Opel Corsa mit Riss

Doch kein Einzelfall Doch kein Einzelfall

Opel Corsa mit Riss

— 09.08.2002

Doch kein Einzelfall

Von einem kleinen Riss mit großen Folgen und einem Hersteller, der nach anfänglichem Zögern äußerst souverän reagierte.

2000 Einzelfälle in sieben Jahren

Ein "bedauerlicher Einzelfall". So lautete die erste Stellungnahme Opels zum Riss an der B-Säule von Christina Abets Corsa. Diese Begründung für einen Material- oder Konstruktionsfehler ist etwa so alt wie Adam Opel und wird von allen Herstellern gerne verwendet. Und siehe da, aus dem Einzelfall wurden schnell viele Einzelfälle. In den ersten Tagen nach unserem Bericht kamen fast im Stundentakt neue Fälle aus dem Fax. Im Internet trat AUTO BILD eine wahre Lawine los, sämtliche einschlägigen Foren füllten sich zu diesem Thema binnen weniger Stunden. Auch unser Telefon blieb nicht still. Ein Marken-Mechaniker berichtete von einer Reparaturanleitung, die er bereits vor sieben Jahren aus Rüsselsheim erhalten hat.

Spätestens jetzt war es Zeit für einen Gesprächstermin bei Opel. "Einzelfall war vielleicht etwas unglücklich formuliert", relativiert Pressesprecher Manfred Daun den ersten Kommentar der Rüsselsheimer. Und auch Günter-Rudolf Schwarz, Leiter des Service-Centers, nennt die Dinge plötzlich beim Namen: "Seit 95 haben unsere Vertragspartner etwa 2000 Reparaturen im Rahmen von Kulanz oder Garantie vorgenommen." Über die Anzahl aller den Kunden verrechneten Reparaturen kann Schwarz keine Angabe machen, dazu fehlen Aufzeichnungen. Ebenso kennt keiner bei Opel den Grund für diese Panne. Von den rund 970.000 in Deutschland verkauften Corsa B könnte theoretisch jeder betroffen sein, denn der Riss bildet sich unabhängig von Baujahr, Motorisierung und Ausstattung. Die Tatsache, dass aber nicht jeder Corsa betroffen ist, lässt mehr auf Materialfehler und nicht auf eine mangelhafte Konstruktion schließen.

"Der Riss sieht nicht schön aus, er behindert aber nicht die Gebrauchsfähigkeit", begründet Service-Leiter Schwarz Opels Entscheidung, auf ein Schreiben an die Kunden verzichtet zu haben. Die Fahrzeuge wurden bei der Inspektion kontrolliert, bei Bedarf geschweißt. Mehr nicht. Roger Eggers vom TÜV Nord sieht hier mehr als nur einen Schönheitsfehler: "Ist das Blech stark korrodiert und neben dem Riss schon sehr dünn geworden, ist dies bei der Hauptuntersuchung ein erheblicher Mangel." Eine Plakette gibt es erst bei der Nachprüfung, wenn dieser Mangel behoben wurde.

Mehr Garantie, mehr Kulanz

Fraglich ist auch, wie sich ein Corsa mit Riss in der B-Säule bei einem Crash verhält. Der Riss führt zu einem geänderten Spannungsverlauf, und keiner kennt die genaue Auswirkung auf die passive Sicherheit: Opel hat noch nie einen Corsa mit fehlerhafter B-Säule gecrasht. Sollten sie aber tun. Denn immerhin ist an dieser Säule der Sicherheitsgurt angeschraubt. Ebenso weiß keiner der Opel-Techniker, ob sich die Crash-Eigenschaften durch die Reparatur ändern. Zumal diese recht aufwendig und kompliziert ist.

