Opel Astra C oder VW Golf V

Opel Astra C oder VW Golf V

— 07.11.2003

In welchem steckt mehr Fortschritt?

Im Frhjahr nimmt der Astra C die Verfolgung des Golf V auf. AUTO BILD hat beide schon jetzt exklusiv zusammengebracht und mit ihren Vorgngern verglichen.

Facelift oder ernsthafte Weiterentwicklung?

Einen Tusch fr den Golf. Er hat es wieder geschafft und sitzt erneut auf dem Thron. Der Golf ist Knig der Kompakten. Unter den zehn meistverkauften Autos seiner Klasse siegt er eindeutig. So weit, so gut. Aber was steckt dahinter? Markiert der neue Golf einen Quantensprung zum Vorgnger, oder ist er nur ein modisch verpackter Vierer? Als erste Autozeitschrift hat AUTO BILD ihn seinem schrfsten Konkurrenten gegenbergestellt: dem brandneuen Opel Astra. Nicht auf dem Papier, sondern eins zu eins unter freiem Himmel. Die Frage: Golf oder Astra wer hat beim neuen Modell den greren (Fort-)Schritt gemacht?

Noch ist die dritte Generation des Astra nicht auf dem Markt, aber nie waren die Ambitionen und Chancen der Rsselsheimer so gro, den ewigen Dauerrivalen aus Wolfsburg vom Sockel zu stoen. Ob das gelingt, muss das erste groe Fahrduell im Februar 2004 zeigen. Doch schon jetzt steht fest: Anders als beim Golf-Generationen-Vergleich ist der neue Astra kaum wiederzuerkennen. Das beweist die Konfrontation mit dem ebenfalls angetretenen Vorgnger. Astra anno 1998 und 2004 trennen Welten.

VW dagegen setzt auf behutsame Weiterentwicklung. Optisch erscheint der Fnfer-Golf nur als Facelift des Golf IV. Ein Fortschritt? Nein. Der cW-Wert bleibt mit 0,32 fast unverndert. hnlich undramatisch sind die nderungen am Heck. Die Rckleuchten reichen jetzt bis in die Heckklappe und erinnern besonders im Dunkeln an Touareg und Phaeton. Hbsch anzusehen, aber mehr oder besseres Licht bringt das nicht. Auffallender sind da schon die Seitenblinker. Sie leuchten in den Auenspiegeln statt an den Kotflgeln. Sieht gut aus, kommt aber teurer, falls sie in der Waschanlage oder beim Rangieren mal hngen bleiben.

Golf IV und V wirken wie zweieiige Zwillinge

Direkt nebeneinander wirken Golf IV und V wie zweieiige Zwillinge: nicht identisch, aber sehr, sehr hnlich. Das Grenwachstum des neuen (55 Millimeter lnger, 24 breiter und 41 hher) ist von auen nicht zu erkennen. Von innen umso mehr: Im Fond hat die Bein- und Kopffreiheit sprbar zugenommen. Normalgewachsene sitzen hinten ausgesprochen bequem, was im Vorgnger nicht der Fall war.

Ein Fortschritt, den der neue Golf seinem greren Radstand (sieben Zentimeter mehr) verdankt. Auch das Kofferraumvolumen soll laut VW gestiegen sein. Aus 330 sind 350 Liter geworden. Doch anstelle eines vollwertigen Reserverads kommt der Golf V serienmig nur mit Reifendichtmittel plus 12-Volt-Kompressor. Wer das Reserverad ordert, zahlt 55 Euro Aufpreis und verliert jede Menge Platz. Weil das Rad mit Fahrbereifung rund zehn Zentimeter hher kommt, fehlen fast 100 Liter Stauraum.

Auch die Qualitt des neuen Golf werden wir genau im Auge behalten. Denn seit Ferdinand Pich vom Vorstands- in den Aufsichtsratssessel gewechselt ist, scheinen bei VW die Spaltmae wieder zu wachsen. Beim AUTO BILD-Testwagen sind sie an Tren und Motorhaube messbar grer als bei mehreren wahllos herausgegriffenen Golf IV. Sollte der Qualittsfanatiker Pich bei VW wirklich fehlen?

Auch beim Golf greift die Rotstift-Politik

Nchstes Beispiel fr nachlassende Liebe zum Detail: Beim abgelsten Golf verschwinden die beiden Halteschnre der Hutablage noch elegant in zwei Aufrollern, im Fnfer sind diese verschwunden. Leider! Stattdessen gibt es billige Plastikgewichte und am oberen Ende simple Schlaufen zum Einhngen. Offensichtlicher kann Rotstift-Politik kaum sein.

Von den (rgerlichen) Kleinigkeiten zum Wesentlichen: Der Fahrersitz empfngt den Golf-Lenker wie ein alter Kumpel mit krftigem Hndedruck. Eingewhnung berflssig, alles ist vertraut. Aber nicht besser: Beim Tacho ist die silberne Zifferunterlage verschwunden. Tankinhalt und Wassertemperatur zeigen Rundinstrumente vorher waren das einfachere Halbkreisarmaturen. Trotzdem: Im direkten Vergleich erscheint das Cockpit des Golf IV hochwertiger, die Materialien edler. In seiner Anmutung ist der Fnfer eher ein Rck- als ein Fortschritt. Die Kunststoffe sind eher Skoda Octavia als VW Phaeton. Dafr sitzt man besser und tiefer. So entsteht eine direktere Verbindung zwischen Auto und Fahrer.

