Ostsee-Strecke A20 freigegeben

Ostsee-Strecke A20 ist freigegeben Ostsee-Strecke A20 ist freigegeben

Ostsee-Strecke A20 freigegeben

— 08.12.2005

Die schnellste Straße Deutschlands

Der Osten macht den Weg frei: In Rekordzeit wurde die A20 von Lübeck bis Stettin gebaut. Merkel: "Davon kann der Westen lernen."

Eine Autobahn als Lebensader des Nordens

Die Autobahnbauer der bundesdeutschen Nachkriegszeit waren gewiß rege. Vervierfacht hatten sie das Netz zwischen 1950 und 1990 auf 8800 Kilometer. Doch die längste dieser Schnellstraßen, die in der deutschen Geschichte gebaut wurde, sollte ein "Verkehrsprojekt Deutsche Einheit" sein: die Ostseeautobahn, mit 324 Kilometern eine erheblich längere Strecke als die großen Würfe im alten Westen wie etwa die A7 von Göttingen nach Hamburg oder die A6 von Heilbronn nach Nürnberg.

Am Mittwoch (7. Dezember) wurden die zwei letzten Lücken zwischen Greifswald und Gützkow sowie zwischen Grimmen-West und Tribsees geschlossen. Geschafft, könnte man nun, nach dem feierlichen Schnitt durchs Band sagen; doch die Phantasien gehen längst weiter, nach Westen von Hamburg aus entlang der Nordseeküste oder nach Osten in Richtung Danzig.

Die zuletzt reibungslose Art, wie die Ostseeautobahn nach anfänglich heftigen Protesten fertiggestellt wurde, könnte die Hoffnungen der Autofahrer hierbei beflügeln. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die mit einer feierlichen Zeremonie die neue Autobahn eröffnete, bezeichnete die vierspurige Trasse als "Lebensader des Nordens" und lobte die zügige Vollendung als ein Beispiel, "wie der Westen vom Osten lernen kann". Zwischen Planungsstart und Fertigstellung lagen 15 Jahre. "Nur" darf man in diesem Fall getrost schreiben.

Aufmarsch der Umweltaktivisten

Vergessen sind die Tage, als sich 1992 etwa, beim ersten Spatenstich in der Nähe von Wismar, Mitglieder von Greenpeace an frisch gepflanzte Bäume mit Handschellen ketteten oder als im Peenetal bei Jarmen ein Hüttendorf den Bau in einem Naturschutzgebiet blockieren sollte. Allein in Lübeck hatten sich 18 Bürgerinitiativen gegen das Projekt zusammengeschlossen und einen Baustopp erreicht, der erst 1998 aufgehoben wurde. Umweltschützer waren nicht die einzigen, die Bedenken vortrugen, doch die Vorbehalte anderer Lobbyisten verdeutlichen eher Chancen als Schäden, die die Autobahn bietet. So hat die Tourismusbranche in Schleswig-Holstein sicher nicht zu Unrecht Angst, daß ihre Kundschaft nun noch leichter den Osten entdecken könnte.

Die Gastronomie auf dem Darß, Rügen, Hiddensee oder Usedom erfreut sich – gewiß nicht zuletzt aufgrund bereits fertiggestellter Trassenabschnitte – fast zweistelliger Zuwachsraten, während das Hinterland Mecklenburg-Vorpommerns durchweg stagniert oder gar absackt. Und das Handwerk aus Lübeck fürchtet zunehmend die Konkurrenz aus dem Osten. Beide Ängste dürften sich verstärken, wenn die Straße im ehemaligen Hinterpommern weitergeführt wird und die A20 sich eher als Verkehrsprojekt Europäische Einheit und noch stärker als schon heute auch als Transitstrecke nach Polen erweisen wird.

Die Autobahn verläuft parallel zur Küste: vom Anschluß zur A1 bei Lübeck über Wismar, Rostock, Grimmen, Greifswald und Neubrandenburg bis Prenzlau, wo sie auf die A11 Berlin-Stettin stößt. Durch Mecklenburg-Vorpommern verlaufen 280 Kilometer der A20, 27 Kilometer liegen in Brandenburg, 17 Kilometer in Schleswig-Holstein. Der Bau erforderte 320 Brückenbauwerke, darunter 14 große Autobahnbrücken.

Spürbare Entlastung vom Lkw-Verkehr

1,9 Milliarden Euro hat die gesamte Strecke gekostet, und viele Menschen aus der norddeutschen Region werden dieses Geld als Investition in einen Bereich ansehen, den Greenpeace – vor allem aus dem Westen – vor der Autobahn eigentlich schützen wollte: ihre Umwelt. Nicht nur die Bewohner von Wismar, die vom Nachwendeverkehr geradezu erdrosselt wurden und denen die Umweltschützer die Umgehung versagen wollten, können nun langsam wieder aufatmen. Auch viele Dörfler entlang der Bundesstraßen 96, 105 und 109 erhalten jetzt ein wenig Entlastung angesichts des dramatisch zunehmenden Lkw-Verkehrs. In Mecklenburg-Vorpommern waren laut Umfragen denn auch 90 Prozent der Bewohner für den Autobahnbau. Ökologische Bedenken hegten die wenigsten.

Geschäftswelt und Urlauber im Auto sind nun schneller an ihren Zielorten – oder auch erst in ihrer Nähe, und da kann es dann doch noch mal eng werden: am Nadelöhr der Überfahrt nach Rügen bei Stralsund. Die zweite Brücke über den Strelasund wird erst seit vergangenem Jahr gebaut. Anwohner wie Touristen hoffen auf die planmäßige Fertigstellung des 4,1 Kilometer langen Bauwerks 2007.

Als die Autobahn projektiert wurde, war Günther Krause (CDU) Bundesverkehrsminister. Manche wähnten damals keinen Zufall dahinter, daß der erste Spatenstich ausgerechnet bei Krauses Wohnort Wismar getätigt wurde. Wenn aber gestern Kanzlerin Merkel bei Grimmen das allerletzte Teilstück freigibt, so dürfte es schwerer fallen, hier anderes als Zufall zu vermuten – auch wenn Grimmen in Angela Merkels Wahlkreis liegt.

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