfindlich gegen Schmutz

Donnerstag, 12. Februar, drei Uhr, Endspurt: Nizza und Cannes lassen wir links liegen. Um vier sind wir am Ziel. Geschafft. St. Tropez liegt im Tiefschlaf. Der Vollmond taucht die Palmen-Promenade in ein romantisches Licht. Selbst bei dieser Beleuchtung strahlt der Astra, obwohl er total eingesaut ist. Ein Verdienst seiner Farbe namens Papyrus. Dieser Lack ist schmutzunempfindlich. Selbst wenn er dreckig ist, sieht er sauber aus.

Auch die Bilanz stimmt: 60 Stunden, 2454 Kilometer, Temposchnitt 80 km/h, Durchschnittsverbrauch 7,3 Liter auf 100 Kilometer. Bravo, Astra. Die erste Prüfung hast du bestanden.

Technische Daten Vierzylinder-Diesel •Turbolader • Hubraum 1910 cm³ • Leistung 110 kW (150 PS) bei 4000/min • max. Drehmoment 315 Nm bei 2000/min • Frontantrieb • Sechsgang • Einzelradaufhängung vorn, Verbundlenker hinten • Kofferraumvolumen 380 Liter (1300 bei umgeklappter Rückbank) • Länge/Breite/Höhe 4249/1753/1460 mm • Reifen 205/55 R 16 • Leergewicht ab 1230 kg • Spitze 210 km/h • 0–100 km/h in 9,1 s • Verbrauch 5,6 Liter Preis ca. 21.500 Euro

Modelle und Preise Astra 1.4 Twinport: 90 PS, ab 15.200 Euro • Astra 1.6 Twinport: 105 PS, ab 16.460 Euro • Astra 1.8 Ecotec: 125 PS, ab 17.010 Euro • Astra 2.0 Turbo: 170 PS, ab 20.900 Euro

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