Panamera trifft Yeti trifft Prius

Panamera trifft Yeti trifft Prius

— 21.09.2009

Herr Schmidt sucht sein Glück

Autos prägen ihre Benutzer. Im Porsche Panamera sind wir andere Menschen als im Toyota Prius oder Skoda Yeti. Was machen Autos aus uns? Und warum eigentlich? Ein Selbstversuch von Bernhard Schmidt.

Eigentlich mache ich ganz gern Camping, doch einmal war es grässlich: Ich parkte einen nagelneuen Rolls-Royce auf Parzelle 29. Hundehüttenzelt, Gaskocher, in Flipflops zur Münzdusche. Das reine Spießrutenlaufen. Andererseits steige ich auch gern in Luxushotels ab, bis auf einmal: Ich reiste in einer bunten Kastenente an. Cool, sagen manche, ich sage: leichte Atemnot, große Schamgefühle. Und warum? Kleider machen Leute, und die Autos, die wir uns anziehen, malträtieren unser Hirn mit der ganzen Schwere ihrer Symbolik. Und jetzt Porsche Panamera, Toyota Prius, Skoda Yeti im Selbstversuch, einer nach dem anderen im ganz normalen Alltag.

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"Prius fahren ist Glaube, Liebe, Hoffnung. Der Glaube, dass das Auto einen besseren Menschen aus mir macht."

Ich dachte immer, ich bin ich. Dabei bin ich ein Chamäleon. Weiches Hirn, leicht knetbar. Ich kann das locker sagen, denn ich weiß, ich bin nicht allein. Autos sind das materialisierte Bewusstsein ihrer Erbauer, und deren Botschaften trommeln auf uns ein, bis wir zur Marionette werden. Sie kitzeln unsere dunklen und unsere lichten Seiten, vom Pitbull bis zur Friedenstaube. Der Prius ist dabei ein besonderes Phänomen der Massenpsychologie, und ich wundere mich, wie ich plötzlich fahre. "Bitte nach Ihnen, kein Problem, ich hab' ja Zeit", denke ich, als ein SLK zögernd, aber ungeduldig in meine Vorfahrt stößt. Vollgas? Quatsch, ich bin doch kein Halbstarker und mache Lärm, die armen Leute, die hier wohnen. "Sie möchten die Spur wechseln, bitte sehr, bitte gern." Vielleicht schaffe ich es heute, unter vier Litern zu bleiben. Eigentlich widerspricht so ein Toyota Prius den Gesetzen der Marktwirtschaft, denn er ist irrsinnig komplex und aufwendig herzustellen, ohne überragende Vorteile zu bieten. Aber er verkauft sich blendend.

LOHAS heißt Lifestyle of Health and Sustainability

"Technisch gesehen ist der Hybrid ein rollendes Wunderwerk."

Sein Durchbruch entspringt eher dem Zufall als einer klugen Strategie. Wir schreiben Ende 2003, der Irakkrieg gilt zwar als siegreich beendet, aber viele amerikanische Bürger empören sich gegen den militärischen Rundumschlag der Regierung Bush. Da taucht zum Jahreswechsel die zweite Generation dieses anderen Gefährts aus Japan auf und wird umgehend zum griffigen Symbol des Protests. Es ist ein Gegenentwurf zu dem, was Detroit bietet, wo Bushs Brüder im Geiste die Autos bauen. General Motors, Ford und Chrysler werden wegen ihrer notorischen Betonköpfigkeit indiskutabel für aufgeklärte Amerikaner – mit den bekannten Konsequenzen bis heute. Der Prius dagegen erbt die Rolle von Käfer und Bulli aus der Flower-Power-Protestzeit der Sechziger und wird zu einem Vehikel, das nur nebenbei Personen transportiert. Wichtiger ist der Transport der Botschaft: Ich mache nicht mit, was das offizielle Amerika als Ideologie verbreitet. Nun trägt der Prius seinen Stempel und sein Fahrer auch. Ich fühle mich in ihm ganz sanft, denn die Welt erwartet von mir, ein netter Mensch zu sein oder ein LOHAS, so sagen die Soziologen.

