Paris und London machen mobil

Stadtverbot für Geländewagen?

Paris und London machen mobil

— 23.06.2004

Stadtverbot für Geländewagen?

In Paris und London formiert sich Widerstand gegen große SUV. Die Franzosen planen gar eine Ökoabgabe von bis zu 3200 Euro.

"Komplette Idioten" in "Todesmaschinen"

Der Bürgermeister von London hält ihre Besitzer für "komplette Idioten", der Verkehrsdezernent von Paris sieht in ihnen "Todesmaschinen": Gemeint sind tonnenschwere Geländewagen, die statt über unbefestigte Wege vorwiegend zweckentfremdet durch die Städte gefahren werden.

Der Pariser Stadtrat beschloss nun, den Spritfressern das Leben so schwer wie möglich zu machen, und die französische Regierung will die Anschaffung großer Geländefahrzeuge mit einer Ökoabgabe von bis zu 3200 Euro bestrafen. Denn trotz drohender Klimakatastrophe und chronisch verstopften Innenstädten haben die 4x4, wie BMW X5, Jeep Cherokee, Volkswagen Touareg und Co in Frankreich wegen ihres Allradantriebs genannt werden, Hochkonjunktur. Während 2003 insgesamt 6,3 Prozent weniger Neuwagen zugelassen wurden, legten die Geländewagen im Land der Baguettes ein sattes Plus von 31 Prozent hin. Auch in Deutschland trotzt die Nische mit zweistelligen Zuwachsraten der flauen Autokonjunktur.

Vor allem der hohe Benzinverbrauch ist Umweltschützern ein Dorn im Auge. In Paris verliehen drei Umweltorganisationen jetzt dem Mercedes-Benz G 500 den Tuvalu-Preis – benannt nach einer Inselgruppe im Pazifik, die wegen der globalen Klimaerwärmung überschwemmt zu werden droht. Über 20 Liter verbrauche der über zwei Tonnen schwere Wagen im Stadtverkehr, kritisierten sie. Unter den 18 Fahrzeugen, die am meisten Kohlendioxid freisetzten, seien 14 Geländewagen.

Der grüne Pariser Verkehrsdezernent Denis Baupin wettert zudem, zahlreiche 4x4-Fahrer parkten ungeniert die Bürgersteige zu und gefährdeten mit ihrem völlig überflüssigen Rammschutz ("Kuhfängern") schon bei geringen Geschwindigkeiten Fußgänger. Der gerade wiedergewählte Labour-Bürgermeister von London, Ken Livingstone, brachte das wachsende Unbehagen jüngst drastisch auf den Punkt. Jemand, der mit dem Geländewagen seine Kinder zu Schule bringe, sei einfach ein Idiot. Die Fahrzeuge seien Statussymbole und gehörten nicht in die Stadt, sagte der populäre Politiker.

"Verlogene Diskriminierungskampagne"

Auch die konservative Regierung von Premierminister Jean-Pierre Raffarin hat die Spritfresser jetzt ins Visier genommen. Ab dem nächsten Jahr soll der Kauf besonders umweltfeindlicher Fahrzeuge – wie etwa eines Geländewagens mit Acht-Zylinder-Dieselmotor, aber auch anderer Pkw-Schwergewichte – über eine Sonderabgabe bis zu 3200 Euro verteuert werden. Kriterien sind der Benzinverbrauch und der Ausstoß von Schadstoffpartikeln.

Der Pariser Stadtrat beauftragte derweil mit den Stimmen der rot-grünen Mehrheit die Polizeipräfektur und die Verwaltung, alles zu tun, um die Nutzung von Geländewagen in der französischen Hauptstadt so rasch als möglich einzuschränken – als Hebel sollen die Bestimmungen zur Luftreinhaltung dienen. Die Grünen fordern zudem, den Besitzern das Anwohnerparken zu verwehren und die Fahrzeuge aus verkehrsberuhigten Zonen ganz zu verbannen.

Der Protest ließ nicht auf sich warten. Der französische Geländewagen-Verband wittert eine verlogene "Diskriminierungskampagne gegen eine Million französische Familien". Viele Personenwagen der Oberklasse benötigten genauso viel oder mehr Sprit und Platz als die allradgetriebenen Fahrzeuge, von denen die Mehrzahl ohnehin nicht in die Kategorie des Mercedes-Benz G 500 oder ML 500, sondern die der kleineren Nissan X-Trail oder Toyota RAV4 fielen.

In ihrem Zorn rückten die 4x4-Fans gleich die gesamte Umweltbewegung in die Nähe des Totalitarismus. Auch der stellvertretende Bürgermeister von Bordeaux, Henri Pons, sprach von Demagogie, als er von den Grünen mit einem ähnlichen Antrag wie in Paris konfrontiert wurde. Kein Wunder: Der konservative Politiker war im Geländewagen zur Sitzung des Stadtrats vorgefahren.

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