Auch die Lenkung spricht jetzt spontaner und prziser an; enge Kurven meistert der Fnfer schneller und ohne die krftigen Wankbewegungen des Golf IV. Da ist die Entwicklung sprbar. Sie findet bei VW also im Verborgenen statt: beim Fahrwerk und in der Lenkung. So komfortabel, leise und spursicher war bislang noch kein Golf.

Opel verjngt das Astra-Design radikal

Sicherheit steht auch bei Opel hoch im Kurs. Durchgehende Kopfairbags sind fr den Neuen serienmig. Der Alte fhrt nur gegen 380 Euro Aufpreis mit Kopfschutz. Verblffend: Stehen die Astra-Generationen 1998 und 2004 direkt nebeneinander, sieht der Astra pltzlich richtig alt aus. Anders als sein Golf-Pendant scheint der Opel mit Erscheinen seines Nachfolgers schlagartig zu vergreisen. Der Grund dafr liegt auf der Hand: Will Opel berholen, mussten sie sich was trauen. Entsprechend haben sie das Design radikal verjngt. Aus jeder Pore der Karosserie quillt Dynamik. Der neue Astra atmet stilistisch eher Mailnder Morgenluft als Rhein-Main-Mief.

Das stummelige Astra-Heck ist verschwunden. Die steile Heckscheibe mndet direkt in eine senkrechte Blechpartie, die sich wiederum an einen krftigen Heckstofnger schmiegt. Der formale Fortschritt ist nicht nur sichtbar, nein, er springt geradezu ins Auge. Auch der neue Astra wchst gegenber seinem Vorgnger, in der Gesamtlnge sogar um 14 Zentimeter. Das mag fr die Wendigkeit und beim Einparken eher nachteilig sein. Doch im Innenraum geht es nun sehr luftig zu. Dort genieen jetzt selbst lange Kerls viel Freiraum. Abgesehen von der Innenbreite, liegt der Astra mit dem Golf gleichauf. Ebenso beim Kofferraum. Die Ladekapazitten sind identisch. Noch. Denn Opel berlegt, ob sie ihr Gepckabteil mit dem Tirefit-Trick auf rund 390 Liter vergrern.

Insgesamt also ein selbstbewusster Auftritt, den Opel auch bei der Materialanmutung und den Details durchhlt. Groe, lackierte Trffner ersetzen die schwarzen Griffschalen. Die Haltebgel im Wagendach klappen vornehm gedmpft zurck, und auf der Fahrerseite ist ein praktisches Fach fr die Sonnenbrille montiert. Schade: Auf eine Anzeige fr die Wassertemperatur verzichtet Opel ebenso wie auf den Ausschalter frs ESP (zum Anfahren auf Schnee).

Astra verzichtet auf Mehrlenker-Hinterachse

Gewonnen hat indes vor allem der Qualittseindruck. Der Astra-Prototyp fr unseren Fototermin berzeugt bereits mit weichen und feinporigen Kunststoffoberflchen am Armaturentrger sowie den Trinnenseiten. Kein Vergleich mehr zur eher grobschlchtigen Interieurgestaltung seines Vorgngers. Besonders die Mittelkonsole bietet ein sehr wertiges Erscheinungsbild. Die Erreichbarkeit und Bedienung von Knpfen und Schaltern ist gut. Mit einer Einschrnkung: Wie beim Vectra sitzt auch beim Astra der Blinkerhebel jetzt sehr weit oben, wird per modernen Tippkontakt aktiviert. Nicht jedermanns Sache.

Unterm Blech bleibt Opel bei bewhrten Konstruktionsprinzipien. Fortschritt beim Fahrwerk? Fehlanzeige! Denn anders als beim Golf, der erstmalig ber eine Mehrlenker-Hinterachse verfgt, bleibt der Astra bei der simpleren Verbundlenker-Konstruktion des Vorgngers. Braucht er nicht, heit es bei Opel. Statt prziser gefhrter Hinterrder vertrauen die Rsselsheimer auf ESP. In der Tat bleibt abzuwarten, ob die aufwndigere Achse dem neuen Golf in Extremsituationen wirklich entscheidende Vorteile verschaffen kann.

Im normalen Fahrbetrieb drften beide Autos ebenbrtig sein. Um sportlichen Kunden dennoch einen Kaufanreiz zu bieten, wird der Astra mit IDS angeboten. Das steht fr Interaktives Dynamisches Fahrsystem und vernetzt ESP sowie ABS mit einer elektronischen Stodmpferkontrolle (CDC). Diese Sachs-Erfindung passt die Dmpfer blitzschnell Vernderungen der Strae oder der Fahrweise an, reduziert so Wankbewegungen der Karosserie.

Ein Fortschritt, der bezahlt werden muss: IDS wird vorerst nur in der Aufpreisliste zu finden sein. Das gilt auch fr eine Reihe von weiteren Astra-Innovationen wie Kurvenlicht, Anhnger-Stabilittsprogramm und Berg- Anfahrassistent. Alles Extras, die man in der Golf-Preisliste bislang vergeblich sucht. So gesehen, entscheidet der Astra die Fortschrittsfrage fr sich. Vorerst zumindest.

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