LOHAS heißt Lifestyle of Health and Sustainability (gesunder und nachhaltiger Lebensstil), damit sind die wohlhabenden Großstädter gemeint, die ihre Kinder vom Ballettunterricht zum Yogakurs chauffieren und selbstverständlich nur in Biomärkten einkaufen. Entsprechend benehme ich mich. Mein Ehrgeiz gilt dem Durchschnittsverbrauch und dem Stiften von Frieden auf der Straße. Der Hybrid-Toyota flüstert in mein Ohr, dass die Welt ein höchst lebenswerter Ort ist, dass ich dafür aber ein paar meiner archaischen Triebe opfern müsse. In ihm wird der Verkehr wie von selbst zur sozialen Veranstaltung, und ich spüre das Lächeln der Bäume, wenn ich vorbeirolle. Spaß muss allerdings neu definiert werden. Den gestrigen Genuss mit Brummbrumm erlebt man in ihm nicht. Als zeitgenössischen Spaß serviert er das Betrachten der komplexen Energieströme auf dem Monitor. Kopf-Spaß statt Bauch-Spaß. Die Lautlosigkeit seines E-Antriebs ist dabei eine der Sensationen. Während Porsche Sound-Designer beschäftigt, ist der Prius schon eine Stufe weiter: Er schweigt. Allerdings fährt er nur maximal zwei Kilometer lang still elektrisch, dann kickt der unmelodische Vierzylinder ein.

"Ich spüre konzentriertes Testosteron, die Männer gucken"

"Im Panamera bin ich gleichgültig, denn die Knöllchen sind mir ebenso egal wie die Herausforderungen auf der Autobahn."

Der Porsche Panamera klingt dagegen immer wollüstig. Beim ersten Anblick erinnert er mich jedoch an einen VW 411, der auf modern macht. Massig und plump, aber auch aufreizend arrogant steht er da. Ein Elefant im Porzellanladen. Das Ding ist riesig und immer zu schnell, und um ihn herum tummeln sich all diese kleinen, verdutzten Autochen. Furchtbar, diese Armut überall, denke ich, während ich das konzentrierte Testosteron der männlichen Bevölkerung auf mich prallen spüre. Alle Männer gucken rüber. Und die Frauen? Vielleicht die falschen. Und dann sind da noch diese lästigen Regeln. In einem Panamera grüble ich über den Artikel 3 des Grundgesetzes: "Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich." Ungerecht, denke ich, Mücke und Elefant sind ja auch nicht gleich. Wenn ich nicht besser als die anderen wäre, hätte ich mir ja kaum so einen feisten Porsche leisten können für 150.000 Euro, oder? Und erst diese absurden Geschwindigkeitsvorschriften! Mamma mia, Zeitlupe allenthalben. Na, zum Glück gibt es noch die Autobahn. Da trete ich das rechte Pedal und zünde einen Vulkanausbruch. Herausforderungen von vermeintlich schnellen anderen Autos werden zwanghaft, aber gern angenommen. Im Porsche Panamera bin ich siegessicher. Ein BMW M5 möchte ein Rennen? "Das willst du nicht wirklich, mein Freund. Die Autobahn hat einen neuen König, und der bin ich." Das Hirn bleibt stehen, wenn der Zweitonner von 500 PS und 770 Newtons nach vorn gefeuert wird.

"Yeti-Mantra: Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein"

"Der Skoda gefällt mir, weil er keine Verrenkungen verlangt – weder körperliche, noch emotionale."

Bleibt der Skoda Yeti, dieser mysteriöse Schneemensch, der mir der Liebste des Trios ist. Ich glaube, ich falle mitten in sein Beuteschema. Er ist kein Radikaler, weder ultragrün noch ultraegoistisch, er ist wie du und ich, burschikos, robust, versteht mal einen Scherz, ich kann ihn auch mal ruppiger rannehmen, er geht mit mir durch dick und dünn. Ich sehne mich höchstens ein wenig nach Schneeverwehungen, Erdrutschen oder Land unter, um dem Rest der Gemeinde mal zu zeigen, was ein echter Yeti ist. Steile Abhänge checke ich mit einer gewissen, bislang unbekannten Neugier, und ich bin traurig, weil Deutschland kein Stück Sahara besitzt. Ansonsten? PS ja, Höchstgeschwindigkeit auch. Er ist gut für den Seelenfrieden. Denn in ihm muss ich mich nicht verrenken, um aufgesetzten Rollen zu genügen. So ist es: Ich bin aus dem Stoff des Yeti gewebt. Wie der Herr, so's Gescherr.

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