Laut Opel-Anweisung muss zunächst die Verkleidung der Seitenwand ausgebaut werden, dann wird die Flanschabdichtung der Türrahmenöffnung teilweise gelöst. Nun kommen die Verkleidung der B-Säule und die Gurtumlenkrolle raus. Rund um den Riss wird geschweißt und geklebt, die Nähte um die reparierte Stelle verputzt und lackiert. Kostenpunkt: etwa 500 Euro, immerhin geht dafür ein ganzer Arbeitstag drauf. Bei der Kostenübernahme bediente sich Opel bis vor einigen Tagen der Bedingungen für die Durchrostungsgarantie (sechs Jahre bei komplettem Servicenachweis). Nach unserer Recherche kommen die Rüsselsheimer nun ihren Kunden entgegen – und verlängern den Zeitraum der Durchrostungsgarantie auf zwölf Jahre.

1993 startete der Corsa B in Deutschland, selbst die ältesten Fahrzeuge kommen somit wieder in den Garantie-Genuss. Ist kein kompletter Service-Nachweis vorhanden, zeigt sich Opel dennoch ungewöhnlich kulant und übernimmt bei einem Fahrzeugalter von bis zu sechs Jahren 75 Prozent der Reparaturkosten, bei älteren Fahrzeugen immerhin noch 50 Prozent. Jeder Corsa-Besitzer kann sich mit seinem Fahrzeug an den nächsten Opel-Partner wenden, der sich wiederum mit dem Service-Center in Rüsselsheim in Verbindung setzt. Bei der Garantieabwicklung sind garantiert Schwierigkeiten zu erwarten. Schon weil es einige Zeit dauert, bis alle Opel- Partner informiert sind. Wir helfen betroffenen Lesern gerne: Schicken Sie bei Schwierigkeiten Ihre Unterlagen – AUTO BILD hilft auch bei Garantie-Sorgen.

Rat vom Rechtsexperten

Tipp Grundsätzlich gilt beim Handel mit Gebrauchtwagen, auch von privat an privat, dass der Verkäufer "zumindest solche Tatbestände offenbaren muss, die erkennbar für den Kaufentschluss des Käufers von Bedeutung sind und deren Mitteilung von ihm bei den konkreten Gegebenheiten des Einzelfalles erwartet werden kann" (AG Aachen, AZ. 85 C 315/98). Selbst für fachgerecht reparierte Unfallschäden gilt das allemal. Aber auch bei Schweißarbeiten an tragenden Fahrzeugteilen wie zum Beispiel der B-Säule, die aufgrund einer Hersteller-Anleitung in einer autorisierten Fachwerkstatt ausgeführt wurde, sollte der Verkäufer den Käufer informieren, um im Falle eines Streits auf der sicheren Seite zu sein. Das sollte selbst auf die Gefahr hin geschehen, dass der Käufer daraufhin versucht, den Preis zu drücken. R.-P. Rocke, AUTO BILD Rechtsexperte

Kommentar Fehler machen alle einmal. Bei der Mercedes E-Klasse rosten nach kurzer Zeit die Türen (AUTO BILD Nr. 17/01), Passat und Audi A4 bremsen bei Salzstreuung nur ungenügend (Nr.4/99), der Audi TT fliegt ohne ESP aus der Kurve (Nr. 42/99). Kein Hersteller ist vor Pannen sicher. Unterschiede zeigen sich allerdings bei der Kundenbetreuung. Denn hier macht der Ton die Musik. Opel erlaubte sich mit der "Einzelfall"-Bemerkung zwar einen kaum überbietbaren Fehltritt – und punktet dennoch mit dem Prädikat "kundenfreundlich". Nachträglich die Garantiezeit um 100 Prozent verlängern, dazu noch eine Kostenbeteiligung, wenn der Service-Nachweis fehlt – kulanter geht’s kaum. Wenn Opel weiterhin so loyal hinter dem Kunden steht, braucht man sich um die Zukunft der Marke keine Sorgen zu machen. Nikolaus Eickmann, Redakteur AUTO BILD

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